Das Ich ist ein Anderer

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Die Karriere des Apple-Gründers Steve Jobs als wortgewaltiges und mitreißendes Kammerspiel: Danny Boyle inszeniert die Hintergründe dreier wichtiger Produkt-Präsentationen und das bitterböse Skript Aaron Sorkins auf virtuose, kreative und gesellschaftskommentierende Weise.

von PHILIPP HANKE

 

Die Verfilmung von Steve Jobs’ Leben stand unter keinem guten Stern. Erst kam 2013 bereits ein Film über die Apple-Anfänge mit Ashton Kutcher heraus, der von Kritik und Publikum nur mäßig aufgenommen wurde, dann enthüllte der sogenannte „Sony-Hack-Skandal“ (Hacker veröffentlichten streng geheime Dokumente und E-Mail-Gespräche der US-amerikanischen Produktionsfirma „Sony Pictures Entertainment“) die schwierigen Umstände der zweiten Verfilmung: Regisseur David Fincher wurde durch den Briten Danny Boyle ersetzt und mit Leonardo DiCaprio und Christian Bale sprangen gleich zwei Superstars und Anwärter auf die Titelrolle kurzfristig ab. Nun schlüpft also Michael Fassbender in die Rolle des Design- und Marketing-Genies (obwohl er von den Produzenten als zu unbekannt eingestuft wurde und äußerlich so gar keine Ähnlichkeit zu Jobs aufweist).

Spannende Wortduelle und ungeschönte Wahrheiten

Doch schnell wird klar: Mit Fassbender wurde die richtige Wahl getroffen. Auf beeindruckende Weise verkörpert er Steve Jobs in drei wichtigen Momenten seiner beachtlichen Karriere und weiß die intelligente, ungemein schnelle und letztlich schwere Sprache des Drehbuchautors Aaron Sorkin gekonnt umzusetzen. Denn wie auch schon sein Vorgänger und gemeiner Zwilling The Social Network ist auch dies in erster Linie ein Sorkin-Film. Der Oscarpreisträger und Erschaffer der Präsidenten-Serie The West Wing ist ohne Zweifel ein Meister seines Faches und legt den Darstellern Wortgefechte, schnippische Gemeinheiten, aber auch sentimentale Halbwahrheiten in den Mund. Tatsächlich nämlich basiert dieses in seiner Form glücklicherweise unkonventionelle ‚Bio-Pic’ nur lose auf der bereits 2011 erschienenen Walter Isaacson-Biografie und greift sich die interessantesten Momente aus Jobsʼ Leben heraus: sein Aufstieg und kurzzeitiger Niedergang als Apple-CEO oder seine nur mäßig-liebevolle Rolle als Vater einer unehelichen Tochter sowie natürlich die fulminante Rückkehr an die Spitze des Unternehmens. Verpackt wird das Ganze als interessantes Kammerspiel, verortet stets kurz vor einer der Präsentationen seiner wichtigsten Produkte, dem ersten Macintosh 1984, seinem Fehlschuss NeXT 1988 und dem finalen Triumph mit dem iMac 1998. In diesen Momenten aufreibender Nervosität und ungeschönter Wahrheit trifft er auf eine immer wiederkehrende Gruppe Vertrauter: Seth Rogen (in einer ungewohnt ernsten, aber herausragenden Rolle) ist als Steve Wozniak, Mitbegründer und Programmierer des ersten Betriebssystems, zu sehen; Jeff Daniels (Hauptdarsteller der neuesten Sorkin-Serie The Newsroom) als väterliche Produzentenfigur John Sculley, und nicht zuletzt Kate Winslet als engste Vertraute Joanna Hoffman, die Jobs seit den Anfängen begleitete. Winslet ist grandios in der Rolle der Marketing-Mitarbeiterin und weiß Fassbender in spannenden Wortduellen Paroli zu bieten. Sie alle sprechen die theatralische und künstliche Sprache Sorkins mit einer solch natürlichen Selbstverständlichkeit, mit Timing und Gespür für deren untergründige Komik aus, dass ihr Spiel ungemein unterhaltsam wirkt und der Film mit seinen über zwei Stunden niemals langweilt. Getragen wird diese Leichtigkeit auch von der innovativen und kreativen Inszenierung Danny Boyles.

