„Weʼre all mad here“ – Das MiR wird zum Wunderland

"Alice in Wonderland" im MiR Foto: Costin Radu150 Jahre nach Erscheinen von Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker Aliceʼs Adventures in Wonderland zeigt uns Choreograf Luiz Fernando Bongiovanni, dass die Geschichte ums Erwachsenwerden, sich selbst Finden und Fantasie noch immer Facetten hat, die es lohnen, im Jahr 2015 auf eine Theaterbühne gebracht zu werden. Während man sich bei vielen alten Stoffen fragt, warum sie aus der Mottenkiste gekramt wurden und welche Berechtigung es gibt, ihnen einen bemüht aktuellen Ansatz aufzudrücken, sitzt man im Musiktheater im Revier und wünscht sich nach zwei Stunden unterhaltsamen Balletts mehr Alice, mehr weißes Kaninchen und vor allem mehr Luiz Fernando Bongiovanni.

von STEFAN KLEIN

Es hätte so viel falsch laufen können! Eine Ballett-Uraufführung zu Motiven von Lewis Carrolls Alice in Wonderland mit musikalischen Neukompositionen und Arrangements. Sofort schnellen einem Bilder von Tim Burtons kitschiger Kino-Adaption von 2010 in den Kopf. Das Plakat vor dem Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen erinnert tatsächlich an einen Versuch, Burtons Überästhetik aufzunehmen. Als Premieren-Datum wählte man den 31.10.2015: Halloween. Zufall? – Wahrscheinlich nicht. Im Foyer des Kleinen Hauses wartet eine Teeparty auf die Besucher. Es gibt Küchlein und Bowle. Und Frikadellen. So wird man schon vor dem Einlass Teil der Inszenierung. Wird man geschrumpft wie Alice, wenn man sich an einen Muffin wagt? Man weiß es nicht… Die Erdbeerbowle jedenfalls verspricht keine allzu märchenhafte Erfahrung. Doch bei genauerem Hinsehen die erste positive Überraschung: Die Teeparty sieht ebenso verrückt aus wie die des Hutmachers aus Carrolls Geschichte. Mit viel Liebe zum Detail bemüht man sich schon im Foyer, die Besucher mittels Requisiten und Kulissen in die Welt zu entführen, die einen hinter den Vorhängen des Theatersaales erwarten wird.

Nach dem Einlass dann eine weitere Überraschung: Das Kleine Haus des MiR zeigt seine enorme Wandlungsfähigkeit und lässt die Zuschauer im U um die Bühne sitzen. Nach einem kurzen Moment der Befremdung wird man sehr schnell merken, dass durch diese Sitzanordnung ein direktes Empfinden und Eintauchen möglich ist, wie man es im Großen Haus in keinem Fall hätte erzeugen können.

"Alice in Wonderland" im MiR Foto: Costin Radu„We’re all mad here.“

Auf der Bühne warten schon Alice (Francesca Berruto) und ihre Eltern (Ayako Kikuchi und Junior Demitre) auf die Zuschauer. Alice, weder blond noch blau gekleidet – sie erinnert eher an eine Wednesday Addams als an das niedliche, wohlerzogene Disney-Mädchen –, blickt starr nach vorn, während ihre Eltern buchstäblich gesichtslos bleiben. Das Licht erlischt und ein Streit beginnt. Das Bewegungsvokabular, das Luiz Fernando Bongiovanni hier für die Eltern entwickelt, erfindet das moderne Ballett-Rad mit Sicherheit nicht neu, besser hätte man die passive Aggressivität der Eltern jedoch nicht zeigen können. Das Ehepaar bleibt während der gesamten Szene auf den Stühlen sitzen, die als Sitzgruppe mit einem Tisch verbunden sind. Für sie gibt es keinen Ausweg aus ihrer Situation. Sie tanzen zwar mit ihrer Stuhl-Tisch-Konstruktion über die gesamte Bühne, bleiben aber dennoch seltsam gefangen. Alice tanzt hilflos hinterher, versucht Anschluss zu halten. Sie ist völlig überfordert und flüchtet sich in ihre eigene Welt. Ein Fest? Ein Drogenrausch? Hauptsache weg aus dem Gefängnis „Familie“.

Alice passt nicht in die nun folgende Party-Szene. Das Gothik-Mädchen inmitten von neonfarbenem Party-Volk. Sie bemüht sich sehr, schafft es aber nicht, in der Masse unterzugehen. Da kommt das weiße Kaninchen, in Person des verführerischen Valentin Juteau, gerade recht. Er umschwärmt und entführt letztlich das junge Mädchen, womit die Handlung erst richtig losgeht. Wir begleiten Alice auf ihrer Reise und treffen mit ihr die bekannten Figuren aus Lewis Carrolls Wunderland-Universum. Besondere Höhepunkte sind die fantastisch choreographierte Teeparty und der, im wahrsten Sinne des Wortes, furiose Auftritt der herzlosen Herzkönigin. Doch auch der komische Balztanz um die zur Riesin gewordene Alice oder der anrührende Pas-De-Deux von Alices Wunscheltern wissen zu überzeugen und vor allem zu unterhalten.

„I’m not strange, weird, off, nor crazy, my reality is just different from yours.“

Die Bühne von Britta Tönne besteht aus einer großen Front voll verschiedener Türen. Diese sind bedrohlich, verspielt und enorm ästhetisch zugleich. Bei jedem Öffnen finden sich andere Welten und Wesen hinter ihnen. Der Zuschauer hat mit Alice Spaß an den Türen und ist im nächsten Moment ebenso erschrocken oder überfordert wie sie. Durch die räumliche Nähe, ja fast Unmittelbarkeit zur Bühne, die mitreißende Musik von Eduardo Contrera und nicht zuletzt die schaurig schönen Kostüme von Ines Alda schafft es Bongiovanni, seine Zuschauer ins Wunderland zu entführen.

Der Brasilianer Bongiovanni entwickelt nun keine nie da gewesene Bewegungssprache für das moderne Ballett in seiner Gelsenkirchener Premiere. Er gibt jedoch jeder Szene, jeder skurrilen Figur seine Eigenarten und Bewegungsmuster, dass es eine Freude ist, modernes Ballett für sich neu oder wieder zu entdecken. Neben den exzellenten Solisten in den Hauptpartien zeigt das gesamte Ensemble eine sehr gute Leistung: Nicht nur in Ensemblenummern, sondern auch in Solo-Auftritten als Hutmacher, Herzkönigin oder eines der anderen verrückten Wesen wissen sie zu überzeugen und sind Teil des Wunderlandes. Alice in Wonderland ist von Anfang bis zum Schluss ein gelungener Ballett-Abend, der zum Träumen, Schaudern und vor allem Spaßhaben einlädt. Luiz Fernando Bongiovanni ist es gelungen, mit seiner Interpretation einen neuen Blick auf Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker zu werfen und katapultiert die viktorianische Alice ins Jahr 2015. – „Begin at the beginning and go on till you come to the end: then stop.“

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Samstag, der 07. November 2015
Sonntag, der 08. November 2015
Freitag, der 13. November 2015

 

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