Ein Augenblick gelebt im Paradiese

"Don Karlos" am Schauspielhaus Bochum Foto: Diana Küster

„Don Karlos“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Diana Küster

Jan Neumann inszenierte schon so manches am Bochumer Schauspielhaus, u. a. Bunbury oder Wassa Schelesnowa. Mit seiner Deutung des Don Karlos gelingt ihm nun der große Tragödienwurf: Hochkarätige Darsteller, sprachliche Sternstunden und ein opulentes Bühnenbild bereichern den Spielplan wie schon lange keine Produktion mehr. Wer seine geballte Aufmerksamkeit für ein paar Stunden opfert, wird reich belohnt.

von HELGE KREISKÖTHER

Was Schiller im (zwischen den Räubern und Wallenstein verfassten, 1787 uraufgeführten) Don Karlos macht, ist sein Spezialgebiet und deshalb so genial: Er bringt eine historisch verbürgte Figurenkonstellation auf die Theaterbühne und haucht den Figuren ungeheures dramat(urg)isches Potenzial ein. So wird der spanische Königshof des ausgehenden 16. Jahrhunderts zum zeitlosen Schauplatz perverser Machtkämpfe, großspuriger Intrigen und gebrochener Herzen.

Thronfolger Don Karlos, kurz auch „Karl“ genannt, sieht sich von seinem Vater verstoßen und bittet ihn verzweifelt um mehr Vertrauen bzw. Einbindung in die Politik. Die frühere Geliebte des Infanten, Elisabeth von Valois, ist inzwischen zu seiner Stiefmutter geworden. Den einzig aufrichtigen Freund findet Karlos in Marquis von Posa, dem Vordenker eines freiheitlichen Europa. Wer als tragische Figur im Mittelpunkt steht, ist jedoch nicht leicht zu beantworten, denn der König selbst, Philipp II., ist bei aller augenscheinlichen Herrscherskühle in höchstem Maße zerbrechlich, da er letzten Endes als bloßer Spielball der Inquisition fungiert. Alte wie andauernde Affären werden aufgedeckt und als Druckmittel missbraucht – so auch diejenige der Prinzessin von Eboli mit dem König –, Herzog Alba und Pater Domingo bekämpfen sämtliche fortschrittlichen Kräfte, der Marquis geht in seinem Utopismus letztlich zu weit und opfert sich für Don Karlos. Das Ende ist vorgezeichnet und dennoch tragisch im wirkungsvollsten Sinne: Die intrigant-konservativen Kräfte siegen über die idealistischen Gerechtigkeitsjünger, der ungeheure Abhörapparat triumphiert über illusorische Aufrichtigkeit. Und dennoch: Der „prostituierten Menschheit“, so die Wortwahl Schillers, wurde zumindest ein theatralisches Denkmal gesetzt, Verrätern der „Dolch der Tragödie (…) auf die Seele gestoßen“.

Noch nichts für die Unsterblichkeit getan?

Empfehlenswert ist Neumanns Don Karlos schon allein wegen des großartigen Bochumer Ensembles, das ja gewohntermaßen souverän, hier aber in höchstem Maße kunstvoll agiert – mit einigen Überraschungen. Allen voran Jürgen Hartmann, der als Philipp II. zwischen despotischem Kalkül und wimmerndem Schuldbewusstsein über sich hinaus wächst; sodann Minna Wündrich, deren emotionale Spielweise die Prinzessin von Eboli aus dem Rang einer „Nebenfigur“ heraushebt, Daniel Stock, der den wortgewaltigen Marquis von Posa erstaunlich glaubwürdig vermittelt, und – last but not least – Florian Lange als furchterregend kalter Pater Domingo.

