Es war einmal in der afghanischen Wüste…

"Afghanistan" am Rottstr5-Theater   Foto: Sabine MichalakMit Afghanistan zeigt das Rottstr5-Theater kurz vor der Sommerpause eine Produktion, die nicht – wie der Titel nahelegt – politische Schuldzuweisungen zum Hauptthema macht, sondern zwischen Taliban und britischer Besatzungsmacht ein psychologisches Kammerspiel in der Wüste inszeniert. Die vier Darsteller überzeugen, die Dramaturgie nur bedingt.

von HELGE KREISKÖTHER

Die Vorlage für das Rottstraßen-Afghanistan findet man im Stück The Empire des 1980 geborenen britischen Nachwuchs-Dramatikers DC Moore. 2010 in London uraufgeführt, löste es unmittelbar Kontroversen aus. Dabei geht es inhaltlich kaum um politische Auseinandersetzungen, geschweige denn Aufarbeitungen wie noch jüngst in den Produktionen Wir sind die Guten am Schauspiel Essen oder Common Ground von und mit dem Gorki-Ensemble. Vielmehr werden die Abgründe des entzivilisierten Menschen ausgelotet: Willkür, Schmerz, Verhöhnung und (fehlende) Selbstdisziplin prallen unverhüllt auf die Zuschauer ein.

Gary (Nicolas Martin) ist als britischer Soldat in der süd-afghanischen Provinz Helmand stationiert. Zusammen mit Hafizullah (Akbar Paktin), den er sich gefügig gemacht hat und unentwegt „Paddy“ nennt, entdeckt er eines Tages den bewusstlosen Körper eines vermeintlichen Terroristen (Tobias Amoriello) auf dem Schlachtfeld und trägt ihn fort ins Lager, wo im Grunde das ganze Setting angesiedelt ist. Als der Unbekannte nach einiger Zeit zu sich kommt, zeigt er sich verängstigt und stellt sich schließlich als Zia vor. Mit Terrorismus habe er nichts zu tun, er wolle nur Urlaub machen in Afghanistan, auf Drängen seines reichen Onkels; dabei sei er irgendwie entführt worden und letztlich im englischen Lager wieder erwacht. Davon will Gary kein Wort glauben. Erst recht nicht, weil er Zia verdächtigt, seinen Kameraden Phipps erschossen zu haben. Lediglich Captain Mannock (Simon Krämer) vermag den erregten, selbstgerechten Korporal noch ansatzweise im Zaum zu halten – bis ihm die Sicherungen durchbrennen und er Zia kurzerhand foltert und trotz Widerstand der Beistehenden am Ende sogar mit der Pistole blutig schlägt. Ein Hubschrauber trifft ein; inwieweit Gerechtigkeit siegt, bleibt offen.

"Afghanistan" am Rottstr5-Theater   Foto: Sabine MichalakNichts für Ästheten und Nichtraucher

Wenn man eine Vorstellung im Rottstr5-Theater besucht, sollte man sich im Klaren darüber sein, ein äußerst kleines „Schauspielhaus“ zu besuchen, das ohne Eintrittskarten, programmatische Hintergrundinformationen oder eine „ordentliche“ Bühne auskommt. Darüber hinweggesehen vermag eine Aufführung unter der Eisenbahnbrücke jedoch durchaus zu beeindrucken: Die Enge schafft Intimität, jedes Atemgeräusch kann sich seiner immensen Wirkung gewiss sein. Und so beginnt der Afghanistan-Abend mit elektronisch-orientalischer Musik, bevor der keuchende Gary eintritt, immer wieder in die hintere Seitentür hineinruft – wie gesagt: es fehlt die große Bühne – und schließlich Hafizullah dazustößt, der Zias Körper hinter sich herschleift.
Unterhaltsam, an manchen Stellen sogar brillant sind die derben Wechsel zwischen Situationskomik und -tragik. Während „Paddy“ z. B. kaum etwas zustande bringt, außer sich einen Joint nach dem anderen zu basteln, und Gary seine Mühe hat, eine halbwegs akzeptable Kommunikation aufzubauen, erahnt man im weiteren Handlungsverlauf, welche Skrupellosigkeit und Verletztheit hinter Entscheidungen in Kriegssituationen steht. Blind vor Schmerz über den Tod seines Kameraden gibt Gary Zia nicht einmal die Chance, sich vernünftig zu erklären – allein schon, weil ohnehin jeder Taliban die gleichen raffinierten Ausreden benutze.
Requisiten sind Fehlanzeige (abgesehen von Soldatenuniformen, einem Ölkanister und einer Pistole). Auch auf besondere Lichteffekte oder Video-Einspielungen verzichtet die Inszenierung (Regie: Maximilian Strestik). Umso mehr liegt der Fokus sinnigerweise auf den vier Darstellern, deren Mimik und Gestik weitaus mehr überzeugen als das dramaturgisch überzogene, unentwegte Rauchen – Asthmatikern sei der Besuch der Vorstellung abgeraten! – oder unnötige slapstick-artige Einlagen, die womöglich dem britischen Humor geschuldet sind.

Von Affen und Fotzen

Jedwede kunstvolle Sprache ist in einem afghanischen Soldatenlager natürlich fehl am Platze. In der Wüste liegen die Nerven blank, permanente Gefechte und Terrordrohungen tun ihr Übriges. Somit kann man es dem Stück eigentlich nicht zum Vorwurf machen, dass Wendungen wie „verfickte Scheiße“, „Fotze“ oder „blöder Wichser“ den größten Textanteil ausmachen – schon bei Büchner wird schließlich „gepisst“ und „geschissen“. Muss es aber derart inflationär geschehen? Vielleicht eine Geschmacksfrage.
Die Assoziation zum sogenannten „in-yer-face theatre“ kommt auf, man fühlt sich als Zuschauer regelrecht angespuckt von den Figuren, die zwischen Moral und Gewissensbetäubung hin- und hertaumeln. Gary spricht gegen Ende des Stücks einen Satz aus, der die gesamte Handlung lakonisch, aber recht treffend zusammenfasst und sie dann doch auf eine politische Dimension anhebt: „Dumme weiße Affen, regiert von Lackaffen, kommandieren braune Affen.“

 

Informationen zum Stück
Weitere Vorstellungen:
Donnerstag, den 9. Juli
Samstag, den 25. Juli
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