My Fabulous Lady

"My Fair Lady" am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

„My Fair Lady“ am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

Das Essener Schauspiel landet mal wieder einen Clou: Robert Gerloff beweist mit seiner Inszenierung von My Fair Lady, dass der Pygmalion-Stoff auch knapp 100 Jahre nach seiner bekanntesten Bearbeitung durch George Bernard Shaw nichts an Witz und Schlagfertigkeit verloren hat. Das Publikum erwarten 165 unterhaltsame Minuten, in denen der eine oder andere schiefe Ton gerne verziehen wird.

von ANNIKA MEYER

Es war ein langer Weg von Ovids Bildhauer Pygmalion, der sich in seine Skulptur verliebt, zu G. B. Shaws Phonetikprofessor Henry Higgins, der in Pygmalion aus dem Blumenmädchen Eliza Doolittle als Wette mit seinem Freund Oberst Pickering eine anständige, „fair“ Lady macht. Als der Stoff 1956 als Musical unter dem Namen My Fair Lady auf die Bühne kam und 1964 mit Audrey Hepburn und Rex Harrison verfilmt wurde, gab es eine ganz entscheidende Änderung. Während Shaw Eliza 1913 nicht zu dem patriarchalischen und sie rüde behandelnden Higgins zurückkehren ließ, setzten sich seine Erben jedoch über diesen ausführlichen Wunsch hinweg, sodass Eliza im Musical wie im Film ihr „Happy End“ mit dem ewigen Junggesellen Higgins bekommt. Das Schauspiel Essen erweitert nun das von Shaw ersehnte Ende: Wir erleben die Entwicklung Elizas von der Göre zur Dame, sehen ihre Spielchen und Kämpfe mit Henry Higgins und bejubeln die Essener Konsequenz – denn anstatt weiter unter Higginsʼ neurotischer Fuchtel zu stehen, emanzipiert sich Eliza, indem sie mit dem sie liebenden Freddy ein Sprachinstitut eröffnet, und Higgins singt die letzte Nummer verwahrlost zwischen Bockigkeit, Verdrängung und Trauer um die vertane Chance.

Dass Higgins ein Problem mit Frauen hat, wird nicht nur in Shaws Schauspiel und weiteren Adaptionen deutlich. Auf der Essener Bühne (Maximilian Lindner) sehen wir eine heruntergekommene Gasse mit einem alten Kino samt wechselnden Beschriftungen, eine Kneipe und darüber eine riesige Leinwand, auf der zunächst das Filmplakat von My Fair Lady nachgeahmt wird und über die später animierte und vom Essener Ensemble nachempfundene Filmplakate diverser Streifen der 1950er und 1960er Jahre flimmern (Videografie: Heta Multanen). Hier beschmunzeln wir u. a. eine gealterte Zsa Zsa Garbor als Queen of Outer Space, die Nachahmung von Attack of the 50ft Woman oder von Bride of the Monster. Wer hätte gedacht, dass die Filmwelt vor einem halben Jahrhundert so viele starke, aber anscheinend angsteinflößende Frauenrollen parat hatte. Auch andere intermediale Referenzen durchziehen den Abend mit kleinen Leuchtfeuern der Selbstironie und Spitzfindigkeit. So sind z. B. diverse Anspielungen auf Mary Poppins, den großen Konkurrenten der Oscarverleihung 1965 – damals gewann Julie Andrews, die Eliza am Broadway spielen durfte, aber für die Verfilmung zu unbekannt war, als Mary Poppins den Oscar für die beste Hauptrolle, während Audrey Hepburn nicht einmal nominiert wurde – subtil in das Bühnenbild und die Handlung eingebaut.

