Vergoldete Verlorenheit

Hauptmanns "Rose Bernd" am Schauspielhaus Bochum Foto: Arno Declair

Hauptmanns „Rose Bernd“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Arno Declair

Wie schon in der letzten Spielzeit bringt Regisseur Roger Vontobel mit Rose Bernd ein Hauptmann-Stück auf die Bühne des Bochumer Schauspielhauses. Auch diesmal überzeugt Jana Schulz in der titelgebenden Hauptrolle: Sie spielt eine Frau, die als Spielball zwischen zu viel fordernden Männern Stärke beweist, letztendlich aber an den Zwängen der Gesellschaft zerbricht.

von ANNIKA MEYER

Eine schwarze, nach vorne abschüssige Bühne (Claudia Rohner), bedeckt mit Goldpapier, das während des gesamten Stücks unterschiedlich stark von der Decke rieselt – in Bochum sehen wir das Drama Rose Bernd und ihren hoffnungslosen Kampf um Freiheit und Selbstständigkeit in einer schlesischen Provinz fernab der naturalistischen Bühnenästhetik Hauptmanns. Die Geschichte ist schnell erzählt: Rose (Jana Schulz) soll auf Wunsch ihres Vaters (Matthias Redlhammer) den unscheinbaren und frommen August Keil (Nils Kreutinger) heiraten. Sie hat jedoch ein Verhältnis mit dem Dorfschulzen Christoph Flamm (Olaf Johannessen), von dem seine Frau und Roses Ziehmutter (Katharina Linder) nichts ahnt, und wird vom neureichen Arthur Streckmann (Michael Schütz) erst belästigt, dann vergewaltigt und schließlich verleumdet. Zuletzt tötet Rose ihr ungeborenes Kind, das sie von Flamm erwartet, da sie es vor der Schlechtigkeit der Welt nicht anders retten kann.

Die Figuren sind bei Vontobel drastischer gezeichnet als in Hauptmanns Stück. Jana Schulz zeigt eine Rose, die sich nicht nur naiv ausnutzen lässt, sie verleiht ihr Stolz und Mut, der am Ende jedoch nicht ausreicht, um als einfaches Mädchen in einem von Macht und Geld regierten Milieu bestehen zu können. Nur konsequent ist daher auch das dominante Auftreten der Männer in Roses Leben: Vater Bernd drängt seine Tochter fast schon körperlich zur Heirat – manchmal ‚platzt‘ Redlhammer zu sehr, hat aber stets die passende Körperhaltung und Mimik eines eigentlich gebrochenen Mannes, der hart für sein eigenes und das angebliche Glück seiner Tochter kämpfen muss. Und Olaf Johannessen gibt einen Flamm, der geschickt zwischen Charme, Verzweiflung und brutaler Dominanz changiert, wenn er tatsächlich handgreiflich wird oder Rose in raffinierten Machtspielchen deutlich zeigt, wer die Oberhand hat.

Hauptmanns "Rose Bernd" am Schauspielhaus Bochum Foto: Arno Declair

Hauptmanns „Rose Bernd“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Arno Declair

Eine für alle, keiner für eine

Nicht nur moralisch steht Rose zwischen den Männern – die weite Bühne eignet sich gut, um auch räumlich klarzumachen, dass Rose zwischen ihren Verpflichtungen gegenüber ihrem Vater, ihrer Schwester Marthel (Johanna Franke) sowie August und ihren Verfehlungen durch Flamm und Streckmann zerrissen ist. Mal steht Rose mit Frau Flamm, die fast bis zuletzt Verständnis für Rose zeigt, mitten im Goldregen, während hinten links Flamm und Streckmann, hinten rechts Roses Familie das Geschehen beobachten, mal scheinen Flamm und Streckmann musikalisch um Roses Gunst zu buhlen, wenn sie auf je einer Bühnenseite Goran Bregovićs „Be That Man“ singen und Rose zwischen ihnen tanzt.

Generell spielt die Musik – wie so häufig in Vontobels Inszenierungen – eine besondere Rolle. Fünf Musiker (Leitung: Matthias Herrmann), die größtenteils Blasinstrumente spielen, untermalen die Szenen. Mal wird fast motivisch nur ein einzelnes Instrument gespielt, dann geht es fetzig-rustikal wie beim Schützenfest im schlesischen Dorf zu. Ein besonderer Clou: Die Musiker beherrschen ihre Instrumente nicht nur auf die herkömmliche Weise, sie wissen auch mit ihnen Percussion zu machen, die je nach Situation die Spannung auch akustisch schürt oder als komisches Moment zum Durchatmen fungiert, wenn eine von den Figuren auf der Bühne kommentierte Dreschmaschine imitiert wird. Andere gewollt humoristische Aussagen, die nicht dem Original Hauptmanns entnommen sind, erzeugen zwar kurze Lacher, zerstören aber leider eher die Intensivität so mancher Szene.

ʼs ist nicht alles Gold, was glänzt

Auch wenn hier und da nicht alle Abläufe rund sind, erlebt man allemal einen konzentrierten Abend. Denn gerade in den Übergängen der einzelnen Bilder zeigen Vontobel und sein Team ihr Können: Mit markanten Loops und fast wortwörtlichen Pauken und Trompeten wird genauso gearbeitet wie mit wunderbar gelungenen und differenzierten Lichtstimmungen (Bernd Felder), die gerade in Kombination mit dem Goldregen eindringliche Bilder erzeugen. Als Rose ihr ungeborenes Kind tötet, saust ein Goldschauer auf sie herab, dann versinkt sie für einen Moment in Dunkelheit. Doch Rose ist nicht das Mädchen der Grimmschen Sterntaler – sie gewinnt für ihre Hin- und Aufgabe nichts, sondern verliert am Ende alles. Zuletzt ist jeder für sich allein – das einzig willkommen Warme an diesem Abend ist der verdient lange und herzliche Applaus, der nach kurzer Schockstarre einsetzt und die gewohnt solide Arbeit Vontobels und des Bochumer Ensembles bestätigt.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Samstag, der 10. Oktober
Sonntag, der 18. Oktober
Donnerstag, der 29. Oktober

 

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Ein Gedanke zu „Vergoldete Verlorenheit

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