Voll auf den Zug aufgesprungen

Cover_Nandi_Nichts gegen blasenJacinta Nandi berichtet in Nichts gegen blasen von ihrem turbulenten Leben: Von ihrer verrückten Familie, ihrem Freund, der just in dem Moment mit ihr Schluss macht, nachdem sie ihm einen geblasen hat, und von ihren sogenannten „Fickterminen“. Etwas Neues erzählt sie dabei nicht.

von ESRA CANPALAT

Es ist nun sieben Jahre her, da lehrte Charlotte Roche mit ihrem Debüt Feuchtgebiete den Prüden und Hygienefanatikern dieser Nation das Gruseln: Schonungslos erzählte sie von Helen, einem jungen, für jegliche Sexualpraktik offenen Mädchen mit Analfissur. Roche wurde als neue Vertreterin des sex-positiven Feminismus gefeiert. Drei Jahre später folgte Schoßgebete, in dem Roche das klischeebelastete Bild der heilen Familie und der monogamen Ehe dekonstruiert.

Was Jacinta Nandi in Nichts gegen blasen macht, geht in eine ähnliche Richtung: „Sie erzählt ungeschönt vom Alltag alleinerziehender Frauen […]“, heißt es im Klappentext; „Explizit und authentisch, mit Tempo und Pointe.“ Doch im Grunde springt Nandi einfach auf den Roche-Zug auf. Freischnauze und ungeniert schildert sie von ihrem Scheidenpilz, ihrer Fickterminplanung, von ihren verkorksten Familienverhältnissen. Zudem ist das, was sie erzählt, noch nicht mal gut erzählt: „Wir haben eine voll tolle Ebene, denke ich“; „Sie bringt voll teuren Wein mit, ich weiß, dass er teuer ist, weil das Etikett so geil aussieht […]“; „Er war Trauzeuge und voll nervös […]“. Das ist weder temporeich noch pointiert, sondern einfach nur ‚voll‘ schlecht geschrieben und mitnichten innovativ. Den Alltagssprech auf die Schriftebene zu bringen, gelingt eben nicht jedem Autor.

Prinzipiell mag man ja ‚nichts gegen blasen‘ haben. Die ein oder andere wird aber (um bei dem zweideutigen Wortspiel zu bleiben) die Schnauze voll von derartigen rosa Romanen haben, die im Buchladen unter der Rubrik „Freche Frauen“ stehen und den Kundinnen als stumpfes Amüsement dienen. Denn was diesen Romanen oftmals fehlt, ist die Tiefe. Frauen zu vermitteln, dass sexuelle Befreiung auch ein Schritt zur Gleichberechtigung darstellt, ist richtig. Aber wieso wird dabei ausschließlich von Frau Roche abgekupfert? Dieser Tage ist Roches neuer Roman Mädchen für alles erschienen, in dem sie, ähnlich wie in Schoßgebete, versucht, den Mythos der guten Mutter kritisch unter die Lupe zu nehmen. Unterfüttert wird das Ganze natürlich wieder mit ordentlich Sex und Drogen. Auch auf diesen Zug wird mit Sicherheit die eine oder andere Autorin aufspringen.

 

Jacinta Nandi: Nichts gegen blasen
Ullstein extra, 288 Seiten
Preis: 14,99€
ISBN: 978-3864930294

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