Déjà-vu im Schauspielhaus

Tschechows "Kirschgarten" am Schauspielhaus Bochum Foto: Diana Küster

Tschechows „Kirschgarten“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Diana Küster

Die neue Spielzeit beginnt mit Altbekanntem. Wie bereits im Jahr zuvor eröffnet das Bochumer Schauspielhaus die Theatersaison mit der Adaption eines Tschechow-Klassikers: Der Kirschgarten. Zwar durfte diesmal ein ausgewiesener und preisgekrönter Tschechow-Exeget – Tamás Ascher – die Regie übernehmen, doch inszenatorisch wird trotz dieses vielversprechenden Umstands nichts Neues geboten.

von CHRISTOFER SCHMIDT

Es ist wie mit den Figuren des Stücks: Die hoch verschuldete Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja (Bettina Engelhardt) könnte etwas wagen, sie müsste nur den Mut dazu aufbringen. Stattdessen vermeidet sie es, sich mit ihrer gegenwärtigen Situation auseinanderzusetzen. Den Vorschlag des ihr zugetanen Kaufmanns Jermolaj Alexejewitsch Lopachin (Roland Riebeling), ihr Anwesen samt Kirschgarten noch vor der angesetzten Zwangsversteigerung selbst zu verkaufen, um sich und ihrer Familie ein sicheres Einkommen zu sichern, lehnt sie ab. Darüber hinaus drückt sie sich vor jeglicher gedanklichen Anstrengung. Anstatt also Alternativen zu suchen, regrediert sie, schwelgt in Erinnerungen, schwingt das Tanzbein und vertreibt sich ihre Zeit mit belanglosen Konversationen. Nicht aktiv werden, nichts riskieren – lautet das Motto des Abends. Und so kommt es, wie es kommen muss: Das Gut wird versteigert, doch irgendwie ist das gar nicht schlimm. Ljubow und ihr ebenfalls handlungsresistenter Bruder Leonid (Martin Horn) wirken sichtlich zufrieden, dass ihnen die Entscheidung abgenommen wurde. Der ohnehin nutzlos gewordene Kirschgarten, dem lediglich noch ästhetischer Wert zugesprochen werden kann, muss nun den ökonomischen Interessen des Marktes und einer neuen Zeit weichen. Die Analogie zum russischen Adel, dessen Existenzberechtigung im Zuge des sozialen Wandels um 1900 auf dem Spiel stand, ist offensichtlich. Doch wie steht es hierbei um die gegenwärtige gesellschaftliche Situation und vor allem: um einfallsarme Inszenierungen wie diese, wenn nicht mal ein besonders ästhetischer Wert attribuiert werden kann?

Drei Stunden an der Oberfläche

In der Regie Aschers wird ausdrücklich das Komische des als Komödie deklarierten Bühnenstücks betont. Leider wird dabei das Kippmoment hin zum Tragischen ausgeklammert, das in Tschechows Texten stets untrennbar mit der Komik verbunden ist. Was bleibt, ist ein Abend, der zum Slapstick-Show-Off gerät und nahezu jeden Anflug von Dramatik überspielt. Einzig Therese Dörr als Gouvernante Charlotta sowie Heiner Stadelmann als Hausangestellter Firs schmuggeln mit ihren Figurenportraits eine Spur Melancholie ein.

