DER Literaturkritiker

Uwe Wittstock - Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie   Cover: BlessingAm 2. Juni wäre Marcel Reich-Ranicki 95 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass werden in der Frankfurter Ausstellung Marcel Reich-Ranicki – Sein Leben (ausführlich dazu Sandra Kegel in der FAZ) bisher unbekannte Fotos präsentiert und zusammen mit persönlichen Gegenständen ausgestellt. Uwe Wittstock und Wolfgang Schopf zeigen den Privatmann MRR inklusive Lieblingslederungetüm (Lesesessel). Auch Wittstocks Biografie, die zuerst 2005 mit dem Titel Marcel Reich-Ranicki – Geschichte eines Lebens erschien, ist nun, nach zehn Jahren, in überarbeiteter und um die letzten Lebensjahre des „Literaturpapstes“ erweiterter Ausgabe unter dem reduzierten Titel Marcel Reich-Ranicki – Die Biografie erhältlich.

von NADINE HEMGESBERG

In seinen Anmerkungen zur deutschen Literatur der siebziger Jahre, die Reich-Ranicki seinen Entgegnungen (zuerst 1982, erweitert 1985) voranstellt, schreibt er über die Autoren dieses Jahrzehnts: „Indes haben wir es in der Regel mit isolierten, offenbar im Abseits entstandenen Arbeiten zu tun. Überdies fällt es auf, daß sie meist aus der Feder von Autoren stammen, die sich längst als Außenseiter begreifen oder zumindest im Laufe der siebziger Jahre immer mehr in die Außenseiterrolle geraten sind.“

Was er hier für eine ganze Generation von Autoren und Autorinnen konstatiert (wenn nicht gar für den Schriftstellerberuf als solchen) – die Einsamkeit, die Isoliertheit im Schaffen –, ist dem öffentlichen Literaturkritiker Reich-Ranicki wie dem Privatmann MRR nicht fremd gewesen. Als Jude im Nachkriegsdeutschland sah er sich mit offenem oder subtilem Antisemitismus konfrontiert, in der Wohnung in Hamburg-Niendorf war er der einsame Mann ohne illustren Freundeskreis und in seiner Rolle als Kritiker wollte er trotz apodiktischer Urteile über die Literatur vom Betrieb und den Autoren und Autorinnen geliebt werden – eine Crux.

Als Außenseiter habe er sich also ein Leben lang empfunden, manchmal vielleicht zu Recht (manchmal vermutlich aber auch zu Unrecht), so eine die gesamte Biografie durchziehende Deutung von Uwe Wittstock (Wulf Segebrecht stellt dies schon in seiner Besprechung 2005 in der FAZ fest). Uwe Wittstock fasst das Außenseitertum Reich-Ranickis so zusammen: „Vielleicht ist es also letztlich doch richtig, Reich-Ranicki einen lebenslangen Außenseiter zu nennen. Zu Anfang, weil ihm Zugehörigkeit verweigert wurde, später, weil er vor Zugehörigkeit zurückscheute und sie ihm, angesichts des Schicksals seiner Familie, unmöglich war. Er hatte in Frankfurt ein Zuhause gefunden, Freunde, und vielleicht sogar eine Ahnung von Heimat gefunden, ‚Wer weiß?‘, aber die Erfahrung einer weitgehend bruchlosen Identifikation blieb ihm verwehrt. […] Möglicherweise war, wie Rachel Salamander es auf eine prägnante Formel bringt, ‚letztlich der Ruhm seine Heimat‘.“

