Die Welt ist seiner Hände Werk. Eine Reise ins (Er-) Schöpfungsgebiet Duisburg-Nord

"Die Schöpfung" bei der Ruhrtriennale Foto: Wonge Bergmann

„Die Schöpfung“ bei der Ruhrtriennale Foto: Wonge Bergmann

In Duisburg bietet das Collegium Vocale Gent seine berückende Interpretation von Haydns Schöpfung dar. Ein beeindruckender Film von Julian Rosefeldt zeigt parallel Bilder von der Erschaffung der Welt durch den Menschen. Dies alles in Duisburg-Hamborn, wo sie deutliche Spuren hinterlassen hat.

von STEPHANIE HEIMGARTNER

Erst einmal verheddert man sich im Autobahnkreuz Duisburg-Nord. Dann fährt behäbig ein neuer Mercedes aus Münster vor einem her, vorbei an einer riesigen türkischen Flagge, die an einer Kirche hängt, an Büdchen und menschenleeren Straßen mit Mehrfamilienhäusern unter dem Bindfadenregen, der schon den ganzen Tag andauert. Auf einem unübersichtlichen Parkplatz treffen Luxuskarossen auf Reisebusse. Gegenüber liegt das Gelände des Landschaftsparks Duisburg-Nord. In der sogenannten Kraftzentrale, laut Website das „Hauptschiff der Industriekathedrale“, wird heute Die Schöpfung von Joseph Haydn aufgeführt. Zur pompösen PR-Formulierung von der „Kathedrale“ passt ein Oratorium ja wie die Faust aufs Auge – auch noch aus anderen Gründen, doch dazu später. Dass alte Industrieanlagen nicht immer optimale Konzerthäuser abgeben, merkt man spätestens dann, wenn man sich ein kinderzimmergroßes Foyer, in dem auch noch die Eintrittskarten kontrolliert werden, mit fünfzig anderen Besuchern teilt, die alle gerade versuchen, ihre Regenschirme zu schließen.

Hippe Location trifft fromme Musik

Oratorien sind geistliche Musikwerke, die normalerweise in Kirchen aufgeführt werden. Das hippe Ex-Hüttenwerk-Ambiente Duisburgs hat nichts Kirchenartiges, es sieht eher aus wie ein heruntergekommenes Multiplex: Über der Bühne, auf der die etwa 80 Orchester- und 35 Chormusiker samt Solisten und Dirigent Platz finden, erhebt sich eine riesige Leinwand. Man weiß also schon mal: Hier wird nicht einfach nur ergriffen gelauscht, es gibt auch was zu gucken außer der Abendrobe der Sopranistin.

Im späten 18. Jahrhundert brauchte man keine visuellen Zusatzreize, wenn ein Oratorium aufgeführt wurde. In England, wohin Joseph Haydn zwei lange Konzertreisen unternahm, wirkte einige Jahrzehnte vor ihm der erschreckend produktive Georg Friedrich Händel, der 25 Oratorien (u. a. den berühmten Messias: Halleluja!) geschrieben hatte. Als Haydn in London ankam, war die Westminster Abbey sozusagen Händels Kraft- und Machtzentrale. Vom Geschmack seines langjährigen Mäzens Esterházy durch dessen Ableben befreit, erlebte der Österreicher begeistert den Publikumserfolg geistlicher Choralwerke, bekam einen Text zu fassen, der auf der Grundlage von Miltons Paradise Lost die Schöpfung der Welt in Szene setzte, und fand in dem Diplomaten und Kulturimpresario Gottfried van Swieten einen Librettisten, dem sehr an der Entstehung eines zeitgenössischen Oratoriums gelegen war und dessen exzellente Vernetzung dem Projekt gute Erfolgsaussichten versprach.

Bis heute gehört Haydns Schöpfung zu den Top Ten der geistlichen Vokalmusik, und wenn man das Genter Collegium Vocale und das B’Rock Orchestra unter René Jacobs mit den Solisten Maximilian Schmitt, Johannes Weisser und Sophie Karthäuser (vor allem Sophie Karthäuser!) gehört hat, dann weiß man auch, warum. Haydns Oratorium versucht der Gleichförmigkeit der biblischen Erzählung von den ersten sechs Schöpfungstagen, die es in seinen ersten beiden Teilen in Musik übersetzt, durch Formenvielfalt zu entgehen. Das entspricht eigentlich nicht der Oratorientradition, aber gerade diese Innovation hat zum großen Erfolg des Stücks beigetragen. Die Arien sind kürzer, die Chorpartien zahlreicher als bei früheren Oratorien; die Instrumentalteile sind oft programmmusikalisch oder, wie Kritiker des Öfteren bemängelt haben, sogar mimetisch angelegt – der brüllende Löwe, die den Boden drückende Last der Tiere, das girrende Taubenpaar etwa werden lautmalerisch von kräftigen Akkorden, einem sonoren Fagott und einer Soprankoloratur nachgeahmt.

