Stoischer Realismus

COVER_Williams_Butcher's Crossing_dtvDie Wiederentdeckung von John Williams’ lange nur als Geheimtipp gehandeltem Roman Stoner (1965) sorgte 2013 im deutschen Feuilleton für Furore . Seit Kurzem liegt nun auch Williams’ früherer Roman Butcher’s Crossing (1960) in deutscher Übersetzung vor. Wenn es sich bei diesem Western auch um einen ganz anderen Roman handelt als bei Stoner, so verdient er doch eine keineswegs weniger enthusiastische Aufnahme.

von BERNHARD STRICKER

Auf den ersten Blick können zwei Romane kaum unterschiedlicher sein als diese beiden, und doch tritt ihre jeweilige Besonderheit gerade im Licht ihrer Überschneidungen und Unterschiede klar hervor: Stoner beginnt, als der Protagonist gleichen Namens vom Bauernhof seiner Eltern zu Fuß zum Studium in die nächstgelegene Stadt aufbricht. Noch bevor er die Hälfte des Weges zurückgelegt hat, ist seine eigens für das neue Studentenleben gekaufte Hose bereits bis zu den Knien hoch vom Staub der Straße verdreckt. William Andrews, die Hauptfigur von Butcher’s Crossing, hat sich dagegen zu Beginn des Romans von der Universität bereits verabschiedet. Noch vor Abschluss seines Studiums in Harvard kehrt er der Akademie den Rücken und tritt auf der Suche nach dem Abenteuer die beschwerliche Reise in eine kleine Ansiedlung in Kansas an. Kaum dass er dort aus der Kutsche gestiegen ist und einen Fuß auf den Boden gesetzt hat, setzt sich bereits der Staub an seinen Stiefeln und seiner Hose fest. Zwei Geschichten, von denen jede beinahe als die Umkehrung der anderen erscheinen kann. Doch gerade darum lädt das Erscheinen von Butcher’s Crossing den Leser ein, Stoner in einem anderen Lichte noch einmal zu lesen.

Jenseits der Wild-West-Romantik

Gegenüber Stoner erweist sich Butcher’s Crossing zunächst als nüchterner, sachlicher in seiner Beschränkung auf die Darstellung der unwirtlichen Härte der Natur. Die Stärke dieses Romans liegt darin, ohne klischeehafte Wild-West-Romantik und mit beeindruckender Anschaulichkeit ein Bild des Lebens um 1870 in den karg besiedelten Gegenden des Mittleren Westens zu zeichnen. In Williams’ Schilderungen erhitzen sich Gewehre beim wiederholten Abfeuern so sehr, dass sie unbrauchbar werden, und das Häuten erlegter Büffel ist eine überaus blutige und unappetitliche Angelegenheit. Die Härte und Ausdauer, welche die Witterungsbedingungen dem Menschen zum Überleben abverlangen, stehen dabei ohne jeden moralisierenden Kommentar neben der Sinnlosigkeit und dem Exzess menschlicher Naturausbeutung. Nicht nur für Tierfreunde und Umweltaktivisten ist das Buch daher bisweilen harter Tobak. Doch die moralische Intention von Williams’ Buch liegt nirgendwo anders als in dem Realismus seiner Darstellung selbst, aus der dasselbe stoische ethos spricht, das auch seinen Figuren eignet. Über deren Innenleben und ihre Vorgeschichte erfahren wir – anders als im Falle William Stoners – so gut wie nichts, und zwar weil ihre Erfahrungen in einer Weise in ihre Körper und Handlungen eingegangen sind, dass diese allein ausdrücken, was sie sind. Charley Hoge zum Beispiel ist in einem kalten Winter in Colorado die Hand abgefroren. Seither trinkt er und liest die Bibel. Wie alle Figuren in Butcher’s Crossing verliert er darüber hinaus nicht viele Worte. Und so wenig sie selbst das, was sie tun, mit Worten und Gedanken zu transzendieren versuchen, so wenig tut dies auch der Roman. Während die Dramatik von Stoner sich aus der beständigen Verdopplung der äußeren Lebensumstände der Hauptfigur durch ihre Innenansichten speist, erscheint in Butcher’s Crossing das Seelenleben der Figuren völlig in ihren Handlungen aufgegangen, geradezu aufgezehrt von einer Wirklichkeit, die außerhalb ihrer materiellen Härte keinen Rest mehr kennt.