Überzeitlichkeit im Retrostil

Durch die Nutzung der Drehbühne braucht es keine langen Wechsel zwischen Straßenszenen und den Phonetikübungsstunden in Higginsʼ Büro. Dieses ist mit altmodischer Tapete und Löwenkopftrophäe die perfekte Junggesellenbude eines britischen Snobs, während die Wohnung von Higginsʼ eigentlich biederer Mutter mit Bildern von Rothko und einer hellen Wohngarnitur heute fast schon als „retro“ bezeichnet werden könnte. Gleiches gilt für die Kostüme der Damen (Johanna Hlawica), die knallig und dennoch anmutig im Stil der 1960er daherkommen, und die Handlung kommentierende Videoeinspielungen, die den Zeitgeist des damaligen Jahrzehnts wiedergeben und dennoch nichts an Aktualität einbüßen.

Auch die Kompositionen Frederick Loewes spiegeln sowohl den Esprit der Entstehungszeit als auch die Überzeitlichkeit seiner Musik wider. Das liegt vor allem an dem wunderbaren kleinen Orchester unter der musikalischen Leitung von Hajo Wiesemann, das nicht nur ungewöhnliche Vielseitigkeit an den Instrumenten beweist – selbst Verdi, Wagner und Schostakowitsch spielt das sechsköpfige Orchester kurz an –, sondern auch aktiv in das Bühnengeschehen mit einbezogen wird und für viele schöne Gimmicks sorgt. Kombiniert mit schwungvollen und kreativen Choreografien von Stephan Brauer, der selbst Teil des Musicalensembles ist, wird auch der letzte Staub von einigen vormals braven Musicalnummern gewischt.

"My Fair Lady" am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

„My Fair Lady“ am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

Rappende Professoren und menschliche Kerzen

Die Schauspieler beweisen, dass auch Gesangs- und Tanztalent im Essener Ensemble steckt. Jan Pröhl gibt einen herrlich arroganten Professor Higgins und meistert die Nummern, die oft in Sprechgesang münden, sehr souverän. Auch Anne Schirmacher spielt eine wunderbar prollige, aber ebenso verletzliche Eliza Doolittle – dass ihr dabei manch hoher Ton und der Berliner Dialekt gelegentlich ebenso entgleiten wie dem energetischen Thomas Büchel als ihr schlitzohriger Vater Alfred P. Doolittle, ist bei der Gesamtleistung mehr als verzeihlich. In den Nebenrollen glänzen Stephan Brauer, Ingrid Domann, Laura Kiehne, Thomas Meczele, Jan Rogler und Rezo Tschchikwischwili als Higginsʼ Angestellte und andere Herrschaften aller Londoner Gesellschaftsschichten und demonstrieren ein perfektes Zusammenspiel, Steppkünste und viele schöne Ideen seitens der Regie, wenn sie sich z. B. als lebende Flammen bei einer Phonetikübung ausgeben müssen. Da übersieht man gerne, dass Philipp Noack, der Elizas Verehrer Freddy spielt und schön kitschig mit Saxophon in ihrer Straße auf sie wartet, sowie Sven Seeburg als Flutschfinger lutschender Oberst Pickering weniger geborene Sängern sind.

Schmissige und derbe Dialoge runden den Abend ab und sorgen zusätzlich dafür, dass trotz recht schmalziger Evergreens wie „Ich hättʼ getanzt heutʼ Nacht“ und „Wäre das nicht wunderschön“ der Schnulzenfaktor nicht zu hoch gerät. Und so beweist das Schauspiel Essen nach Yasmina Rezas Kunst wieder einmal, dass es auch scheinbar leichte Kost intelligent und äußerst frisch auf die Bühne bringen kann. Eliza erhält mit ihrem neu gewonnenen Sprachduktus und der Abkehr von ihrem sie bevormundenden Mentor die Eintrittskarte in eine selbstbestimmte und erfolgreiche Zukunft. Und wir erhalten darüber hinaus die Erkenntnis, dass ein gelungener Musicalabend nicht „mit nem kleenen Stückchen Glück“, sondern nur mit einer beeindruckenden Zusammenarbeit des ganzen Ensembles und viel Herz, Humor und Hirn zu erreichen ist.

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Freitag, den 11. Dezember
Sonntag, den 27. Dezember [ausverkauft]
Donnerstag, den 31. Dezember [ausverkauft]

 

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