Spätabends inmitten der Beckett’schen Zukunftsversion

Samuel Becketts "Glückliche Tage" und "Das letzte Band" am Schauspiel Dortmund Foto: Birgit Hupfeld

Samuel Becketts „Glückliche Tage“ und „Das letzte Band“ am Schauspiel Dortmund Foto: Birgit Hupfeld

Winnie ist einsam, Willie ist einsam und Krapp ist einsam. Samuel Beckett positionierte seine Figuren in einem zeitlichen und geografischen Vakuum nach der Apokalypse. Es sind Existenzen im vorletzten Stadium der Auflösung. Man könnte meinen, dass Becketts dystopische Zukunftsversion in weiter Ferne liegt. Marcus Lobbes beweist aber in seiner Dortmunder Inszenierung von Glückliche Tage und Das letzte Band im kleinen Studio des Schauspielhauses eindrucksvoll: Wir sind mittendrin!

von VERENA SCHÄTZLER

Winnie (Merle Wasmuth) steckt fest. Nicht im wörtlichen Sinne wie bei Beckett, wo sie bis zur Brust in einem Erdhaufen eingegraben ist, sondern, wie sie selbst beschreibt, „in einem Sack“. Eingewickelt in einem schwarzen Organzatuch liegt sie in einem Nachen und treibt langsam auf einen Schädelberg zu. Bewegen kann sie sich nicht. Sie ist von der Hüfte abwärts gelähmt – und sie ist einsam. Irgendwo muss Willie (Ekkehard Freye) sein, aber sie sieht und hört ihn nicht. Trotzdem fängt sie an, mit ihm zu reden. Manchmal antwortet er sogar – ein glücklicher Tag für Winnie!
Krapp (wieder Ekkehard Freye) schaut sich alte Videos von sich an. Kopfschüttelnd sieht er sich auf  dem letzten Band an, wie sein jüngeres Selbst seine letzte Liebe beendet hat. Im Brustton der Überzeugung rechtfertigt dieses die Beendigung der Beziehung zu dieser Frau zugunsten des großen Opus, das er stattdessen schreiben wolle. Dem alten Krapp fehlen die Worte.

Zunehmende Vereinsamung des Menschen – ein aktuelles Thema

Befragt man Kindlers Neues Literatur Lexikon nach Beckett, so wird die „menschliche Existenz zwischen Leben und Tod“ betont, die dieser in seinen Stücken immer wieder aufgreift. Aber diese Grenzsituation befindet sich nicht in einer entfernten Zukunft. Becketts Vision ist mittlerweile Realität geworden. In einer Zeit, in der die Gesellschaft zunehmend vergreist, in der Großfamilien seltener werden, Singlehaushalte dafür die Regel sind und das Individuum häufig nur noch die berufliche Selbstverwirklichung verfolgt, zeigt Lobbes in seiner Inszenierung mit beängstigender Klarheit, was auf uns alle zukommen kann, wenn wir alt werden. Winnie, Willie und Krapp stehen exemplarisch dafür, was mit dem Menschen passiert, wenn ihm im Alter der menschliche Zuspruch fehlt und er immer mehr vereinsamt.

Das Bühnenbild von Pia Maria Mackert veranschaulicht diese Vereinsamung sehr eindrucksvoll, indem sie die sich auf der Bühne befindende Winnie durch eine Spiegelwand vom Publikum und von Willie trennt. Willie schaut in eine Videokamera, die nur seine Augen auf die Wand hinter Winnie projiziert. Als Winnie zum Schluss, am Ende ihres Lebens, am Schädelberg ankommt, wird das Licht hinter der Glaswand gedimmt, Winnie verschwindet immer mehr und dafür beginnt das Publikum sich immer klarer zu sehen. Das Geschehen auf der Bühne wird zum Spiegelbild des Zuschauers. Die Botschaft ist klar: Er ist der nächste.

Winnie, bei Beckett eine ältere Frau um die 50 und bei Lobbes gespielt von der jungen Merle Wasmuth, die sichtlich ‚alt‘ geschminkt wurde, steht für die ältere Generation, die aufgrund des körperlichen Abbaus immer seltener an Aktivitäten außerhalb ihrer Wohnung teilnehmen kann. Da ihr andere Ansprechpartner fehlen, fängt sie selbst an zu reden. Zuerst mit Willie, der aber nur selten Reaktionen zeigt, und schließlich mit sich selbst. Alles nur, um überhaupt eine menschliche Stimme zu hören.

Männer wie Willie ziehen sich in ihrer Einsamkeit immer mehr zurück und hören, im Gegensatz zu den Frauen, auf zu reden. Auch er verkriecht sich in ein Loch, eine metaphorische Depression. Dieses Verkriechen geht sogar so weit, dass die Figur überhaupt nicht auf der Bühne präsent ist. Alles, was man über Willie weiß, hört man lediglich über ihn. Er selbst äußert sich fast gar nicht. Und der ihn verkörpernde Schauspieler Ekkehard Freye sitzt im Anzug im Publikum.

Samuel Becketts "Glückliche Tage" und "Das letzte Band" am Schauspiel Dortmund Foto: Birgit Hupfeld

Samuel Becketts „Glückliche Tage“ und „Das letzte Band“ am Schauspiel Dortmund Foto: Birgit Hupfeld

Aufforderung zum Umdenken

Wie vom heutigen Zeitgeist gefordert, hat der alte Krapp konsequent seine berufliche Selbstverwirklichung vorangetrieben und dafür als junger Mann die Liebe seines Lebens verlassen. Diese Entscheidung empfindet er heute als Fehler. Sein großes Opus hat sich als Flop erwiesen: „17 verkaufte Exemplare, elf davon als Bibliotheksexemplare nach Übersee zum Großhandelspreis“. Auch er redet nicht mehr viel, im Gegensatz zu seinem jüngeren Selbst, und trauert der verpassten Chance und der Frau hinterher, in deren Augen die ganze Welt zu liegen schien.

Das letzte Band bildet mit seinem letzten Bild nicht nur das abschließende Nachwort zu einem  Abend, der mit starken Bildern gezeigt hat, dass Becketts Visionen längst zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen gehören.  Marcus Lobbes weist den Zuschauer nicht nur auf diesen Umstand hin,   sondern mahnt auch zu einem Umdenken. Nicht ganz Beckett getreu, lässt er den alten Krapp mit seiner jungen Liebe den Saal verlassen. Mit der Frau, mit der Krapp hätte alt werden können. Das kann auch der Zuschauer. Er muss es nur zulassen.

Informationen zur Inszenierung
Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, der 23. September
Donnerstag, der 01. Oktober
Sonntag, der 25. Oktober

 

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2 Gedanken zu „Spätabends inmitten der Beckett’schen Zukunftsversion

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