Dabei ist Butcher’s Crossing eine überaus fesselnde Erzählung aus den letzten Tagen des Wilden Westens: Die Zeit, als noch große Büffelherden die Landschaften von Kansas bevölkerten und die Jagd zu einem einträglichen Geschäft machten, nähert sich bereits ihrem Ende, als Will Andrews im Jahr 1873 in dem settlement mit dem vielsagenden Namen Butcher’s Crossing eintrifft. Seine Universitätsausbildung in Harvard hat er abgebrochen, um „das Land kennenzulernen“, wie er sagt. Dem erfahrenen Büffeljäger Miller, eine Art Captain Ahab der Prärie, gelingt es, ihn mit der Geschichte von einer der vielleicht letzten großen Büffelherden in einem Tal in Colorado zu einer Expedition zu verlocken. Doch was für den jungen Mann als eine Art Selbstfindungsabenteuer beginnt, erweist sich schon bald als ein ungeahnt strapaziöses Unterfangen, das nicht nur eine Reihe von Enttäuschungen nach sich zieht, sondern auch das Leben Wills und seiner Gefährten in Gefahr bringt. Wer kann schon sagen, ob die Weise, in der er schließlich tatsächlich verändert aus der Erfahrung der Jagd hervorgeht, die Verluste aufwiegt, die damit verbunden waren?

Was ein Leben ausmacht

Es ist die gänzlich unsentimentale Seite von Williams’ Prosa, die nach der Lektüre von Butcher’s Crossing auch an Stoner klarer hervortritt. Dieser Roman erzählt die Geschichte eines gewöhnlichen Mannes und seines Lebens, das von außen betrachtet ereignislos, erfolglos, glanzlos erscheinen kann. William Stoner hat es als Sohn armer Bauern aus Kansas zu einer bescheidenen Festanstellung an der Universität von Missouri gebracht, wo er bis zu seinem Tod englische Literatur lehrt. Doch das Wesentliche dieses Lebens liegt – so zeigt der Roman – nicht in äußerlichen Ereignissen oder Misserfolgen, nicht darin, dass kaum einer seiner Kollegen oder Studenten sich nach seinem Tod noch an ihn erinnert, nicht in der Serie von Enttäuschungen, die seine früh stagnierende Karriere kennzeichnen, auch nicht in Stoners unglücklicher Ehe und seiner Einsamkeit. Entscheidend ist vielmehr, wie das äußerlich Unbedeutende dadurch seine Bedeutung erhält, dass es von innen gesehen das einmalige und unwiederbringliche Leben eines Menschen ausmacht. Als solches ist Stoners Leben gekennzeichnet durch eine unnachlässige stoische Grundhaltung im Angesicht von Unglücksfällen und Schicksalsschlägen. Manchmal ist dieser Roman so traurig, dass es schmerzt, und doch gibt sich der Protagonist niemals dem Kummer oder der Verzweiflung hin.

Drama der Ausdruckslosigkeit

William Stoner kommt durch Zufall zur Literatur. In einem fächerübergreifenden Pflichtseminar zur englischen Literatur wird er von seinem charismatischen Dozenten nach der Aussage eines Shakespeare-Sonetts gefragt. Diese Begebenheit wird zu einem Initiationserlebnis. Während er noch vor sich hin stammelt „Das Gedicht bedeutet… es bedeutet…“, dabei hilflos die Hände hebt und weiter nichts zu sagen vermag, gehen ihm die Augen auf für den ungeahnten Reichtum einer Welt, die unmittelbar vor ihm liegt und die er doch nicht kannte. Es ist die Erfahrung einer Epiphanie von etwas, das wir durch Worte wissen und doch nicht in Worten aussprechen können, wie es im Roman heißt; von etwas, das – wie Kant sagen würde – sich nicht auf Begriffe bringen lässt und doch am Grund des Begrifflichen liegt. Kurz darauf gibt Stoner sein Studium der Agrarwissenschaft auf, um sich ganz der Literatur zu widmen.

