Ästhetik der Zahnschmerzen, oder: wie einmal Nuss-Nougat-Creme die Mauer zu Fall brachte

Mönch/Lahl/Kahane: Treibsand Quelle: Metrolit VerlagMax Mönch, Alexander Lahl und Kitty Kahane erzählen in Treibsand eine Geschichte der Wende und zeigen damit en passant, wie man historische Comics richtig gut macht.

von CHRISTIAN A. BACHMANN

Kennen Sie Nudossi? Wenn Sie in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen sind, dann kennen Sie die kleinen transparenten Becher mit dem roten Deckel sicher. Nudossi ist „Ossi-Nutella“, wie sie nicht nur im Feuilleton heißt. Mir als BRD-Sozialisiertem war Nudossi lange unbekannt, ich bin mit NussPli, Nutella und Nusskati (von Aldi Nord) aufgewachsen. Nun könnte man meinen, die eine Nuss-Nougat-Creme sei nicht besser als die andere und wer mag überhaupt so süßes Zeug auf sein Brötchen oder seine Schrippe schmieren? Außer Kinder, meine ich, aber wann schmieren die schon selbst? Nudossi enthält fast dreimal so viele Haselnüsse wie ihre Konkurrenten. Das hängt direkt mit der Mangelwirtschaft der DDR zusammen, wie es in der Wikipedia heißt: In der DDR musste man zwangsweise mit echten Zutaten produzieren, weil künstliche Aromen schlechter zu bekommen waren. Kapitalistisch betrachtet ein Unding. (Sozial aber auch, denn Haselnüsse kommen größtenteils aus der Türkei und werden dort von Kindern geerntet. Denken Sie mal daran, wenn Sie Ihren Kindern ein Brot schmieren.) Weil Nudossi mehr Haselnüsse enthält, schmeckt sie dem einen oder anderen besser als die Konkurrenz vom Klassenfeind. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil Nudossi ein Symbol für das ist, was gut war in der DDR. Mehr noch als Vita Cola, Bautz’ner Senf und die Papageienkuchen-Backmischung von Kathi steht Nudossi für eine (n)ostalgische Überhöhung, zu der die tatsächliche Qualität der Creme in seltsamem Widerspruch steht, denn sie ist so viel besser als man als Wessi erwartet. Es gibt heute wahrscheinlich mehr Ferrero-Produkte als DDR-Marken, die bis heute weitergeführt werden, kein Wunder, dass das einzelne Ost-Produkt leicht überhöht wird. Das wissen auch die Historiker und „Kulturingenieure“ Max Mönch und Alexander Lahl, die nach 17. Juni. Die Geschichte von Armin & Eva (Metrolit 2013) mit Treibsand im vergangenen Jahr ihren zweiten Comic über die DDR vorgelegt haben. Gezeichnet wurde er von Kitty Kahane.

Eine Geschichte des Mauerfalls

Treibsand erzählt eine Geschichte des Mauerfalls – perspektiviert durch die Augen des amerikanischen Journalisten Tom Sandman. Nachdem der Kommunismus auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz wider Erwarten nicht zusammengebrochen ist, wird Tom von seinem Chefredakteur nach Berlin entsandt, denn dort braut sich im Oktober 1989 etwas zusammen, mit dem man gut Zeitungsauflagen steigern kann. Tom Sandman hat eine Theorie, seine ganz persönliche „dentale Meteorologie“: Wenn seine Zähne schmerzen, sind dramatische politische Ereignisse im Gange, je schlimmer die Schmerzen, desto größer die Ereignisse. Durch den ganzen Comic pochen seine Zähne unaufhörlich. Am 9. November schließlich kollabiert er vor Qualen in einer Telefonzelle. Statt sofort und unverzüglich über die neue Reiseregelung zu berichten, die der gerade erst berufene Sekretär des ZK der SED für Informationswesen Günter Schabowski versehentlich bekannt gibt, liegt Sandman ohnmächtig in der Charité.

Treibsand ist auch eine Liebesgeschichte zwischen Ingrid, der ostdeutschen Kaderathletin – die nach einer gescheiterten „Republikflucht“ in der berüchtigten Strafvollzugseinrichtung Stollberg (Hoheneck) landet und später von der BRD freigekauft wird –, und Tom, dem Kommunismus-Korrespondenten einer großen New Yorker Zeitung. Die Ehe der beiden zerbricht jedoch über den Mauerfall, der so viele Beziehungen der Nachwendezeit überhaupt erst möglich gemacht hat. Denn die Auseinandersetzung mit der individuellen Vergangenheit, mit zerrissenen Familien, Verrat unter Freunden und Geschwistern ist nicht einfach.

