Menschen, Tiere, Illustrationen

COVER_Michael_Weins_Katahrina_Gschwendtner_Sie_träumt_von_Pferden_MairischSie träumt von Pferden, zumindest von einem Pferd, einem Hengst nämlich, in der titelgebenden Geschichte des kleinen Bandes, in einer von insgesamt zwölf Geschichten mit Tieren, so der Untertitel des von Michael Weins geschriebenen und von Katharina Gschwendtner illustrierten Buches. Aber nicht jeder Text braucht ein Bild, und nicht jeder Traum oder jede psychoanalytische Sitzung muss Prosa werden.

von SYLVIA KOKOT

Laut Pressetext handeln die Erzählungen „von den unerklärlichen Wendungen, die aus einem Lebensweg das lichtdurchsprenkelte, das schattenumwobene Dasein machen. Wir alle sind Tiere. Tiere bleiben rätselhaft.“ Ja, es geht um Tiere, echte Tiere: Katzen, Schildkröten und Schweine, anthropomorphe Tiere wie den bisexuellen Wolf, fantastische Tiere wie die Rumpelstelze – und es geht um Menschen, Menschen mit Träumen und Ängsten, Menschen, die animalisch erscheinen, Menschen, die hilflos sind. Aber der Rätselhaftigkeit steht dann doch der eigene ästhetische Anspruch dieser Produktion, Text und Bild miteinander zu verweben, entgegen.

Du sollst dir kein Bildnis machen …

Bei einigen Geschichten harmonieren Text und Bild, sind in sich stimmig in ihrer Unaufgelöstheit, wie im Schildkrötenmärchen, in dem ein Mädchen zur Unauffindbarkeit des Bruders befragt wird, ihr Wissen jedoch nicht preisgibt und am Ende selbst „[e]infach verschwinden“ will wie die Schildkröte, die sie mal besaß: „Über den Zaun ins Dickicht.“ Die abschließende doppelseitige Illustration Gschwendtners, auf der sich ein Mädchen in Begleitung eines Schildkröten-Ninja-Menschen in die undurchdringliche Fauna begibt, führt diese Sehnsucht fort. An anderer Stelle hakelt die Korrespondenz zwischen Text und Bild jedoch. In Die Stange, die ich mir halte scheint die Mutter der Hauptfigur sich immer mehr in ein verwahrlostes Tier zu verwandeln: „Deine Mutter ist wie ein Tier. Ich möchte nicht, dass du mich falsch verstehst. Deine Mutter ist wie ein schönes, stilles Tier. Ich meine das nicht als Beleidigung, im Gegenteil. Deine Mutter hat etwas beruhigend Beunruhigendes.“ Die Illustration hingegen vereindeutigt hier leider, indem sie einen bis auf Hände und Füße behaarten, gebeugten Menschen zeigt, der dem Ich aus der Hand frisst. Das in seiner Ästhetik „beruhigend Beunruhigende“ verkommt zur sichtbaren Belanglosigkeit.

Texte von der Couch

Das Vorsatzblatt bildet die Ausnahme: Hier versteht es Gschwendtner, die Übergängigkeit zwischen verschiedenen Realitäten, die Untrennbarkeit von Geschichten, die psychische und physische Nähe von Mensch und Tier zu illustrieren. Allerdings ist diese Illustration auch nicht an eine einzelne Erzählung gebunden, vielmehr umreißt sie in dieser gezeichneten Topografie von Geschichten mit Tieren die möglichen Weiten einer solchen Thematik.

Bei den oben angerissenen Plots klingt vielleicht schon an, dass es mit den angeblich verschwimmenden Grenzen „zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen menschlicher Moral und purer Schönheit, und vor allem zwischen Tier und Mensch“ (Pressetext) in diesen Geschichten nicht weit her zu sein scheint. Bedenkt man noch, dass der Autor auch Psychologe ist, verfällt man schnell auf den Gedanken, hier habe jemand diversen Psychoanalysesitzungen gelauscht, heimlich Traumaufzeichnungen gelesen und versucht, daraus ein wenig Prosa zu stricken. Da gelingt es dann auch den Zeichnungen nur bedingt, den Texten ihre Rätselhaftigkeit wiederzugeben. – Ein eigentlich wunderbar gestaltetes, hochwertiges Buch, aber in diesem Fall hätten Texte und Bilder vielleicht doch getrennte Wege gehen sollen.

 

Michael Weins (Text), Katharina Gschwendtner (Illustration): Sie träumt von Pferden. Geschichten mit Tieren
mairisch, 126 Seiten
Preis: 16,90€
ISBN: 978-3-938539-35-4

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