Ein Sinn für das Ungenügen des Ausdrucks durchzieht den Roman von Anfang bis Ende. Es liegt nicht am Mangel an Bildung, dass es Stoners Eltern an Ausdrucksvermögen fehlt, wenn sie Zeichen ihrer Gedanken oder Gefühle zu geben versuchen, vielmehr ist ihre Hingebung an den harten und eintönigen Trott ihres ärmlichen, ländlichen Arbeitsalltages aller Ausdruck, der ihnen zu Gebote steht. Und auch Stoner und seine Frau finden nicht deshalb keinen Weg, miteinander zu kommunizieren, weil es ihnen an Worten oder an Willen mangeln würde; vielmehr stoßen sie in ihren Begegnungen auf das Ausdruckslose als die Substanz ihres Daseins. Die Einsicht, dass das Wesentliche sich oft nicht sagen lässt, bedeutet jedoch nicht die Resignation vor einer sklerotischen Lebenswirklichkeit, sondern die Anerkennung eines notwendigen Schweigens, wo jedes Sprechen leeres Geschwätz wäre. Darum ist es auch nicht Unbarmherzigkeit, die Stoner dazu bringt, einen Studenten durchfallen zu lassen, der mit hochtrabender Rhetorik Verblüffung erzeugt und leichtfertig behauptet, dass Literatur ihren Ursprung nicht in Quellen und Traditionen habe, sondern in der unvermittelten Genialität des Schöpfer-Autors. Nein, der naive Glaube an eine unmittelbare Innerlichkeit und die Behauptung einer naturgegebenen Leichtigkeit der dichterischen Sprachschöpfung stellen vielmehr nicht nur Stoners Hingabe an das Studium von Texten und seinen Lehr-Beruf infrage, sie trivialisieren den Ernst und die Schwere seiner gesamten Existenz. Insofern William Stoner die inkarnierte Poetologie dieses Romans ist, erteilt dieser einer seicht-romantischen Anschauung des Verhältnisses von Innerlichkeit und Ausdruck eine Absage.

Konturen der Endlichkeit

Die unrealisierten Möglichkeiten, die jedem Leben anhaften, stehen in John Williams’ Romanen für nichts anderes ein, stellen nichts anderes dar als die Konturen unserer Endlichkeit. Sie tragen keinen metaphysischen Hoffnungsschimmer in sich, kein Versprechen eines Anderswie oder Anderswo. Doch in der Anerkennung dieser unweigerlichen, einzigartigen Form des Daseins liegt keine Verzweiflung, kein Pessimismus. Vor dem Hintergrund des Ungeschehenen, der nicht erfüllten Möglichkeiten treten die Umrisse unseres Lebens in ihrer Einzigartigkeit hervor. Und die Erzählung weiß sich dieser Gestalt in ihrer Einmaligkeit verpflichtet, indem sie sie mit größtmöglicher Genauigkeit aufzeichnet. Immer wieder vollbringt Williams’ Prosa so das Kunststück, eine Balance herzustellen zwischen der „stillen Verzweiflung“ (Thoreau) darüber, dass wir allzu häufig in den äußeren Umständen unseres Lebens keinen Ausdruck finden und darum wie Fremde im eigenen Leben stehen, und der Einsicht in die Eitelkeit und Zwecklosigkeit unserer Versuche, unser Selbstwertgefühl aus dem reinen Leben der Seele, einem Überschuss an unausgedrückter oder unausdrückbarer Innerlichkeit zu gewinnen.
Nach zwei so unterschiedlichen, doch gleichermaßen packenden Romanen wird der Leser gespannt die hoffentlich ebenfalls bald vorliegende Übersetzung des dritten Romans von John Williams über das Leben des römischen Kaisers Augustus (Augustus, 1972) erwarten.

[Die vorliegende Rezension wurde auf Grundlage der englischen Originaltexte erstellt und enthält darum keine Hinweise auf die Qualität der deutschen Übersetzung.]

John Williams: Butcher’s Crossing
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Deutscher Taschenbuch Verlag, 368 Seiten
Preis: 21,90 Euro
ISBN: 978-3423280495

John Williams: Stoner
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Deutscher Taschenbuch Verlag, 352 Seiten
Preis: 9,90 Euro
ISBN: 978-3-423-14395-0

John Williams: Butcher’s Crossing
Vintage Classics, 352 Seiten
Preis: ca. 12 €
ISBN: 978-0099589679

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Ein Gedanke zu „Stoischer Realismus

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