Mit Torsten Flassig als Karlos und Juliane Fisch als Elisabeth hat man zwei jungen Schauspielern erstmalig eine schwierige Titelpartie aufs Auge gedrückt: Während ersterer die naive, leidenschaftlich-hitzige Natur des Infanten – zweifelsfrei ein Relikt des Sturm und Drang – verkörpert, als sei sie ihm auf den Leib geschneidert worden, wirft letztere zwar fantastisch feurige Blicke um sich, betont aber jeden Satz mit einem solchen Nachdruck, dass es beinah anstrengend wird. Ein Manko, das vielleicht dem Premierenfieber zuzurechnen war und im Rahmen der Gesamtleistung überaus verzeihlich erscheint.

Neben der darstellerischen Brillanz ist es aber vor allem das wirkungsmächtige Bühnenbild (Dorothee Curio), das etwas nicht Geringfügiges für die Unsterblichkeit dieses Neumann’schen Don Karlos tut: Hinter einer unfertigen Holzbaustelle entfaltet sich eine viele Quadratmeter große, ansteigende Rampe, auf der die Figuren permanent rauf- und runterhechten; darüber, ganz oben also, riesige Spiegel, in denen sich alle Akteure wiederfinden. Heroische Denkmalüberreste im Kontrast zu bunten Blinklichtern und idiotischen Leuchtbuchstaben – darauf muss man erstmal kommen. Abgerundet wird der Unsterblichkeitsreigen von stimmiger Musikuntermalung (Camill Jammal) und traumhaft historisch angelegten, durchweg schwarzen Kostümen (Nini von Selzam).

"Don Karlos" am Schauspielhaus Bochum Foto: Diana Küster

„Don Karlos“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Diana Küster

Der Lauscher an der Wand – damals wie heute

Der Text des „dramatischen Gedichts“, wie Schiller sein Werk nannte, wird in dieser Bochumer Inszenierung unbearbeitet (wenn auch notwendigerweise gekürzt) vorgetragen. Wozu auch die unnötig ironische Distanz zu „Klassikern“, die man mittlerweile gewohnt ist? Moderne Anspielungen liefert Neumann, doch erscheinen sie pointiert und nicht, wie bei vielen seiner gewollt tagespolitischen Kollegen, inflationär. So erscheint in der zweiten Hälfte dieses 3,5-stündigen Abends eine Gemäldegalerie der deutschen Bundeskanzler rund um Philipps Thron, der Königspalast zu Madrid wird von der Berliner BND-Zentrale als Szenenhintergrund abgelöst. Die Parallele zwischen historischen Hofintrigen und heutigen Datenschutzskandalen wird somit deutlich gemacht, ohne Schiller haarsträubende Neuerungen in die Verse zu legen. Zur Auflockerung dient ferner jene riesige ferngesteuerte Palme, die am vorderen Bühnenrand blinkend hin- und herfährt.

Dramaturgische Längen sind im Don Karlos vor lauter Botengängen, Lauschereien und Briefeschreiben wohl unvermeidlich. Dessen ungeachtet beweist Jan Neumann, wie sexy Schiller heutzutage immer noch sein kann, wenn man ihn ernst nimmt. Wenn zum Schluss der Großinquisitor des Königreichs (Bettina Engelhardt) den Zuschauerraum betritt und verkündet, die Lebensläufe der Verurteilten bereits jahrelang observiert zu haben, werden die Auswüchse eines machtkranken Systems überdeutlich. Gerechtigkeit schmilzt dahin wie der Eisblock, den sich Torsten Flassig auf den Bauch drückt.

Warum es nach der Premiere dieses Don Karlos keinerlei stehenden Ovationen des Publikums gab, bleibt ein Rätsel. Vielleicht taugt Grönemeyer eher für die Abonnenten des Bochumer Schauspielhauses als Schiller. Das Fazit an dieser Stelle jedoch: ganz großes (Klassiker-)kino. Werʼs versäumt, reinzugehen, versäumt eine seltene Gelegenheit, sich überwältigen zu lassen.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, der 11. November
Mittwoch, der 18. November
Samstag, der 05. Dezember

 

Advertisements

Ein Gedanke zu „Ein Augenblick gelebt im Paradiese

  1. Pingback: Hinter der Mauer lauern Liebe und Hass | literaturundfeuilleton

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s