(K)ein Gespenst zum Gruseln

"Das Gespenst von Canterville" am Schauspiel Dortmund Foto: Birgit Hupfeld

„Das Gespenst von Canterville“ am Schauspiel Dortmund Foto: Birgit Hupfeld

Das diesjährige Dortmunder Weihnachtsmärchen ist schön schaurig und setzt wie schon im letzten Jahr auf einen kleinen Clash of Cultures: Im Gespenst von Canterville trifft die amerikanische Familie Otis auf britischen Adel aus vergangenen Zeiten und lehrt dem Schlossgespenst das Fürchten.

von ANNIKA MEYER

Regisseur und KJT-Intendant Andreas Gruhn scheint das Spiel mit den Kontrasten zu lieben: Im letzten Jahr untermalte er im Weihnachtsmärchen Peterchens Reise zum Mond Gerdt von Bassewitzʼ Klassiker Peterchens Mondfahrt mit allerhand Science-Fiction-Elementen, nun prallen Kulturen aufeinander, die ein Weltmeer und fast 400 Jahre unterschiedliche Entwicklung trennen. Familie Otis ist aus New York City angereist, um in England das Schloss Canterville zu bewohnen und gleichzeitig einen Gespenster-Vergnügungspark aus dem altehrwürdigen Gemäuer zu machen. Von seinem Bewohner Sir Simon von Canterville (Rainer Kleinespel), der hier nach dem Mord an seiner Gattin seit knapp 350 Jahren spukend sein Unwesen treibt, lassen sich die Amis natürlich nicht aus dem Konzept bringen – für rasselnde Ketten gibt es schließlich die Ölkanne und für Blutflecken gibt es Pinkerton’s Fleckenentferner. Statt also die neuen Störenfriede seines Hauses zu vertreiben, wird Sir Simon von den Zwillingssöhnen der Familie (Philip Pelzer und Thorsten Schmidt) mit Wasserpistolen attackiert, in Stolperfallen gelockt und anderweitig in seiner Gespensterehre verletzt, bis Töchterchen Virginia (Talisa Lara) sich bereit erklärt, dem Geist seine Untaten zu verzeihen und ihm im Garten des Todes – wunderbar rockig umgesetzt mit Buntglas und grellen Scheinwerfern – endlich seine ewige Ruhe zu gewähren.

Ein Schloss voller Tricks und Kontraste

Oscar Wildes Erzählung wird gerne an Weihnachten von Schauspielhäusern auf die Bühne gebracht, um den ganz kleinen Zuschauern wichtige Dinge zu vermitteln: dass man einander vergeben und sich nicht unterkriegen lassen soll, und dass Angst nicht mit Respekt zu verwechseln ist. Diese Botschaften sind auch in Dortmund zu erkennen, der Fokus liegt jedoch klar darauf zu zeigen, wie unterschiedlich britischer Adel und moderne New Yorker doch sind. So sehen wir zu Beginn der knapp 90-minütigen Vorstellung die Eingangshalle eines alten Schlosses, in der eine Ritterrüstung, antike Möbel und ein ausgestopfter Eisbär noch unter Bettlaken zu erahnen sind und später die Kinder im Publikum zum Staunen und Schaudern bringen. Hier dringt mit Familie Otis nun das Klischee des US-Amerikaners schlechthin ein: Die Söhne sind vorlaut, abgebrüht und überdreht, die Eltern (Andreas Ksienzyk und Johanna Weißert) sind Besserwisser mit englischen Floskeln, allesamt sind sie in knallbunten Outfits gekleidet und essen – wie sollte es anders sein – Fast Food. Nur die spätere Erlöserin Virginia verzehrt natürlich Salat und hält nichts von den Streichen ihrer Brüder. Stellvertretend für die britische Gesellschaft erleben wir die Wirtschafterin Mrs. Umney (Bettina Zobel), die – britisch hochgeknöpft und etwas steif – stets aus Angst vor Sir Simon in Ohnmacht fällt und nur wieder erwacht, wenn ihr ein Schluck Cola angedroht wird, und natürlich Sir Simon selbst, der mit Pumphosen, Halskrause und dicken Augenringen den perfekten untoten Adligen aus der früheren Zeit verkörpert. Doch Ausstatter Oliver Kostecka setzt nicht nur auf wunderbar knallige Klischees: Seine anfangs recht karg wirkende Bühne entpuppt sich als wahre Trickkiste für Kinderaugen, wenn das Gespenst – leider ohne Elan – auf dem Kronleuchter fliegt, es durch Wände geht, ein Blutfleck immer wieder aufs Neue erscheint und beseitigt wird und die Augen des ausgestopften Eisbären nachts rot aufleuchten. Für schwache Nerven und Kleinkinder ist das wahrlich nichts!

"Das Gespenst von Canterville" am Schauspiel Dortmund Foto: Birgit Hupfeld

„Das Gespenst von Canterville“ am Schauspiel Dortmund Foto: Birgit Hupfeld

Folklore ohne Schwung und Herz

Kontrastreich will wohl auch Michael Kessler die Musik des Weihnachtsmärchens gestalten: Die Lieder über die Legende von Canterville und Sir Simons Ballade über seinen Wunsch, endlich seine Ruhe zu haben, sind folkloristisch und mit mittelalterlichen Instrumenten untermalt, das Lied der Zwillinge, in dem sie das Leben als echte New Yorker Jungs besingen, wird hingegen von schnellen Gitarrenriffs begleitet. Leider sind alle Darsteller eher schwach auf der Brust – zwei Vorstellungen am Tag können aber auch mal die Stimmbänder angreifen – und den Liedern fehlt es an Gefühl und Schmiss, um das junge, aber kritische Publikum mitzureißen. Gerade dem sehr langen und wortlastigen Gespräch von Sir Simon und Virginia, bei dem der Lärmpegel im Saal steigt und die Konzentration deutlich sinkt, hätte ein Duett über zu verzeihende Missetaten und den Wunsch nach finaler Ruhe durchaus gut getan. Demnach fehlt es leider auch an Identifikationsmöglichkeiten mit Sir Simon oder Virginia – zu sehr werden die Streiche der Zwillinge ausgereizt, zu stark die Furchtlosigkeit und Dominanz der Eltern über das Gespenst demonstriert. Das alles zielt auf die Lachmuskeln, aber nicht aufs Herz. Den jungen Zuschauern scheint es trotzdem gefallen zu haben, und vielleicht wird ja der eine oder andere Schlossbesucher von heute der Theaterabonnent von morgen.

 

Informationen zur Inszenierung
Weitere Vorstellungen finden fast täglich statt.

 

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