Die Zeit ist scheißnah, Leute. Der Dichter Ulf Stolterfoht schreibt die Geschichte von Neu-Jerusalem

COVER_neu-jerusalemSchon lange nichts wirklich Seltsames mehr gelesen? Dann ist das hier genau das Richtige. Nach der Lektüre von Stolterfohts neu-jerusalem fühlt man sich noch mehr in die Mangel genommen als nach fachsprachen I-XXXVI, seinem sprachkritischen und sprachspielerischen Großprojekt, das im leider untergegangenen Urs Engeler Verlag erschien. Die grundsätzlich ironische Sicht des Dichters auf alle Dinge der Welt und das menschliche Leben tritt auch im neuen Band zutage, doch hinzu kommt ein Stoff aus feinst geklittertem Material: die Geschichte einer fiktiven protestantischen Sekte.

von STEPHANIE HEIMGARTNER

Im frühen 18. Jahrhundert, zur Blütezeit des Pietismus also, gab es viele religiöse Kleinstgruppen. Stolterfoht erzählt in seinem neuen Band die Geschichte einer solchen sektiererischen Gemeinschaft, und er verflicht und imitiert dabei, was man an höchst eigentümlichen Quellentexten finden kann: die Predigten Bob Dylans mit Berichten über die Koresh-Sekte und ihr katastrophales Ende 1993 in Waco/Texas; die Liedersammlung Geistlicher Würtz= Kräuter= und Blumen=Garten des Radikalpietisten Christoph Schütz mit theologie-historischen Abhandlungen über die ekstatischen Erwecker des 17. Jahrhunderts; die Gebete des Ordensgründers Benedikt von Nursia mit linguistischer Fachliteratur über die Amishen (alles fein säuberlich dokumentiert im angehängten Literaturverzeichnis).

Heraus kommt ein Großgedicht in neun höchst unterschiedlichen Teilen, die außer durch das, was man als „Plot“ in groben Zügen rekonstruieren kann, durch die gemeinsame Form miteinander verbunden sind: Auf jeder Seite begegnet einem ein säuberlich in fünf Strophen unterteilter Textblock von 25 Versen – außer im neunten Teil, denn der besteht aus höchst komischen Illustrationen des Verfassers.

Mutter Johannas promiske Truppe und die 45 Wundertaten des Blutjesus

Eingangs wird zunächst einmal seitenlang und fast unverändert aus der biblischen Offenbarung zitiert, lediglich ge- und unterbrochen von den Zwischenrufen eines höchst heutigen Bibelstundenleiters à la „die zeit ist scheißnah.“ Dann folgen „briefe des verfassers an seine leser“, die wiederum unterteilt werden in „gottesfürchtige“ und „gebildete“ sowie zwielichtige (eine Bordellbetreiberin, Zuhälter, Strichjungen), schwäbische Freaks (von denen wir sicher sind, dass es sie gibt) und – last but not least – die Verlegerin. In den Briefen wird vor dem nun anhebenden Buch gewarnt, es wird verheißen, beschworen und neugierig gemacht, ehe in Teil zwei dann die Geschichten religiös motivierter Wanderbewegungen in Sachsen und Auswanderungsbewegungen in die USA beginnen. Buch drei ist Wagenblast, dem Gründer Neu-Jerusalems, gewidmet, der auch ausführlich (in Buch vier) – wem wohl? – den Mohikanern predigt. Unwillkürlich denkt man an Robert Gernhardts unübertroffene Zeilen über die Predigt des Paulus an Apatschen, Komantschen und Irokesen … Der unglückliche Wagenblast jedenfalls wird im folgenden Abschnitt von Mutter Johanna und ihren Vagabunden samt seinen 36 Brüdern gemeuchelt, damit sie deren Siedlung selbst bewohnen können. Unter Mutter Johanna gibt es Zwangsbeischlaf, Hurerei und Raubzüge in umliegende Dörfer, um die Gemeinschaft zu ernähren. Wer es noch nicht wusste: So oder so ähnlich haben verbürgtermaßen auch Gruppierungen des sogenannten libertinären Pietismus im frühen 17. Jahrhundert gelebt. Die Mutter selbst indes ergeht sich anschließend in visionären, pflanzeninduzierten Versen – der lyrischste Abschnitt des Bandes. Teil sieben führt einen neuen Protagonisten und seine 45 Wundertaten ein: Von den prophetischen Aussprüchen und Heilungen des Blutjesus wird berichtet, bevor dieser im folgenden Teil mit seiner Gemeinschaft den Lockungen des BKA und des Verfassungsschutzes widersteht (alles ist auf Tonbandprotokollen festgehalten!) und sich lieber in Grund und Boden bomben lässt, als Neu-Jerusalem aufzugeben, ehe denn sein Buch „Die sieben Siegel“ vollendet ist. Schließlich liegt der Sektensumpf in Schutt und Asche, die „Handlung“ kommt ans Ende und es folgt der Bildteil, wobei voyeuristische Anwandlungen unbefriedigt bleiben, denn das Bild mit dem Titel „mutter johanna hat verkehr mit herrn sebulon“ ist durch einen Aufkleber verdeckt, der auf seinen schädlichen „explicit content“ hinweist.

Obskure Geschichten und entlegenste Sprachzipfel

Die rasante Kombination von Textsorten, unterschiedlichsten historischen Kuriosa (denn: „der herr […] steht total auf nackten fakt. ist so.“), Zitaten, Anspielungen und rapartigen Binnenreimen verrät nicht nur, dass hier jemand am Werk war, der über schwindelerregende Lesekenntnisse in obskursten Gebieten und über die Fähigkeit zur Amalgamierung entlegenster Sprachzipfel verfügt, sondern vor allem, dass in dieser Kombination eine fortwährende Grenzverwischung intendiert ist, die herkömmliche Kategorisierungen und Deutungsversuche schnell entgleisen lässt und den Leser gleichsam anherrscht: Semiose here and now! „yeah!“ Die heute fast schon sektiererisch anmutende, bis an den Rand der Identifizierung gehende Beschäftigung mit der Religiosität des 17. Jahrhunderts offenbart vor allem eines: dass die Ekstase des Ulf Stolterfoht sich – ganz protestantisch – vor allem in der Sprache bzw. der Schrift ereignet. Und welcher fanatische Leser könnte das nicht nachvollziehen.

 

Ulf Stolterfoht: neu-jerusalem. gedicht.
kookbooks,104 Seiten
Preis: € 19,90
ISBN 978-3-937445-60-1

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