Die geheimnisvolle Insel oder: Zwei Kulturen sind eine zu viel

"Die stille Kraft" bei der Ruhrtriennale Foto: Jan Versweyveld

„Die stille Kraft“ bei der Ruhrtriennale Foto: Jan Versweyveld

Die stille Kraft nach dem gleichnamigen Roman von Louis Couperus begeisterte das Premierenpublikum der Ruhrtriennale auf Zeche Zollverein nahezu ausnahmslos. Der Inszenierung von Ivo van Hove und Peter van Kraaij gelingt auf beeindruckende Weise der Spagat zwischen dramaturgisch dichter Romanadaption und cineastischem Effekttheater. Die Schauspieler der Toneelgroep Amsterdam glänzen durch Authentizität.

von HELGE KREISKÖTHER

Allein das Vorhaben, Louis Couperus (1863-1923) bei der Ruhrtriennale einen ganzen theatralischen Abend zu widmen, dürfte das Herz eines jeden erwärmen, der sich als Robin Hood für die zahlreichen, zu Unrecht vernachlässigten europäischen Schriftsteller auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert begreift. In den Niederlanden geschätzt wie kein anderer Romancier seiner Epoche – vergleichbar vielleicht mit der Rezeption Thomas Manns hierzulande –, wird Couperus auf dem übrigen Kontinent mitnichten der literarische Nachruhm zuteil, der ihm zustünde, nimmt er doch zwischen Dekadenzvertretern wie Huysmans, Verfallschronisten wie Joseph Roth und Kolonialismusautoren wie Joseph Conrad einen ganz eigenen, spannenden Raum ein.

Die stille Kraft, deren Vorlage erstmals 1900 publiziert wurde, führt den Leser bzw. Zuschauer in die blühende Kolonie Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien. Hier leitet Otto van Oudijck im fiktiven Ort Labuwangi (auf der Insel Java) die Regierungsgeschäfte als Resident. Seine Frau Leonie steht ihm als vertraute Repräsentantin zur Seite, ihre Sexbesessenheit verlebt sie jedoch nur mit anderen – u. a. mit ihrem Stiefsohn Theo. Doddy, die Tochter des Hauses, verguckt sich in einen Einheimischen. Unterdessen beginnt es unter den schweigsam-genügsamen Inländern zu rumoren: Eine „stille Kraft“ schlägt Wurzeln, verbreitet sich und löscht die wertvollen Errungenschaften der „Westlichkeit“ Schritt für Schritt aus. Was mit Skandalen in der einheimischen Fürstenfamilie beginnt, nimmt Ausmaße an, die sich schon bald nicht mehr von einem einzelnen Mann kontrollieren lassen. Am Ende sind die holländischen Besatzer heimatlos, sie fliehen oder tauchen unter – aus dem Paradies vertrieben und gleichzeitig in Europa fremd geworden.

„Wir sind Idioten, wir Abendländer …“

Gijs Scholten van Aschat und Halina Reijn überzeugen als Eheleute van Oudijck: Während Ersterer in den anfänglichen Szenen etwas unterkühlt agiert, später aber seiner Figur durch ebendieses Fassungsvermögen Glaubwürdigkeit verleiht, zeichnet Letztere souverän den Weg von gleichgültig-selbstverliebter Nymphomanie zu nervöser Hilflosigkeit. Ihre Duschsequenz ist ein erotischer Hingucker – bis sich das Wasser rot färbt, was ein herkömmlicher Filmtrick sein mag, aber seine Wirkung ebenso wenig verfehlt.

Hervorhebung verdient auch Maria Kraakman als Eva Eldersma, jenem optimistischen Organisationstalent, das von Otto als Trostpflaster gebraucht wird, aber dann doch alles infrage zu stellen wagt: „Das ist eine abendländische Idee, die auf die Dauer scheitern muss.“ Sie berichtet, wie sich Kakerlaken und Ameisen über alles hermachen, selbst über das Klavier, auf dem sie in früheren Zeiten regelmäßig den Feuerzauber (aus Richard Wagners Walküre) zu Gehör brachte. Symbolischer könnte die Ablösung intellektueller westlicher Überlegenheitskultur durch die Kräfte der mysteriösen, einheimischen Wildnis kaum beschrieben werden.

Natürlich bleibt diese Episode wie alle weiteren des Abends auf die Perspektive der Niederländer beschränkt, aber lässt sich daraus ein Eurozentrismus-Vorwurf spinnen? Schließlich war Couperus ebenso Europäer wie das Team der Toneelgroep Amsterdam und wie die meisten Gäste der Ruhrtriennale. Um Verherrlichung oder politische Verurteilung geht es ohnehin nicht. Vielmehr werden zeitlose, literarisch aufpolierte Fragen rund um die Sinnhaftigkeit von Zugehörigkeit, Akzeptanz und Ignoranz erörtert: Hat es Sinn, eine Kultur langfristig einer anderen Kultur aufzwingen zu wollen? Lässt sich Volkswiderstand dauerhaft ignorieren? Wie fühlt sich ein Mensch, der seine zweite Heimat verliert und in die ursprüngliche nicht zurückzukehren wagt?

"Die stille Kraft" bei der Ruhrtriennale Foto: Jan Versweyveld

„Die stille Kraft“ bei der Ruhrtriennale Foto: Jan Versweyveld

Nichts bleibt trocken

Exzessive Regengüsse auf den Holzbretterboden, der von allen Darstellern barfuß bespielt wird, machen selbst vor dem Konzertflügel und dem hinterher völlig durchnässten Musiker (Harry de Wit) keinen Halt. Gnadenlos prasseln sie hernieder, bilden szenenweise Nebelwände und erzeugen mit den gelegentlichen Projektionen indonesischer Tropenlandschaften die nötige exotische Atmosphäre. Der Soundtrack zum Abend bewegt sich zwischen pianistischen Einlagen à la Rachmaninow, marimba-artiger Inselmusik und Jazzelementen. Mit Ausnahme einiger erschreckender Umbruchszenen, in denen ein regelrechter Monsun heraufbeschworen wird und Barry Emond seine „kultischen“ Tanzkünste unter Beweis stellt, bleiben die Klänge jedoch im Hintergrund des Schauspiels.

Gleich drei Verdienste können sich Ivo van Hove (Regie) und Peter van Kraaij (Adaption/Dramaturgie) auf ihre Fahnen schreiben: das deutschsprachige Publikum mit dem Werk Couperus’ vertraut zu machen – durch weitere geplante Inszenierungen 2016 und 2017 wird ihm womöglich zu einer gewissen Renaissance verholfen –, das Kolonialismusthema mit ungewohntem, will sagen: holländischem Blickwinkel ins Theater zu bringen und nicht zuletzt eindrucksvoll zu belegen, warum Romanadaptionen mittlerweile unverzichtbar für Theaterbühnen sind. Hier und da mag man „Effekthascherei“ oder gar den Verzicht auf Avantgardistisches brandmarken, viel wichtiger erscheint jedoch der Umstand, dass sich Minuten der Langeweile in dieser Inszenierung wahrlich an einer Hand abzählen lassen. Klischees werden angerissen, aber nicht ausgetreten; Exotismen reichlich bedient, aber nicht missbraucht. Hier wird das Maximum an theatralischem Potenzial aus einem Buch gekitzelt, das in Anbetracht seines Veröffentlichungsjahres erstaunlich kontroverse Fragen aufwirft.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Sonntag, der 20. September
Mittwoch, der 23. September
Donnerstag, der 24. September
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