The „Heavy Silence“ of a Tragedy

"Antigone" bei den Ruhrfestspielen Foto: Jan Versweyveld

„Antigone“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Jan Versweyveld

Der belgische Regisseur Ivo van Hove inszenierte für die diesjährigen Ruhrfestspiele in Recklinghausen Antigone von Sophokles. Van Hove bringt die großen Themen und Fragen der Tragödie insbesondere durch ein Gespür für die subtilen Nuancen und Ambivalenzen der Stückvorlage zum Vorschein. Antigones Welt ist klar, weit und still und bildet auf diese Weise einen Raum, in welchem Handlung und Sprache über sich hinauswachsen können.

Ein Rückblick auf die Inszenierung und ein Gespräch mit dem Regisseur.

von SILVANA MAMMONE

Dies ist die Entstehungsgeschichte von Van Hoves Antigone: Es war einmal ein namhafter Regisseur (whoʼs „not for hire“, also selbstbestimmt in seiner Auftragswahl), der traf sich mit einer nicht minder berühmten und ebenso talentierten Schauspielerin in Paris. In einem kleinen französischen Café wurde der Traum einer jeden Darstellerin wahr, denn die beiden entschieden gemeinsam, welche weibliche Hauptrolle aus einem der antiken griechischen Dramen denn die Passendste wäre. Fest stand für Juliette Binoche, so Van Hove: „She wanted to play an active character, emotionally charged; someone who wanted to change something.” Bald fiel die Wahl auf Antigone, die mutige, doch tragische Heldin, die sich ihrem Onkel König Kreon von Theben (Patrick OʼKane) widersetzt, indem sie ihren wegen Verrat angeklagten Bruder Polyneikes beisetzt, anstatt ihn außerhalb der Stadtmauern kümmerlich verwesen zu lassen. Diese Entscheidung bedeutet nicht nur ihren eigenen Tod, sondern setzt auch eine Kette tragischer Ereignisse in Gang, die zum Suizid ihres Verlobten, Kreons Sohn Haimon, und dessen Mutter Eurydike führt. Ward die Stückwahl getroffen, geht das Märchen auch schon weiter: Antigone wurde eigens für Van Hoves Inszenierung von Anne Carson, die bereits Electra „realistic and poetic“ zugleich in Form brachte, neu übersetzt.

Der Zyklus der Sonne – ein Wimpernschlag der Götter

„Greek tragedies are mostly family tragedies, but also at the same time about the universe.“ Es ist beeindruckend und interessant, wie sich diese Aussage Van Hoves in der Inszenierung manifestiert. Über allem liegt der Anschein von Zeitlosigkeit, die Abwesenheit menschlicher Zeitrechnung. Somit ist die Frage, in welche Zeit Sophoklesʼ Erzählung transportiert wird, lediglich auf besondere Weise von Belang. Der Stoff reiht sich ein in den unendlichen Zyklus des Universums und wird dadurch, aus menschlicher oder historischer Sicht, gleichsam zeitlos. Es gibt so gut wie keine Requisiten, die Bühne (Jan Versweyveld) verkörpert die „archives of grief“ in Form von schwarzen, niedrigen Büroregalen, die sich in die ebenfalls schwarzen Ledersofas einreihen und gemeinsam eine Linie am vorderen Bühnenrand bilden. Die Kostüme (An dʼHuys) sind unauffällig und schlicht, wobei sie dennoch an die jeweiligen Figuren angepasst sind. Die schwere Atmosphäre eines Archivs zieht sich durch das Stück, die Inszenierung ist still, konzentriert und bedacht. Beizeiten wirken die Schauspieler wie Stillleben auf der Bühne, dabei ist jede Bewegung über die Maßen pointiert und klar. Die Symbolik der Inszenierung reflektiert lediglich den Stoff selbst und dabei niemals eine Problematik, die sich ausschließlich auf die Moderne beziehen ließe. Die einzige Zeit, die von Belang ist, ist der Zyklus der Sonne, der Wechsel der Jahreszeiten und damit die Wiederkehr menschlichen Leids und Irrtums. Eben durch diese Darstellungsweise kann sich der Text entfalten und schwebt oftmals bedeutungsschwanger im Raum. Doch die Inszenierung ist keinesfalls statisch. Antigones Geschichte fügt sich in den kosmischen Zyklus ein, verkörpert durch den Auf- und Niedergang der Sonne, welcher das Geschehen einrahmt und mächtig über der Bühne schwebt.