Der Film als Gehirn

Boyle, der bekannt ist für seine lockeren und hyper-schnellen Inszenierungen, wie etwa in Trainspotting oder Slumdog Millionaire, geht insbesondere in den Massenszenen begeisterter Apple-Anhänger auf, weiß aber auch, die beengenden Räume hinter der Bühne für seine Zwecke zu nutzen. Großflächig und über die ganze Leinwand gestreckt flackern uns als Zuschauer Zahlen, Infos und Ortsangaben entgegen, kurze Montagen zu Beginn jeder Zeitperiode klären über die notwendigen Hintergründe und zwischenzeitlichen Entwicklungen auf und über dunkle Kellerwände ergießen sich Bildercollagen, die das Gesagte sowohl kommentieren als auch konterkarieren. Die Oberfläche des Films und der diegetische Raum werden zur Projektionsfläche eines filmimmanenten Denkens. Der Film als Gehirn, der Film als Computer. Jede der drei zeitlichen Teile ist auf anderem Filmmaterial gedreht: die Präsentation 1984 auf körnigem 16mm, der zweite Teil vier Jahre später auf 35mm und schließlich der letzte Akt des Films in digitaler Schärfe. Zusammen mit einem geschickten Set-Design weist der Film damit nicht nur auf eine zugrunde liegende gesamtgesellschaftliche Verortung, sondern auch auf verschiedene Stadien moderner Mediengeschichte hin. So ähneln die Make-Up-Tische und Spiegel zu Beginn des Films nicht umsonst Arcade-Spiel-Automaten der 80er-Jahre oder die Deckenlampen aus dem Jahr 1998 nicht zufällig einem Netz von bildschirmartigen Plexiglasflächen. Der Film ist gespickt mit solchen teilweise bitterbösen Details (die veränderten Räumlichkeiten mit jeder Präsentation oder die Fußwaschung im Klo), die auf selbstironische Weise Distanz einnehmen, aber auch aktuelle Diskurse nicht unangetastet lassen.

Der Mensch hinter der Maschine

Dass der Film dann zum Ende hin leider doch etwas ins Amerikanisch-Kitschige abdriftet und auf familiäre Erlösung pocht, lässt zwar einen fahlen Beigeschmack zurück, wird aber angesichts der sonst ausgestellten Qualität zu verkraften sein. An das brillante und in seiner Symbolik so einfache Ende von The Social Network kommt diese Auflösung jedoch nicht heran, was aber auch am Sujet selbst liegen mag. Während sich in der Figur des Mark Zuckerberg, Gründer und CEO von Facebook, noch eine ganze Generation widerspiegeln lassen konnte, scheint sich Steve Jobs letztlich doch nur um eins zu drehen: Steve Jobs. Der Film sucht hinter der genialen Egomanie nach legitimierbarem Schmerz und familiären Abgründen, um den Menschen dahinter zu finden und schließlich kathartisch zu reinigen. Ganz gelingen mag das nicht, fragt man sich doch, was man selbst damit zu tun hat, was der Film einem nun sagen möchte. Zurück bleibt nur ein Gefühl. Denn wenn die zwei Stunden umgegangen sind – schneller als erwartet –, dann wird man nicht unbedingt mit Freude oder Rührung zurückgelassen, wohl aber mit dem ganz bestimmten Gefühl der Nostalgie. Diese sentimentale Form der Erinnerung – an die ersten PCs, unhandlich und langsam; an Spielekonsolen mit furchtbarer Grafik oder an die ersten iPods, „500 Songs in der Hosentasche“, wie Jobs im Film sagt. Vielleicht sind wir doch alle Apple-Jünger. Zumindest bis zum nächsten iPhone.

 

Steve Jobs (2015). Regie: Danny Boyle. Darsteller: Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Jeff Daniels. Laufzeit: 122 Minuten. Seit dem 12.11. im Kino.

 

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