Ein Mann weniger Worte

COVER_Salinger_Die jungen LeuteDen meisten ist J. D. Salinger aufgrund seines 1951 erschienenen Romans Der Fänger im Roggen ein Begriff. Der Piper-Verlag veröffentlichte nun die deutsche Übersetzung der ersten Erzählungen Salingers und zeigte somit neue Facetten des bekannten Autors. Die jungen Leute versammelt drei äußerst knappe, dennoch psychologisch tiefsinnige Geschichten.

von ESRA CANPALAT

Eine ganze Generation erkannte sich in dieser Figur wieder, die mit ihrer Adoleszenz und der Gesellschaft zu kämpfen hat: Holden Caulfield. Der Protagonist des Kultromans Der Fänger im Roggen, – von William Faulkner 1959 als „das beste der gegenwärtigen Autorengeneration“ bezeichnet und richtungsweisend für viele junge zeitgenössische Autoren – streift drei Tage lang durch New York, beobachtet auf seine eigene schnodderige Art und mit seiner teils ordinären Ausdrucksweise die Welt der Erwachsenen, die er mehr als hasst. Er selbst steht an der Schwelle der für ihn so verachtenswerten, ekelerregenden und entmenschlichten Welt mit ihrem Konformismus und ihrer Bedeutungslosigkeit. Um allen Kindern und besonders seiner kleinen Schwester Phoebe den Verlust der Unschuld und das Eintreten in das Erwachsenendasein zu ersparen, imaginiert er sich, inspiriert durch Robert Burns Gedicht Coming through the Rye, als Fänger im Roggen, der die über die Klippen hinauslaufenden Kinder einfängt und beschützt. Ein starkes Bild, das auch folgende Generationen prägte: Holden Caulfield wurde zum Gewissen der Adoleszenz. Nicht verwunderlich also, dass Der Fänger im Roggen von Kritikern in der Nachfolge des Entwicklungsromans Adventures of Huckleberry Finn (1884) gesehen und Holden als moderner Huck gefeiert wurde. Auch wenn diese Begeisterung aufgrund der Ermordung John Lennons durch Mark David Chapman, der angeblich im Roman die Aufforderung gelesen habe, jemanden Berühmtes zu erschießen, einen bitteren Nachgeschmack bekommen hat: Bis heute bleibt Salingers Debütroman Kult.

Das Unverständnis für die Gegenwart

In seinem Nachwort zu Die jungen Leute stellt Thomas Glavinic fest: „Große Literatur entsteht vor allem dann, wenn ein Autor aus der Mitte seiner Zeit heraus schreibt.“ Für ihn steht Salinger vor allem für das Unverständnis seiner Gegenwart gegenüber, einer lähmenden Zeit, die zutiefst von Sehnsüchten geprägt war. Daraus lässt sich auch die generationenübergreifende Faszination für den Fänger im Roggen nachvollziehen. Einen ähnlichen Einblick in die Unzulänglichkeiten des Lebens gewährt auch der Erzählband, die erste Veröffentlichung des amerikanischen Autors seit fünfzig Jahren. Das Bändchen ist kurz, versammelt es doch nur drei sehr knappe Erzählungen, die in Salingers früher Schaffensphase zwischen 1940 und 1944 in verschiedenen Magazinen erschienen sind. Die titelgebende Erzählung Die jungen Leute schildert die Begegnung Ednas und Jamesons auf einer Party, die unbeholfener nicht sein könnte. Während Edna versucht Jameson durch unablässiges Fragen in Beschlag zu nehmen, interessiert der sich nur für eine ebenfalls anwesende, aufreizende Blondine. Obwohl Edna die Klappe nicht halten kann, meint man, sie wüsste von Anfang an, dass ihre Versuche, bei Jameson zu landen, hoffnungslos sind. So findet sie sich kurzerhand in dem großen roten Sessel wieder, den sie seit Beginn der Party okkupiert, raucht eine nach der anderen und sendet weiter „strahlende Blicke“ aus, obwohl niemand sie wirklich zu beachten scheint.

Der unverwechselbare Salinger-Stil

Es ist nicht so, dass Salinger seine Figuren, wie beispielsweise die etwas nervige Edna, durch einen Schwall von Beschreibungen, Einblicke in ihren Gedanken oder episch anmutende Satzkonstruktionen tiefenpsychologisch entfaltet. Er ist ein Mann weniger Worte. Und dennoch kommen uns die Figuren, die im ersten Moment nichts zu offenbaren scheinen, so nahe. „Was also“, fragt Glavinic, „sind die drei Erzählungen, die dieses Buch enthält? Was zeigen sie uns, was für ein Autor präsentiert sich hier? Vor allen Dingen einer, der Charaktere durch Dialoge zeichnen kann.“ Indem Salinger seine Figuren reden lässt, so wie Hemingway, den er bewundert hat, entfalten sich ihre Persönlichkeiten von selbst: In jeder umgangssprachlichen Floskel, in jedem alltäglichen Geplapper verbirgt sich die charakteristische Besonderheit der Figur. „[Sie] bekommen von Satz zu Satz mehr Kontur, schon auf der zweiten Seite wissen wir, was wir von ihnen zu halten haben“, stellt Glavinic fest. Mit nur wenigen Worten gelingt es Salinger, hinter Alltagserscheinungen ernstzunehmende Konflikte auszustellen: Familienprobleme, Eheprobleme, Liebe und Eifersucht, Identitätskrisen, Einsamkeit.

Wie Holden Caulfield, so sind auch die Protagonisten in Die jungen Leute Außenseiter oder Menschen, die sich im Wechselschritt der Welt zu- und abwenden. In gewissem Sinne sind diese Figuren seiner frühen Erzählungen Probeanläufe zur Konturierung der Kultfigur aus Der Fänger im Roggen. Nicht nur, weil die Erzählungen neue Facetten auf den Autor Salinger werfen und die Genese seines unverwechselbaren Stils besser beleuchten, sondern auch, weil diese Stories aufgrund ihrer Simplizität und gleichzeitigen Tiefgründigkeit einfach bestechen, ist der Band äußerst empfehlenswert.

J.D. Salinger: Die jungen Leute. Drei Stories
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld.
Piper, 80 Seiten
Preis: 14,99 Euro
ISBN: 978-3-492-05698-4

 

 

 

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