Das naturalistische Bühnenbild von Zsolt Kelt verortet den Zuschauer zunächst im ehemaligen Kinderzimmer von Ljubow. Die Holzvertäfelung an der Wand ist verdreckt, der Boden porös, die Farben sind trist. „Das Kinderzimmer, meine ganze Liebe“, stößt Ljubow bei ihrer Ankunft zu Beginn des Stücks sentimental aus. Schaukelpferd, Brummkreisel und Kinderstühle, die von Bettina Engelhardt bespielt werden, verdeutlichen offenkundig den Vergangenheitsbezug und die kindliche Naivität der gealterten Protagonistin. Ein Übriges fügt Engelhardt der Figur mit ihrem ständigen Changieren zwischen einfältig, leidend und kratzbürstig hinzu. Ja, diese Figur lebt im Gestern, agiert wie ein launisches Kind und ist unfähig, Verantwortung für sich oder andere zu übernehmen – ist mehr als deutlich angekommen! Ihr temporeicher Gemütswechsel gelingt nur selten und lässt eine zunehmende Gleichgültigkeit für das Schicksal der vom Leben gezeichneten Gutsbesitzerin aufkommen. Auch Sarah Grunert schafft es in ihrer Rolle als optimistisch denkende Tochter Anja nicht, Empathie für sich zu gewinnen – sie bleibt blass. Tritt sie von der Bühne ab, vergisst man ihre Figur sofort. Die umso präsentere Kristina Peters hingegen verliert sich als Ljubows Pflegetochter Warja im comichaft-überzeichneten Spiel mit ungelenken Gesten. Andere Charaktere hüpfen herum und quaken dabei wie Frösche (Jürgen Hartmann als benachbarter Gutsbesitzer Simeonow-Pischtschick), stürzen Treppen hinab und tanzen alsbald heiter mit blutender Nase über die Bühne (Torsten Flassig als Student Trofimow) oder haben mit knarrenden Stiefeln und eingeklemmten Fingern zu kämpfen (Marco Massafra als Buchhalter Jepichodow). Dafür gibt es vom Publikum einige Lacher, tiefer geht es nicht.

Tschechows "Kirschgarten" am Schauspielhaus Bochum Foto: Diana Küster

Tschechows „Kirschgarten“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Diana Küster

The Times They Are a-Changin’

Ascher kennt seinen Tschechow und bringt einen Kirschgarten auf die Bühne, der abgesehen von Kettensägen- und Bohrmaschinenlärm sowie einigen Kostümentscheidungen (Györgyi Szakács) so auch vor hundert Jahren im Umfeld von Stanislawski hätte aufgeführt werden können. Natürlich hat Ascher im Vergleich zu Stanislawski bei seiner Inszenierung peinlich genau darauf geachtet, dass Tschechows Stück um jeden Preis als Komödie erkannt wird. Es gibt kaum spürbare dramaturgische Eingriffe, keine ästhetischen Spielereien und auch keine Aktualisierung oder Übertragung der verhandelten Diskurse auf heutige Probleme. Wäre das überhaupt notwendig oder ist gerade die Unterlassung der Innovation das Radikale an dieser Inszenierung? Hat sich denn nichts verändert und haben wir nach wie vor die gleichen Probleme wie damals? Ja und nein. Die Probleme das Alltags, das Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation, die Unfähigkeit in der Gegenwart zu leben, all das eint uns auch ein Jahrhundert später noch mit den Figuren dieses russischen Dramatikers. Doch verlagert man die Perspektive vom privaten Dunstkreis der individuellen Familie und Schicksale auf eine sozialpolitische Ebene, die bei der Lektüre des geschriebenen Textes vom Kirschgarten stärker zutage tritt, hat sich viel verändert. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der das Nicht-Handeln einer Regierung, das Zaudern und Hinauszögern einer Entscheidung den unmittelbaren Tod unzähliger Menschen bedeuten kann und auch bedeutet. Tschechow hat die politischen Umwälzungen seiner Zeit reflektiert, teilweise sogar antizipiert und ohne eine Wertung vorzugeben zur Disposition gestellt. Einen solchen Gestus sucht man beim ungarischen Starregisseur und seinem international prämierten Helferstab vergebens. Was wir in Bochum zur Spielzeitpremiere zu sehen bekommen, ist Vogel-Strauß-Theater.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:

Sonntag, 13. September, 19 Uhr
Samstag, 19. September, 19 Uhr 30
Sonntag, 27. September, 17 Uhr

 

 

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