Ein Leben für die Literatur

Von 1980 bis 1989 war Uwe Wittstock in der Literaturredaktion der FAZ unter dem Literaturchef Marcel Reich-Ranicki tätig (danach Stationen als Lektor beim S. Fischer Verlag, als stellvertretender Feuilletonchef der WELT und seit 2010 Literaturchef des FOCUS). In zwölf Kapiteln (von der Kindheit im polnischen Włocławek über das Warschauer Ghetto, die Anfänge als Kritiker im Nachkriegsdeutschland und seine erst spät bekanntgewordene Geheimdiensttätigkeit bis zur Verfilmung von Mein Leben [mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle] und dem Skandal beim Deutschen Fernsehpreis 2008) und rund 150 Seiten umfassender als noch in der ersten Ausgabe widmet sich Wittstock nun dem Leben von Reich-Ranicki. Dafür führte er erstmals oder erneut Interviews mit seinen Wegbegleitern und Widersachern wie z.B. Günter Grass, Thomas Gottschalk oder dem Dichter Peter Rühmkorf, mit dem Reich-Ranicki eine widersprüchliche Beziehung verband (von Reich-Ranickis Seite aus gleichermaßen von Bewunderung und Genervtheit geprägt; siehe auch der im Wallstein Verlag herausgegebene Briefwechsel zwischen Dichter und Kritiker)

Unter ihnen auch Marcel Reich-Ranickis Cousin Lucien Calmat (ursprünglich Lucjan Kalmanovicz), den Wittstock im vergangenen Jahr in Frankreich traf. Wittstock hält mit dieser kurzen verwandtschaftlichen Abschweifung die wahrlich abenteuerliche Flucht von Lucien Calmat, damals 16-jährig, von Polen über Litauen bis zur Ausreise über die Sowjetunion nach Japan fest. Es ist eine ebenso fesselnde wie am Ende rührende Geschichte. Calmat berichtet im Zuge der Erzählung seines bewegten Lebens auch von einer Szene in eben jener Pariser Wohnung mit Reich-Ranicki, in der er auch Wittstock empfing: „‚Nur einmal‘, sagte Calmat, ‚habe ich ihn weinen sehen Ich gab ihm den Brief, den seine Schwester mir nach Schanghai geschickt hatte. Ich habe den Brief noch. Darin zählt sie auf, wer von unserer Familie ermordet worden war, wer im KZ war und wer überlebt hat. Marcel saß hier, las den Brief und weinte.‘“

„[K]ompakt und präzise, freundlich und überraschungsfrei“

Gerrit Bartels konstatierte 2005 zum Erscheinen von Marcel Reich-Ranicki – Geschichte eines Lebens, es handele sich bei dem schlanken Buch um eines, das „kompakt und präzise, freundlich und überraschungsfrei“ von Reich-Ranickis Leben erzählt. Man kann sich dahingehend anschließen, auch zehn Jahre später gelingt Wittstock eine breitgefächerte Charakterstudie MRRs, die sich jedoch vor größeren Kontroversen scheut.

Oliver Fink mokierte ebenfalls 2005, dass zum 85. Geburtstag des Literaturkritikers „die gewaltige MRR-Vermarktungs-Maschinerie erst so richtig in Gang“ komme. Harsch ist dieses Urteil, ganz Unrecht mag Fink mit Sicherheit natürlich nicht haben. Auch die erweiterte Ausgabe scheint zeitlich kein Zufall zu sein, bot sich doch nach MRRs Tod 2013 eine abschließende Überarbeitung an, die jedoch, so lässt sich festhalten, in Teilen mit der heißen lektorierenden Nadel gestrickt ist. Einige Redundanzen hätten sich vermeiden lassen, eine Überarbeitung des rechtschreibfehlerlastigen „Familienkapitels“ ist in einer neuen Auflage unumgänglich.

Nichtsdestotrotz ist die Lektüre von Wittstocks Biografie zu empfehlen: Mit leichter Hand nähert er sich dem ehemaligen Vorgesetzten, weiß das ein oder andere Bonmot aus der gemeinsamen Zeit bei der FAZ zu erzählen und berichtet einfühlsam von MRRs Lebensende.

Uwe Wittstock: Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie
Blessing, 432 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-89667-543-9
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