Nuss-Nougat-Creme und Weltgeschichte

Was hat das nun alles mit Nudossi zu tun? Man kann die Geschichte des 9. Novembers entlang der bekannten Fakten erzählen, chronologisch und ordentlich. Ereignis nach Ereignis kann aufgereiht und so ganz im Sinne von Hayden White Geschichte als Geschichte geschrieben werden. Doch eine gute, eine lesenswerte Geschichte, die informiert, ohne zu belehren, die interessiert, statt zu langweilen, ergibt das nicht unbedingt. Mönch und Lahl bedienen sich geschickt mehrerer Techniken, um die Fakten in eine Narration zu verweben, ohne sie als leblose Artefakte erscheinen zu lassen. Metaphern und Symbole sind dafür sehr wichtig. Nudossi ist nicht nur eine einfache Nusscreme, es ist die Sorte, mit der Ingrid aufwächst, das „einzige, was ihr wirklich an der DDR gefallen hat“, wie ausgerechnet ihre linientreue Mutter bekennt, als sie Tom eine Dose für Ingrid mitgibt. Doch Tom mit seinen schlechten Zähnen muss die braune Zuckerpaste innerlich zusammenzucken lassen. Das erfahren wir aber nicht, sondern müssen es uns selbst ausmalen. Wie alle Metaphern und Symbole (etwa die Zahnschmerzen) sind auch die in Treibsand interpretationsbedürftig, genau wie die deutsch-deutsche Geschichte. Es wird nicht vorgekaut, was wir von den Vorgängen des 9. November und der Zeit davor und danach zu halten haben. Wie auch, mit solchen Zahnschmerzen? Das Buch regt uns vielmehr durch seine Offenheit dazu an, selbst Position zu beziehen. Auch die immer wieder eingestreuten Träume des Sandman (!) sind solche offenen Resonanzräume. Wenn Schabowski Tom im Traum die Zähne mit einer Bohrmaschine ziehen will, trifft Weltpolitik auf Toms ganz private Wehwehchen, die stellvertretend für die unzähliger anderer Menschen stehen und uns daran erinnern, dass Weltgeschichte immer die Geschichte einzelner Menschen ist, die mit großen Worten geschrieben wird.

Anthropomorphe Fischdiktatoren

Wegen der Deutungsspielräume ist es auch so gut und wichtig, dass Kitty Kahane die Zeichnungen gemacht hat. Ihr expressiver, aber bewusst naiver Stil schafft Interpretationsfreiräume und zwingt gleichzeitig unterschwellig zu einer deutenden, involvierenden Lektüre. Und das alles geschieht – trotz aller Tragik und Brutalität der Individual- wie der Weltgeschichte – nonchalant und mit einer unaufgeregten Ehrlichkeit: Das Buch weiß sehr genau, dass es eine fiktive Geschichte über reale Ereignisse erzählt. Es weiß, dass es nicht die Wahrheit darstellt, aber es weiß auch, dass man mittels Symbolen und Metaphern zu so etwas wie Wahrhaftigkeit kommen kann. Nebenbei erfahren wir etwas über die Verwaltung 2000, die im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit die eigenen Grenzsoldaten minutiös überwacht, über den Zettel, von dem Schabowski die bahnbrechende Nachricht abliest, und über die Einrichtung der Mauer, des Todesstreifens und der Selbstschussanlagen. Wie so viele andere dokumentarische Comics bedienen sich Autoren und Zeichnerin Darstellungen von Karten, Tickets und anderen Authentizität suggerierende Dingen, geben Überblickszeichnungen historischer Orte wie Hoheneck oder den Alexanderplatz. Präsentiert wird dieses Material nicht in technisch reproduzierter Akkuratesse, sondern skizziert und flüchtig aufs Blatt geworfen, gleichwohl ist es nicht wahr, aber durchaus wahrhaftig. All das ist aufschlussreich, ohne penetrant zu sein, und akkurat, ohne trocken zu sein.

Im Comic ist es nicht schlimm, wenn Pinochet, Mussolini und Gaddafi als anthropomorphe Fische Toms Traumaquarium bevölkern, es ist gerade die Stärke des Mediums, Brechungen auch bildlich setzen zu können, die subversiv, erhellend und unterhaltend zugleich sind, weil sie Gedankenräume öffnen und einladen, sie mit eigenen Überlegungen zu füllen. Treibsand ist dafür nicht bloß ein schönes Beispiel, sondern auch für sich genommen ein tolles Buch, das man auch zum 30., 35., 40., 45. und 50. Mauerjubiläum noch lesen sollte. Obendrein zeigt Treibsand eine künstlerische Weiterentwicklung seit 17. Juni. Die Geschichte von Armin & Eva, die Vorfreude auf künftige Bücher macht.

 

Max Mönch/Alexander Lahl/Kitty Kahane: Treibsand. Eine Graphic Novel aus den letzten Tagen der DDR. Koloriert von Dominique André Kahane.
Metrolit Verlag, 176 Seiten
Preis: 20,00 €
ISBN: 978-3-8493-0358-7

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3 Gedanken zu „Ästhetik der Zahnschmerzen, oder: wie einmal Nuss-Nougat-Creme die Mauer zu Fall brachte

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