Dem Nazi in den Kopf geschaut

Tote Zonen von Simon PasternakLange Zeit galt es als Tabu, einen Roman über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive der Täter zu schreiben. Mit Tote Zonen präsentiert der dänische Autor Simon Pasternak einen der wenigen deutschen Täter-Ich-Erzähler, der 1943 als Polizist die Verbrechen an Juden, Partisanen und der weißrussischen Bevölkerung miterlebt. Die Suche nach dem Mörder eines hohen SS-Tiers und nach Raubgold machen ihm aber wesentlich mehr zu schaffen.

von GREGOR J. REHMER

Der Mord an „dem Juden Feigl“ kann schnell zu den Akten gelegt werden. Wenn ein SS-Mann einen Juden tötet, dann ist das vor dem Gesetz des Deutschen Reiches kein Verbrechen. Der Mord an SS-Obergruppenführer Dr. Hubert Steiner wird den Ich-Erzähler Heinrich Hartmann, Oberleutnant der Polizei, dagegen länger beschäftigen. Denn statt es bei einem Vergeltungsschlag gegen die weißrussische Bevölkerung oder die im Ghetto gefangenen Juden zu belassen, soll der Mörder Steiners aufgespürt werden. Treibende Kraft hinter dieser Suche ist Heinrichs Jugendfreund, der SS-Hauptsturmführer Manfred Schlosser, der den Tod seines Mentors Steiner rächen möchte.

Mit einer Beschreibung der einzigen Zeugin des Verbrechens begeben Manfred und Heinrich – der die Methoden seines Freundes nicht unbedingt gutheißt – sich auf die Suche durch das „Generalkommissariat Weißruthenien“. In kleinen Dörfern, Konzentrationslagern, Ghettos und einem Massengrab von ermordeten Juden kommen sie dem Täter immer näher, bis sie ihn schließlich bei einer großangelegten „Säuberungsaktion“ gegen die Partisanen gefangen nehmen können.

Nur Gold im Kopf

Kurz bevor der Gefangene ermordet wird, flüstert er Heinrich noch etwas von Raubgold zu, dessen Versteck er aus Steiner herauspressen sollte. Heinrich erkennt, dass ein SS-Mann in den Mord an Steiner verwickelt ist und hat auch eine Vermutung, wo das Gold versteckt sein könnte. Dieses Wissen wird ihm nun zum Verhängnis, da auch andere von dem Gold wissen und nicht nur diesem, sondern nun auch Heinrich hinterherjagen. Mit Mühe, Not und List entkommt er und reist in seine Heimatstadt Hamburg, wo er das Gold vermutet.

Ende Juli 1943 nach Hamburg zu reisen, war sicherlich nicht die beste Entscheidung. Kaum einen Tag da, muss Heinrich sich auch schon in den Luftschutzkeller flüchten. Im Zuge der Operation Gomorrha fliegt die Royal Air Force ihren zweiten Großangriff auf Hamburg. Durch die Bomben und den Feuersturm werden große Teile der Stadt zerstört. Irgendwie überlebt Heinrich und setzt, vorbei an brennenden Ruinen und verkohlten Leichen, seine Suche nach dem Gold fort.

Kritischer Blick

Bisher ist der Däne Simon Pasternak eher als Mitautor von Kriminalromanen in Erscheinung getreten, von denen manche ins Deutsche übersetzt wurden. Tote Zonen ist Pasternaks erstes Werk als alleiniger Autor, in dem aber seine Affinität zu Krimis spürbar bleibt. Ein klassischer Whodunit ist der Roman natürlich nicht, doch die Aufklärung des Mordes an SS-Obergruppenführer Steiner bzw. die Suche nach dessen Mörder nimmt zumindest die Hälfte des Romans ein. Dennoch liegt das Hauptaugenmerk auf anderen Aspekten.

Durch den Blick des Ich-Erzählers Heinrich, der nicht mit allem Einverstanden ist, was im Namen des Dritten Reichs geschieht, werden die während des Zweiten Weltkrieges von den Deutschen begangenen Taten kritisch beleuchtet. Angeprangert wird vor allem, wie SS-Männer sich an dem einverleibten Eigentum der ermordeten Juden und Weißrussen persönlich bereichern, der perverse Sadismus und die unfassbare ‚Kreativität‘ mancher Nazis bei Verhören, Folter und Mord sowie die toten Zonen, bei deren Schaffung eben nicht nur die von den Deutschen gesuchten Partisanen und Juden, sondern auch die weißrussische Bevölkerung zu Opfern werden.

Problematisch an Heinrichs ‚kritischem‘ Blick aber ist vor allem folgendes: Der Massenmord an den Juden selbst wird von ihm kaum in Frage gestellt. Dass die jüdische Bevölkerung Weißrusslands ebenso unschuldig ist, wie die restlichen Bauern und Dorfbewohner, sieht er nicht. Die Ghettoisierung und Auslöschung der Juden scheinen ihn nicht wirklich zu stören und erst, als er selbst zum Mörder wird, plagen ihn Skrupel und Schuldgefühle.

Riskante Täterperspektive

Ein Roman über den Holocaust aus der Sicht der Täter ist riskant. Zu groß ist die Gefahr, dass die LeserInnen sich mit dem Täter identifizieren und dabei die Opfer des Holocaust aus dem Blick verlieren. Tote Zonen droht auch in diese Falle zu tappen. Durch die Gegenüberstellung von überzeugten Nazis und dem zweifelnden Heinrich, lädt der Roman zu einer Identifikation mit letzterem ein. Die LeserInnen können dabei allzu leicht vergessen, dass er trotzdem ein Täter ist, der das System unterstützt und den Massenmord an den Juden nicht nur akzeptiert, sondern eben auch ermöglicht.

Die geschilderten Auswirkungen der alliierten Bombenangriffe auf Hamburg – die Zerstörung der Stadt, die vielen Toten – birgt auch das Risiko, Deutsche lediglich als Opfer des Krieges zu bemitleiden und dabei zu ignorieren, dass der Krieg von Deutschland ausging. Die Struktur des Buches versucht jedoch, diese Gefahr im Zaum zu halten: Zuerst kommt die deutsche Aggression, dann kommen die Bomben.

Zwei weitere Kritikpunkte bleiben: Zum einen lenkt die Suche nach dem Gold ab von einem relevanteren Aspekt, nämlich dem Massenmord an den Juden. Zum anderen stellt das Ende des Romans eine Wiedergutmachung für die Opfer und Vergebung von Schuld für die Täter in Aussicht, die die Problematik viel zu vereinfachend darstellt.

Kompliziert

Simon Pasternak hat sich mit Tote Zonen einem komplizierten Thema gewidmet. Er hat nicht nur ein Buch über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, sondern auch noch eines aus der Perspektive der Täter geschrieben. An Jonathan Littell kommt er damit nicht heran, dafür fehlt dem Roman durch das vordergründige Thema der Suche nach dem Steiner-Mörder und dem Raubgold die Tiefe. Doch trotz der angebrachten Kritik ist Tote Zonen lesenswert. Eben wegen der Wahl der Perspektive und weil es nicht nur den Massenmord der Nazis an den Juden in Erinnerung ruft, sondern auch deren skrupelloses Vorgehen gegen Partisanen und die Zivilbevölkerung. Spannend geschrieben ist es außerdem. Und es gibt genug Ansatzpunkte, über die sich nachzudenken lohnt.

 

Simon Pasternak: Tote Zonen
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Knaus, 304 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-8135-0646-4

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