Horváth und die Abrissbirne des Kapitalismus

"Kasimir und Karoline - Glauben Lieben Hoffen" am Thalia Theater Hamburg Foto: Krafft Angerer

„Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen“ am Thalia Theater Hamburg Foto: Krafft Angerer

Gerade erst ist Jette Steckel mit dem Faust ausgezeichnet worden, nun bringt sie am Thalia Theater wild collagiert gleich zwei Stücke in einem von Ödön von Horváth auf die Bühne: Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen. Ein Versuch, der der Regisseurin in der zweiten Hälfte des Stückes entgleitet.

von NADINE HEMGESBERG

Verkaufen will sie ihren Körper, nein, nicht erst wenn sie tot ist, sondern gleich jetzt. Elisabeth wendet sich an ein Anatomisches Institut, die 150 Mark Hypothek auf den eigenen Körper als „lebende Tote“ braucht sie, um einen Wandergewerbeschein zu bekommen und, aber das darf der Herr Präparator vom Institut natürlich nicht wissen, um eine Strafe abzuzahlen. Jette Steckel rahmt ihre Inszenierung Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen mit der Erzählung von Elisabeth, dem kleinen Rädchen im großen Kapitalismus, und lässt sie nicht nur den Beginn des schauerlich aus dem Ruder gelaufenen Geschehens einer Oktoberfestnacht setzen, sondern auch den Endpunkt – Elisabeth geht ins Wasser, sie hat ihren Kapitalwert verwirkt. Eindringlich spielt Birte Schnöink ihre Elisabeth. Auch passen diese ineinander montierten Stücke von Horváth auf das Beste zusammen, waren sie doch zu Beginn seiner Konzeption in der ausgehenden Weimarer Republik bereits als ein Stück gedacht worden. Steckel und ihre Dramaturgin Julia Lochte arbeiten in ihrer Neufassung also in Horváths Sinn.

Treideln im Kosmos des Versagens und des Kitschs

Wie ein Puppenkabinett stehen alle Mitstreiter der Untergangsgesellschaft auf der Drehbühne und unter dem Firmament großer glänzender Silberkugeln: Kasimir (rauchig greinend Mirko Kreibich), Karoline (Maja Schöne), der schrille Merkl Franz (André Szymanski) und seine Erna (Karin Neuhäuser), Schupo Alfons Klostermeyer (Sebastian Zimmler), Präparator Eugen Schürzinger (Sebastian Rudolph), Oberpräparator Konrad Rauch (Matthias Leja), Amtsgerichtsrat Werner Speer (Oliver Mallison) und seine femme fatale Hermine Prantl-Speer (Patrycia Ziolkowska). Sie alle haben Träume, Sehnsüchte und Sorgen. Sie alle gieren nach dem Abenteuer Leben in Zeiten der Verunsicherung und Arbeitslosigkeit – gewiss mit unterschiedlichen Vorzeichen und mal in besserer, mal in schlechterer Stellung. Und die kapitalistische Gesellschaft, das System der Wertigkeit eines Menschen und seiner Produktivität wird ganz bildlich sichtbar dank der rotierenden Drehbühne, die, einmal in Gang gesetzt, fast nicht mehr aufzuhalten ist (Bühne: Florian Lösche) und gerne mal den einen oder anderen geradezu ausspuckt. Zum Beispiel Kasimir. Seine Arbeit hat er verloren, er wurde abgebaut, und seine Braut Karoline will ganz hedonistisch Spaß in dieser Oktoberfestnacht, ganz egal, was Kasimir davon hält – der nächste Mann könnte eben auch einen Sprung auf der gesellschaftlichen Leiter bedeuten und das eigene Leben aufwerten. Pragmatisch könnte man das nennen, ebenso rücksichtslos. In schnellen Szenenbildern und mit gar weihnachtlich glitzernden Kugeln am Bühnenhimmel eskaliert die Beziehung der beiden, Kasimir meint, „Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist“, und bringt damit die Entfremdung zur lebensbejahenden, aber eben auch sich den ökonomischen Zwängen willfährig beugenden Karoline auf den Punkt. Am Ende der ersten Hälfte steht dann auch der Amok von Kasimir, mit dem Jagdgewehr legt er auf seine Karoline an.

"Kasimir und Karoline - Glauben Lieben Hoffen" am Thalia Theater Hamburg Foto: Krafft Angerer

„Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen“ am Thalia Theater Hamburg Foto: Krafft Angerer

Steppendes Trauerspiel

Bis hierher ist das Stück rasant, düster-komisch und frappierend modern. Nach der Pause jedoch will die Collage nicht mehr ganz gelingen. Jette Steckel hat die Regiezügel fallen gelassen und sich der Zügellosigkeit der Entgrenzung unterworfen. Minutenlang steppt sich Kasimir in der Partynacht fast besinnungslos die Füße wund (eine grandiose Einlage von Kreibich, dennoch ermüdend), die Silberkugeln fallen von der Decke – der Himmel ist den Menschen auf den Kopf gefallen – und vieles bleibt belangloses Gestammel im Suff. Nicht mehr eindringlich wirkt das, sondern peinlich, man kennt es aus x-beliebigen Partynächten und der Schattenwelt morgens um halb sechs. Wenn es auch Horváth und seinem Hang zum doppelbödig Banalen nahe kommt, so ist diese zweite Hälfte quälend lang für den Zuschauer. Karoline saust auf einer der Silberkugeln sitzend über die Bühne, ein neckisches und aufgeladenes Bild, das sich so ergibt. Doch nach dem ersten Schmunzeln wird der Zuschauerin mit popkulturellem Blick die Plumpheit dieses Aktes deutlich. Karoline reitet auf dem „Wrecking Ball“, sie ist die fleischgewordene Abrissbirne.

Diese zweite Hälfte lässt einen ernüchtert zurück, trübt den Eindruck einer absolut hochwertigen Ensembleleistung, die zumindest zu Beginn atmosphärisch äußerst dicht ist (auch dank stimmungsvoller Lichteinstellungen und der musikalischen Begleitung von Anton Spielmann und 1000 Robota). Schade.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Freitag, den 04. Dezember
Freitag, den 11. Dezember
Samstag, den 12. Dezember

 

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