Das Rhabdomyosarkom

"Heute bin ich blond" am Theater Duisburg Foto: Sascha Kreklau

„Heute bin ich blond“ am Theater Duisburg Foto: Sascha Kreklau

Der Spieltrieb, offizieller Jugendclub des Theaters Duisburg, bringt mit Heute bin ich blond eine Theaterfassung des bekannten gleichnamigen Films nach Sophie van der Stap auf die Bühne. Bei aller Kurzweiligkeit kann von Tiefgang leider kaum die Rede sein.

von HELGE KREISKÖTHER

 

Die Story von Heute bin ich blond basiert auf autobiografischen Erfahrungen der 1983 geborenen niederländischen Autorin Sophie van der Stap. Als lebensfrohes, beinah -trunkenes Mädchen bricht eine Welt für sie zusammen, als ihr mit 21 Jahren plötzlich Krebs diagnostiziert wird. Noch dazu ein ziemlich seltener Krebs, der sich „Rhabdomyosarkom“ schimpft, aus entarteten Zellen der Skelettmuskulatur hervorgeht und nur geringe Heilungschancen mit sich bringt. Sophie, so sinnigerweise auch der Name der Protagonistin, wird sogleich ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie wochenlange Chemotherapie über sich ergehen lässt. Ihre Eltern kümmern sich auffällig intensiv um sie und Schwester Saskia verschiebt sogar ein wichtiges Stipendium. Dennoch sind es in erster Linie der unbekümmerte Pfleger Bastian und die beste Freundin Annabel, welche die Schwere der Situation zu lindern wissen. Immer wieder kriegt Sophie „Ausbrüche“, will das Leben genießen, geht ungeachtet der Vorschriften auf Partys und lernt den Fotografen Martin kennen. Zwangsläufig entspinnt sich eine Art Liebesgeschichte.
Die Chemo schlägt unterdessen an – was folgt, ist jedoch das härteste, nämlich die Bestrahlung. Ein Blog, auf dem Sophie anschaulich, aber nicht mitleidig von ihrem Schicksal erzählt, trägt sie weiterhin durch die schwere Zeit. Am Ende besiegt sie dann den Krebs. Ein klischeehaftes Happy End, könnte man einwenden – wäre da nicht Chantal, eine gleichaltrige Leidensgenossin, die an ihrem Brustkrebs eben doch zugrunde geht, oder die letztlich auf bloße Freundschaft hinauslaufende Beziehung zu Martin.

Ich hab keine Angst vor dem Sterben, aber vor dem Totsein …“

Geschichten über krebskranke Menschen sind mittlerweile alles andere als eine Seltenheit in der Literatur- und Filmwelt. Jenseits der Empathieduseligkeit von Grey’ s Anatomy, In aller Freundschaft oder sonst welcher Serie gelang Sophie van der Stap mit Heute bin ich blond – Das Mädchen mit den neun Perücken wohl zurecht ein Bestseller, der in der (etwas sentimentalen) Verfilmung mit Lisa Tomaschewsky in der Hauptrolle ungemein populär wurde. Inwiefern setzt die Inszenierung des Spieltriebs (Regie: Dana Brüning) auf Grundlage der Theateradaption John von Düffels aber nun neue Maßstäbe? Zunächst präsentiert sie 18 mutige, jugendliche, mehr oder minder energiegeladene Darsteller, die sich einem belastenden Thema gestellt haben und größtenteils echte Spiel- bzw. Tanzfreude vermitteln. Viel mehr beim besten Willen aber auch nicht.
Das Bühnen- und Kostümbild (Rabea Stadthaus) bleibt einfallslos, was aufgrund der engen Räumlichkeit noch verzeihlich erscheint; die inflationäre Musikuntermalung dagegen ist zwar erstklassig chartplatzierten Popgrößen entnommen, erweckt aber schon bald den Eindruck, dass ohne sie überhaupt nichts mehr funktionieren würde. So fällt der „Burlesque“-Tanz der vier Perückenverkäuferinnen (zum gleichnamigen Lied von Christina Aguilera) ziemlich aus dem Stück heraus und wirkt – mit Verlaub – nur bedingt erotisch (wenn dies denn die Absicht war).

"Heute bin ich blond" am Theater Duisburg Foto: Sascha Kreklau

„Heute bin ich blond“ am Theater Duisburg Foto: Sascha Kreklau

Die vergebliche Suche nach der Klimax

Zum Glück gibt es einige Darsteller, die durch ihre Leistung so manches an den Inszenierungsversäumnissen wieder wettmachen: Yale Sevis wirkt in der Hauptrolle überaus glaubwürdig, ebenso Aaron Falke als gutmütiger Spaßvogel-Pfleger oder Stefan Nachmann als philosophisch veranlagter Hobbyfotograf (ferner auch verantwortlich für die gelungene Videografie); Hut ab zu guter Letzt auch vor Melena Roß als sterbenskranke Mitpatientin.
Dem Projekt Spieltrieb sei in aller Deutlichkeit gesagt: Weiter so! Allerdings sollte seitens der Regie und Dramaturgie ein stärkeres Augenmerk auf eine passende Stückatmosphäre gelegt werden. Keine Oberärztin einer Krebsklinik läuft in klackernden Absatzschuhen über ihre Station – ein etwas kleinkarierter Kritikpunkt, der aber angebracht erscheint, da alles Übrige dieses eineinhalbstündigen Abends ebenso auf puren Realismus ausgelegt scheint. Jugendlicher Elan ist schön und gut, tröstet jedoch jene Zuschauer, die vielleicht wegen des Stückes statt irgendwelcher verwandtschaftlicher Beziehungen angereist sind, nicht sonderlich über fehlende Höhe- oder gar Wendepunkte hinweg. Vieles treibt die Handlung irgendwie voran, ohne sie sichtlich zu prägen. Wirklich am Boden zerstört ist hier nie jemand. Und dann ist der Krebs auf einmal besiegt – schade um die mangelnde Nutzung eines solchen dramat(urg)ischen Potenzials. Es fehlt das Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt, was klischeehafte Storys womöglich gerade brauchen, um noch etwas auszulösen. Wer Film, Autorin oder poppige Laiendarsteller liebt, sollte sich auf den Weg nach Duisburg machen – alle anderen verpassen wenig.


Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Montag, der 16. November
Mittwoch, der 18. November
Montag, der 23. November

 

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