Gleichzeitig gibt es kontrastreiche Wechsel in den Tempi, gewaltige Crescendi und ungewöhnliche Veränderungen der Tonart. All dies auszumusizieren, ohne dass es pompös und opernhaft klingt, das gelingt den Beteiligten der Duisburger Aufführung. Scheinbar mühelos wirken sie so zusammen, dass das Stück von einer heiteren Leichtigkeit und einer beschwingten Virtuosität getragen bleibt, die an keiner Stelle ironisch gefärbt ist oder banal anmutet. Der religiöse Gehalt, der aus Text und Musik spricht, wird nicht ignoriert und nicht forciert, sondern gelassen und respektvoll behandelt. Bei dieser Aufführung geht es nicht ums Weltanschauliche.

"Die Schöpfung" bei der Ruhrtriennale Foto: Wonge Bergmann

„Die Schöpfung“ bei der Ruhrtriennale Foto: Wonge Bergmann

Schöpfungsmusik trifft Wüstenfilm

Das heißt, es geht zumindest nicht darum, eine anachronistisch gewordene Glaubensgeschichte zu wiederholen oder ihr zu widersprechen. Denn der zweite, visuelle Aspekt ergänzt die musikalische Darbietung auf interessante und gelegentlich fesselnde Art. Eigens um die Ruhrtriennale-Aufführung der Schöpfung zu begleiten, hat der an der Münchner Akademie der Bildenden Künste im Bereich „Digitale und zeitbasierte Medien“ lehrende Julian Rosefeldt einen ungewöhnlichen Film gedreht.

Bereits zu den ersten Takten der einleitenden, instrumentalen „Vorstellung des Chaos“ sieht man eine Kreuzritterburg in der marokkanischen Wüste, in die aus zwei verschiedenen Richtungen Menschen in Laboranzügen einziehen. Die Wüste bleibt das bildliche Kontinuum des Films, der das Konzert von Anfang bis Ende begleitet. Meist von weit oben, wohl aus einer sich langsam bewegenden Drohne gefilmt, geben die Aufnahmen dem Zuschauer genug Zeit, sich in sie einzufinden, und lassen der Musik diskret Raum. Mal säumen kleine Sträucher eine karge Landschaft voller Steine, mal sind kuriose Steinformationen zu betrachten. Dann fährt die Kamera wieder an Gebäuden entlang, die sich allmählich als die Überbleibsel von riesengroßen Filmkulissen entpuppen. Nur gelegentlich „illustriert“ sie das musikalische Geschehen in fast farblosen Bildern, so z. B. in Gestalt von welligen Sanddünen (während in der Schöpfung gerade die Wellen des Meeres besungen werden). Fast immer lassen sich auf den zweiten Blick die Männer in den weißen Anzügen darin wiederfinden, wie sie, Ameisen gleich, in der Landschaft umhergehen oder -klettern, vereinzelt und scheinbar ziellos.

Gelegentlich gerät der Film in ironischen Kontrast oder gar Konflikt mit der Musik. Zur Anordnung des Schöpfers an die Tiere „Seid fruchtbar und mehret euch“ werden kopulierende Straßenhunde gezeigt; wenn am Ende des sechsten Tages konstatiert wird „Es war sehr gut“, sieht man die Rückseiten der Kulissen, ein Gewirr von Gerüsten und halbmorschen Trägerkonstruktionen, das im nächsten Moment zusammenzubrechen droht.

Ausflug ins Anthropozän

Allerspätestens beim Jubelduett Adams und Evas „Die Welt, so groß, so wunderbar, ist seiner Hände Werk“, als die Kamera sehr langsam einen riesigen Braunkohlebagger entlanggleitet, wird klar, dass hier Gott nicht gemeint sein kann. Was als das Anthropozän in aller Munde ist, die Tatsache, dass der Mensch die Welt geformt und an fast keiner Stelle unangetastet gelassen hat, wird durch den Film bewusst der Schöpfung des gläubigen Katholiken Haydn entgegengesetzt: Erzählungen vom wunderbaren Ursprung der Welt müssen angesichts menschlichen Raubbaus an dem gewaltsam untertan Gemachten neu bedacht werden. Folgerichtig endet die filmische Reise am Landschaftspark Duisburg-Nord selbst. Aus einem Hüttenwerk einen „Park“ zu machen, nicht zuletzt dieser Gedanke zumindest fragwürdiger menschlicher Gestaltungswut wird in Rosefeldts Film ironisiert; natürlich auch deshalb, weil die Umwandlung von Industriebrachen in Kulturstandorte im Ruhrgebiet fast so reflexhaft erfolgt wie der Biss der Bulldogge ins Bein des Briefträgers.

Die große Leistung der Duisburger Aufführung besteht darin, die Musik Haydns nicht infrage zu stellen, sie in ihrer Schönheit darzubieten und in ihrer Frömmigkeit ernst zu nehmen – und sie durch die sparsamen Aufnahmen des Films gleichzeitig so zu ergänzen, dass klar wird: Ein Schwelgen in edler Kunst reicht nicht, es müssen auch neue Fragen gestellt werden. Wir hoffen, dass dies in Duisburg deutlich genug geworden ist, auf dass es Licht werde in den Welten möglichst vieler gut situierter und elegant gekleideter Festivalbesucher. Dann fahren wir im immer noch strömenden Regen nach Hause.

 

Informationen zur Vorstellung

 

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