"Antigone" bei den Ruhrfestspielen Foto: Jan Versweyveld

„Antigone“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Jan Versweyveld

You are in love with the impossible

„We have to find a way to better combine emotion and politics. That will be the task for the future in modern society. The play shows a very complex problem in a very ambivalent way. It is not moralistic […] Sophocles already put his finger on the core of our problems.“ Van Hove spricht hier mit den Worten der amerikanischen Theoretikerin Martha Nussbaum die Grundthematik des Stückes an: der Gegensatz von Politik und Individuum innerhalb einer von Grund auf komplexen Welt, die uns vor unvorhersehbare und teils kaum zu beherrschende Emotionen stellt.

Antigones Mut besteht darin, ihre Selbstbestimmtheit im göttlichen Schicksalsschlag zu finden; Kreons Untergang in seiner Sturheit angesichts dessen, nicht nachgeben zu können. Politik und Gesetz sind Systeme, die Menschen, stets dem Schicksal oder der Unvorhersehbarkeit unterworfen, leiten und Sicherheit spenden, jedoch ebenso einsperren und engstirnig werden lassen. „Who knows how these definitions work […]“ – eingemauert in Sprache, ist es schwer, am Gesetz zu rütteln, um dem Individuum Raum zu geben und sich dennoch gemeinsam dem Lauf der Dinge zu stellen. „You talk and talk but never listen“, wird Kreon vergeblich vorgeworfen. Am Ende sind Paradoxie und Heuchelei vorbestimmt, denn diese zwei Systeme – Politik und Individuum – sind nicht kompatibel. Im endlosen Zyklus von Tod und Geburt, in dem der Mensch gefangen ist, leuchten innerhalb der Inszenierung Kreons manische Wut und Sturheit sowie Antigones Schmerz und Unerschütterlichkeit auf. Während das Umfeld versucht, ein Gleichgewicht herzustellen, kollidieren Antigones Individualismus und Kreons politische Autorität. Beide sind gleichermaßen verdammt, wobei sich Antigone dessen bewusst ist: „You chose to live autonomous and so you die.“ Die Parallelen zwischen beiden Charakteren flackern immer wieder auf, beispielsweise wenn beide lauthals ihre Unnachgiebigkeit bekunden, um dann in kindlicher Unschuld dem Schmerz zu verfallen. Dabei treffen die Darsteller auf bewundernswerte Weise stets den Kern ihrer Figuren. OʼKane ist beinahe furchteinflößend in seinem Starrsinn und Binoche meistert den Balanceakt zwischen mädchenhafter Unschuld, innerer Stärke und einem gebrochenen Herzen auf mitreißende Weise. Antigones und Kreons Überzeugungen sind gleichzeitig Quelle ihres Schmerzes und letztendlichen Untergangs. Doch geht es niemals bloß um Schuld: „It is not moralistic, it is an open, emotional ending.“

Wenn die Sonne untergeht

Als Van Hove auf die beinahe an Trägheit angrenzende Ruhe der Inszenierung angesprochen wird, verrät er, inwieweit diese Tatsache sein Grundkonzept charakterisiert: „I wanted it to be very delicate; about real emotions, real human beings. No shouting.“ Und tatsächlich, die Inszenierung mutet stark wie eine Blase an, ein Vakuum, in welches man als Zuschauer eingesogen wird. Die Dramatik und Tragik des antiken Stoffes schwebt unheilvoll über der Bühne, um am Ende vielmehr zu implodieren als zu explodieren. Anfangs wartet man noch auf den großen Knall, die hochtrabenden Emotionen, die einen sonst so einfach mitreißen. Doch anstatt einem ins Gesicht zu schlagen, gräbt sich die Geschichte ins Innerste und zermürbt die Eingeweide. Wenn am Ende die Sonne auf der Bühne wieder untergeht, bleibt eine befremdliche Stille im Kopf, die man nach und nach als den Raum versteht, in dem die großen Fragen des Stoffs langsam aufflackern. So braucht es Zeit, bis man die „schwere Stille“ der Inszenierung zu schätzen weiß. „But itʼs a very heavy silence“, in welcher die markanten Bilder und bedeutungsschwangeren Sätze widerhallen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s