50 Shades of White

Yasmina Rezas "Kunst" am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

Yasmina Rezas „Kunst“ am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

Ein vibrierendes Kunstwerk, Scheiße oder irgendwas dazwischen? Drei Männer streiten sich über ein Bild, dabei geht es doch um so viel mehr. Regisseurin Anne Spaeter bringt Yasmina Rezas Kunst auf die Bühne des Grillo-Theaters Essen und zeigt eine fein abgestimmte Komödie, bei der zur Erheiterung des Zuschauers fast jedes Wort pointiert auf die Goldwaage gelegt wird.

von ANNIKA MEYER

160x120cm, weiße Striche auf weißem Hintergrund, rahmenlos: Das ist Serges (Thomas Büchel) jüngste, 60.000€ teure Errungenschaft, die für wilde Diskussionen zwischen dem Bildbesitzer und seinen Freunden Marc (Jan Pröhl) und Yvon (Gregor Henze) sorgt. Serge ist von der Qualität des erworbenen Kunstwerks angetan und glaubt gar, kein Weiß, sondern feine Graunuancen und ein sehr blasses Rot zu erkennen. Dass dies abhängig vom Standort, der Tageszeit und den Lichtverhältnissen ist, versteht sich von allein, nur Marc, der argwöhnische Banause ohne jeglichen Kunstgeschmack, lacht ihn aus und versteht seinen langjährigen Freund nicht. Da hilft es auch nicht, dass Yvon anfangs versucht, niemandes Gefühle zu verletzen und damit unabsichtlich die Parteien gegeneinander ausspielt.

Das Bild, welches der eigentliche Ausgangspunkt jedweder Wortklauberei ist, bekommen wir nicht zu sehen – imaginär schwebt es im Zuschauerraum. An weißer Farbe mangelt es auf der simplen, aber funktionalen Bühne (Fabian Lüdicke) jedoch nicht: Auf einer kleinen Drehbühne sind verschiedene Quader und Kuben so angeordnet, dass sie die Wohnräume von Serge und Yvon erahnen lassen – alles in weiß natürlich. Hier wird nun diskutiert und getrunken, gejoggt und gestritten. Ist den Figuren mal danach, zu monologisieren – Yvon berichtet von seinen Gefühlen bzgl. seiner bevorstehenden Hochzeit, Marc und Serge suchen nach dem wahren Grund ihres Disputs –, verlassen sie kurz mit veränderter Lichtstimmung das runde Podest – ein fast schon abgedroschener Kniff, der jedoch durch geschickte Überlagerungen und bewusst eingesetzte Reibepunkte von Monolog und restlicher Szene wieder versöhnlich stimmt.

Yasmina Rezas "Kunst" am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

Yasmina Rezas „Kunst“ am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

Von den kleinen und den großen Dingen

Wie so oft bei Yasmina Reza entwickelt sich aus einem anfangs fast banalen Ereignis ein wahrer Sog an Wortgefechten, der in regelrechten Grundsatzdiskussionen mündet. So auch in Kunst: Es dauert nicht lange, da stellt man eine 15-jährige Freundschaft und den Charakter des Gegenübers infrage, zweifelt an sich und seinen Entscheidungen und philosophiert darüber, was es heißt, „Mensch seiner Zeit“ zu sein oder was es bedeutet, wenn der beste Freund das Wort „Dekonstruktion“ verwendet, ohne es ironisch prätentiös zu meinen. Dass auch das Timing eine wichtige Rolle spielt, weiß das Essener Ensemble kunstvoll auszuspielen – viele Lacher werden von gut sitzenden Pausen, vom angespannt Nonverbalen und treffsicherer Mimik hervorgelockt.

So simpel das eigentliche Stück ist, so raffiniert muss es in der Umsetzung sein, um die grauen Zellen und die Lachmuskeln zu erreichen. Daher steckt die Liebe zum Detail nicht nur in Rezas Vorlage, sondern auch im Spiel der drei Darsteller, wenn Yvon erfolglos versucht, von den seinem Gast Marc angebotenen Cashewnüssen ebenfalls etwas abzubekommen oder er vor lauter Ekstase seine Espressotasse wieder und wieder mit Zucker füllt, während Serge seelenruhig versucht, seine Missgeschicke zu beheben. Bis es zumindest zu einer vorübergehenden Versöhnung der Freunde kommt, wird viel gestritten, philosophiert und randaliert. Das Essener Premieren-Publikum hatte dabei sichtlich und hörbar seinen Spaß – und erhält mit dem „äußerst modernen“ Seneca und seiner Schrift Vom glücklichen Leben direkt noch Serges Leseempfehlung für den noch argwöhnischen Kleingeist von heute.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen
Sonntag, der 18. Oktober
Donnerstag, der 22. Oktober
Donnerstag, der 29. Oktober

 

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Ein Gedanke zu „50 Shades of White

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