Vom Versuch, die Ordnung aufzubrechen

"Das Rheingold" bei der Ruhrtriennale Foto: JU/Ruhrtriennale

„Das Rheingold“ bei der Ruhrtriennale Foto: JU/Ruhrtriennale

Wagner ist umso mehr Wagner, je weniger er Wagner ist. So oder so ähnlich ließe sich der inszenatorische Ansatz von Johan Simons’ und Teodor Currentzis’ Interpretation von Das Rheingold bei der diesjährigen Ruhrtriennale zusammenfassen. Das volle Potenzial eines freieren Umgangs mit dem Werk wird, trotz stellenweiser Loslösung von der Partitur, nicht ausgeschöpft. Die Inszenierung gerät konventioneller als angekündigt, dennoch zeigt sie sich erfinderisch.

von CHRISTOFER SCHMIDT

Von Verwüstung und Zerfall zeugt schon beim Betreten des Aufführungssaals das Bühnenbild (Bettina Pommer). Einen Zustand ursprünglicher Harmonie, wie er in anderen Inszenierungen des Rheingolds vor dem Raub des Schatzes vorkommt, gibt es hier nicht. Walhall ist umgeben von Baugerüsten, die mit der Industriearchitektur der Jahrhunderthalle verschmelzen und das Götteranwesen bedrohlich zu umzingeln scheinen. Im unteren Teil der Szenerie liegen die Körper dreier scheinbar lebloser Frauen. Sie harren in Wasserbecken aus, neben Geröll und den Überresten eines herrschaftlich anmutenden Deckenfrieses. Ein Kronleuchter ragt verkehrt herum aus einem der Bassins hervor. Für einen Augenblick steht die Zeit still. Plötzlich durchqueren Musiker das Bild, die als zentraler Blickfang in der Bühnenmitte Platz nehmen. Den Klang ihrer Instrumente weben sie in den bereits vor Einlass zu hörenden elektronischen Bassteppich des Soundkünstlers Mika Vainio ein. Die meditative Ruhe schwindet. Nun verlagert sich die Aufmerksamkeit von der entrückten Atmosphäre, die durch Raumarchitektur und Musik geschaffen wird, auf die allmählich einsetzende Handlung:

Alberich, porträtiert von Leigh Melrose, durchwatet in grüner Latzhose und Gummistiefeln den Rhein. Liebe suchend stürzt er sich auf die Frauenkörper im Wasser, welche lediglich Attrappen im neckischen Spiel der Rheinnixen sind. Dass es sich um Puppen handelt, lässt sich je nach Sitzposition erst durch das einseitig bleibende Interaktionsverhältnis erkennen.

Die Nixenschwestern, gespielt von Anna Patalong, Dorottya Láng und Jurgita Adamonytė, nehmen neben dem Orchester Platz und singen ihre Partien zunächst vom Notenständer ablesend. Simons spielt mit den Erwartungen des Publikums: Wird es eine Trennung zwischen Schauspiel und Gesangsdarbietung geben? Die Spannung hält nur kurz. Wenige Augenblicke später lässt er die vorgeblich konzertant agierenden Darstellerinnen zu Alberich hinabsteigen und mit ihm im Wasser toben. Was vielversprechend und mit einigen Überraschungsmomenten beginnt, entwickelt sich weniger ereignisreich fort.

Laut und deutlich

Erst nachdem Wotan (Mika Kares) beschließt, mit Loge (Peter Bronder) nach Nibelheim hinabzusteigen, prasselt kompromisslos unzweideutig die in den Paratexten zur Inszenierung beschworene Öffnung des Werks nieder. Wotans manisch herumflitzender Diener Sintolt (Stefan Hunstein) rezitiert Auszüge aus Jelineks Rein Gold: Ein Bühnenessay, ein Text, der anhand der Figuren Wotan und dessen Tochter Brünnhilde den Zusammenhang von Reichtum, Machtmissbrauch und Diebstahl im kapitalistischen System anprangert. Das zeitgleich zur Megafon-Ekstase von Sintolt erklingende metallische Donnern von Hammerschlägen prügelt dem Zuschauer die kapitalismuskritische Lesart dieser Inszenierung förmlich ein. Subtil ist diese Kombination nicht, dennoch bringt Jelineks Sprache eine angenehme Frische in die Aufführung – die nicht lange anhält.

Dass das Rheingold die Geschichte des Ruhrgebiets erzählt, ist ein weiterer Ansatz von Simons, den er in der darauffolgenden Szene aufzuzeigen versucht. Und so treten die Protagonisten während ihres Aufenthalts in Nibelheim schmutzbeschmiert in Bergarbeitermontur auf. Allerdings erschöpft sich der Bezug auch schon in dieser Kostümwahl. Er wird nicht weiter verfolgt, sodass als einzig sichtbare Motivation dahinter der lokale Bezug zum Festival steht. Allein der Aufführungsort und die Kostüme reichen jedoch nicht aus, um die spezifische Geschichte des Ruhrgebiets von jener der Industrialisierung im Allgemeinen abzuheben.

"Das Rheingold" bei der Ruhrtriennale Foto: JU/Ruhrtriennale

„Das Rheingold“ bei der Ruhrtriennale Foto: JU/Ruhrtriennale

Revolution oder Tradition?

Das Bemühen, für Wagners revolutionären politischen Geist, der sich im Rheingold niederschlägt, eine adäquate Übersetzung für unsere Zeit zu finden, mutet als logische Fortführung seines Denkens an, selbst wenn dies die Emanzipation vom Libretto und eine Abkehr von der tradierten Wagner-Aufführungspraxis bedeutet. So spielt das Orchester MusicAeterna nicht im Orchestergraben und das Publikum ist nicht komplett hinter die vierte Wand verbannt. Auf Gartenstühlen sitzend, bevölkern knapp 50 Publikums-Statisten die Ränder der Bühne, verfolgen das Geschehen und werden dabei selbst vom Rest des Publikums beobachtet. Elektronische Sounds, der fieberhafte Einbruch von Jelineks Sprache und ein mitreißend gestikulierender Dirigent, der inmitten des Bühnengeschehens mit seinen Puffärmeln Assoziationen an Disneys Fantasia weckt, rütteln am gewohnten Bild einer Wagner-Inszenierung.

All diese Einfälle hinterlassen jedoch keinen bleibenden Eindruck, sie bilden eher schmückendes Beiwerk. Sie werden wahrgenommen, aber von der Dominanz der Handlung, des Gesangs und der Musik, die sich auf immerhin drei Stunden ausdehnt und höchst professionell dargeboten wird, doch wieder in den Hintergrund gedrängt. Es scheint so, als habe der aktuelle Intendant der Ruhrtriennale nicht den Mut, auch die tragenden Grundpfeiler dieser Oper infrage zu stellen und den Weg der Loslösung konsequenter zu verfolgen. Vermutlich bedarf es der Unbefangenheit eines Siegfrieds, um wirklich einen radikalen Bruch herbeizuführen und sich vom Gewicht der tradierten Ordnung nicht erdrücken zu lassen.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Dienstag, der 22. September
Donnerstag, der 24. September
Samstag, der 26. September

 

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