Ein Roman wie ein Feelgood-Movie

Rebecca Martin - Nacktschnecken   Cover: DumontEs gibt Bücher, die werden nie zu den Lieblingen, sie schaffen es nicht in die Kategorie ‚anspruchsvoll‘ und glänzen auch nicht durch ausgefeilte stilistische Höhenflüge. Dennoch besitzen sie einen reizvollen Charme: Sie vermögen, den Leser glücklich zu machen. Rebecca Martins Nacktschnecken ist so ein Buch.

von ANNA KREWERTH

Der Plot ist schnell erzählt: Paul und Nora, ein Paar in den Zwanzigern, könnten eigentlich glücklich sein, sind es vielleicht auch. Natürlich gibt es in dieser – wie in jeder anderen – Beziehung die ein oder andere Komplikation: In Sachen Sex läuft es nicht so rund wie es könnte, Pauls Fürsorge seiner Exfreundin gegenüber ist Nora ein Dorn im Auge und über allem schwebt beständig die Frage: Ist es das jetzt wirklich? Ist es das, was ich will? Und: Könnte es nicht anders besser sein?

Generation Unentschlossenheit

Was Rebecca Martin durch ihr Portrait „einer jungen Frau im Hier und Jetzt verhandelt“, mutet auf den ersten Blick recht banal an, dennoch trifft sie mit ihrer genauen Beobachtungsgabe und pointierter Wortwahl exakt den Nerv der Zeit. Einer Zeit, in der vielleicht die Möglichkeiten immer zahlreicher, die Entscheidungen jedoch immer schwerer zu treffen sind. Der permanente Zweifel, ob es der richtige Job, der passende Zeitpunkt, der eine Mann fürs Leben ist, nagt dabei immerzu in Noras Hinterkopf.

Martins Sprache ist leicht und luftig, mitunter deftig und direkt. Zielsicher vermag sie die Gedanken und Emotionen ihrer Protagonistin einzufangen – auf schlichte, aber tiefgehende Weise. Präzise ist ihr Blick auf die innersten Bedürfnisse und Sehnsüchte des Menschen, die simpel und schmuckvoll erscheinen, es vermutlich auch sind:

„Bin ich unglücklich?, denke ich und puste in meine Rhabarberschorle, was natürlich überhaupt keinen Sinn ergibt, aber ich höre trotzdem nicht damit auf. Bin ich unzufrieden? Oder einfach nur herzlos? Die Schorlenoberflächenspannung leistet meinem Pusten Widerstand. Sieht hübsch aus. Muss ich mich trennen?“

Trotz allem bleiben die Schauplätze des Romans, wie beispielsweise das Set der Daily Soap, in der Nora und ihre Freundin Emily mitspielen, künstlich, die Figuren vielfach holzschnittartig. Daniel, der Schauspielkollege, mit dem Nora Paul betrügt, ist der Paradetyp des muskulösen Frauenschwarms, protzig-machohaft, mit verborgener sensibler Seite. Ansgar und Luise, Freunde von Nora und Paul, verkörpern das perfekte Paar mit der (augenscheinlich) immer glücklichen Beziehung, so wie sie jeder gern hätte, gewinnen aber keine Tiefe.

Let the music play

Nicht zuletzt die vielen Verweise auf Songtitel und das Musikhören sowie die häufig dialogisch angelegte Textgestaltung verdichten den Eindruck, man lese kein Buch, sondern schaue einen Film. Dieser Film ist, halten wir es fest, nicht besonders realistisch – aber er handelt von den richtigen Fragen und vermittelt ein eindringliches Gefühl von Vertrautheit. Der Leser wird in die Handlung hineingezogen und ist, wenn auch für kurze Zeit, gefangen von der Ehrlichkeit, die in diesem Roman, aller Verklärung zum Trotz, steckt:

„Ich habe Angst, dass mein ganzes Beziehungsleben ein einziger Teufelskreis sein wird, weil das Vermissen und die Suche und das Finden und das Verlieren sich im Kreis hinterherlaufen und laufen und laufen, und ich nie verstehen werde, wie man aus diesem Kreis ausbricht, ohne zu stolpern. Aber ach, stolpern. Was rede ich? Besser: Ich habe nie verstanden, wie man den richtigen Zeitpunkt erkennt, um zu stolpern. Wann es sich zu stolpern lohnt.“

Keine großen Schritte für die Menschheit, keine tiefgreifenden Erkenntnisse über das Leben, aber eine bemerkenswert wohlreflektierte Beschreibung desselben.

You can’t judge a book by the cover

Es bleibt ein Abschlusswort zum Cover des Buches, über das zu schweigen jegliches Gefühl für Ästhetik verbietet. Es ist zielgruppenverirrt und schreit „Wühltisch“, „Rubrik: Was Frauen lesen“ oder „Kauf mich, ich bin eine verwunschene Handtasche“. Ähnliches gilt für den von Rebecca Martin selbst produzierten Buchtrailer, in dem die Autorin als rosa Plüschhäschen verkleidet und gequält-irritiert aus der Wäsche guckend überall Nacktschnecken begegnet. Zumindest bekommt dadurch der Titel des Buches irgendeinen Bezugsrahmen – den er vermutlich aber nicht gebraucht hätte. Denn längst hat sich die inzwischen 25-Jährige, die mit Nacktschnecken ihren dritten Roman veröffentlicht, den Ruf, eine „Stimme ihrer Generation“ zu sein, erarbeitet und verdient. Martin, die u. a. Artikel für die ZEIT verfasst, lässt auch in diesen einen Sinn und Empathie für die genaue Beobachtung und klare Erfassung der kleinen, gleichwohl gewichtigen Schwierigkeiten des Daseins erkennen. Manch älterer Leser mag diese belächeln, allen, die sich (noch) in ihnen wiederfinden, bietet der Roman eine kurzweilige, glücklich-beseelende Ablenkung.

Rebecca Martin: Nacktschnecken
DuMont, 368 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3832163204
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