Das Spiel mit den vier Teufeln

"Faust I" am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sebastian Hoppe

„Faust I“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sebastian Hoppe

Kurz vor Weihnachten bringt Georg Schmiedleitner in Düsseldorf Goethes Faust I auf die Bühne. Seine knapp zweistündige Inszenierung bliebe enttäuschend konventionell – wären da nicht ein großartiges Bühnenbild sowie manch innovativer Regieeinfall.

von HELGE KREISKÖTHER

Über ein halbes Jahrhundert arbeitete Goethe am Faust-Stoff. Der Tragödie erster Teil wurde im Jahr 1808 publiziert und 1829 erstmals öffentlich aufgeführt. Seitdem wurde wohl kaum ein dramatisches (deutschsprachiges) Werk in vergleichbarem Umfang rezipiert, aufgegriffen, bearbeitet, vertont etc. etc. Die Tatsache, dass – gemessen etwa an Shakespeare oder Schiller – wenig äußere Handlung betrieben wird im Kontrast zu den schier unfasslichen geistigen Operationen, mag dem Werk erst recht den Status einer „Schicksalstragödie der Deutschen“ zugetragen haben.
Faust ist der einsame Gelehrte, zu Ruhm gelangt und dennoch zerfressen von Selbstekel. Um jeden Preis will er herausfinden, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Also ergibt er sich der Magie und geht einen Pakt mit dem Teufel (d. h. Mephisto) ein: Dieser soll ihn so lang mit sinnlich-irdischen Genüssen vertraut machen, bis Faust endlich mit einem einzelnen Augenblick zufrieden ist. Mit dem Gretchen nimmt das eigentlich Tragische dann seinen Lauf: Faust will sie um jeden Preis besitzen, benutzt dazu verlockend unorthodoxe Hilfsmittel und treibt das unschuldige Mädchen in den Tod, nachdem er im Wahn bereits ihren Bruder umgebracht hat. Die „Reise“ mit Mephisto geht weiter, ihre Irr-und-Erkenntnisfahrten durch Raum und Zeit nehmen immer größere Dimensionen an – doch das ist schon Gegenstand von Faust II.

Atomschutzbunker statt Gelehrtenstube

Die erste Szenerie der Düsseldorfer Inszenierung beeindruckt kolossal. Faust (mit Schwierigkeiten in der Intonation: Stefan Hunstein) sitzt hier in einem riesigen unterirdischen Bunkergewölbe, in das von oben angedeutetes Tageslicht durch vier Öffnungen hereinfällt (Bühne: Harald Thor). Hinter ihm häufen sich angewachsene Papierrollenausdrucke. Sowohl das Vorspiel auf dem Theater als auch den Prolog im Himmel lässt Schmiedtleitner also weg – durchaus legitim. Und der innovative Regieansatz scheint fortgeführt zu werden, wenn der berühmt-berüchtigte Monolog „Habe nun, ach! …“ nicht etwa erhaben ausformuliert, sondern in Faustens Laptop eingetippt und zeitgleich mit Schreibmaschinen-Buchstaben an die hintere Wand projiziert wird. Schließlich erscheint Wagner (Konstantin Bühler) als snobistischer Besserwisser, der mit Faust diskutiert und völlig selbstverständlich Nietzsches Zarathustra zitiert. Die zweifellos beste Idee Schmiedtleitners kriecht schließlich von verschiedenen Seiten unter der Wand hervor: Der auf vier Schauspieler verteilte Mephisto (Jakob Schneider, Karin Pfammatter, Katrin Hauptmann und Thiemo Schwarz). Diese wortgewandte wie ambivalente Figur in mehrere „Persönlichkeiten“ aufzugliedern, die allesamt mit lobenswert facettenreichem Körpereinsatz agieren, verdient Beifall. Damit wurde zwar schon in etlichen früheren Inszenierungen experimentiert, aber wie sagte Goethe schließlich selbst: „Alles Gescheite ist schon gedacht worden; man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken.“ Bloß schade, dass diese „Schizophrenie“ nur angedeutet bleibt, denn letztlich tun alle vier stets das gleiche und erschaffen das übliche Mephistobild des (homo-)erotisch tänzelnden Spitzbuben.
Weitere Innovationen hielt der Abend dann bedauerlicherweise nicht mehr bereit: Die Szenerie blieb unverändert (abgesehen vom Einsatz der hinteren Drehbühne, staubiger Erde oder dezent bespielter E-Gitarren). Die atmosphärischen Klanglandschaften (Musik: Volker Zander) erscheinen stereotyp oder aber unzureichend ausgekostet. Verruchte Lieder über „pussycats“ sind im Zusammenhang mit Mephisto mittlerweile schließlich genauso einfallslos wie ein textkonform inszeniertes Gretchen mit bäuerlich-jungfräulichem Unschuldsauftreten (in ihrer Rolle dennoch grandios: Katharina Lütten). Warum nicht einmal Gegenteiliges wagen?

"Faust I" am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sebastian Hoppe

„Faust I“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sebastian Hoppe

Wenn die Ehrfurcht hemmt

Wie Kassandra und Penthesilea ewig blutverschmiert gezeigt oder unerträglich zerschrien werden, so scheint Gretchen zu konventioneller Anmutigkeit verdammt. Entweder ist es die vermeintlich fehlende Wandlungsfähigkeit weiblicher Theaterfiguren oder der unermessliche Respekt vor dem hohen Klassiker Faust – die Inszenierung Schmiedtleitners bleibt konventionell in ihrer Lesart der Figuren und in ihrer ununterbrochenen Texttreue. Ohne Goethes fantastische Sprache, ihre zahlreichen Metaphern, Neologismen und Chiasmen wäre der Faust wirkungslos – etwaige Aufbrechungen oder Kürzungen hätten dem jedoch mitnichten einen Abbruch getan. Zwar hält der Abend für Düsseldorfer Verhältnisse erstaunlich viele vaginale Anspielungen parat, doch trotz der genannten, mehr oder minder einfallsreichen Ideen und der durchweg soliden Schauspielerleistung – v. a. Katharina Lütten und Katrin Hauptmann sind hervorzuheben – bleibt wenig Unverwechselbares hängen. Auf zwanghafte Aktualitätsbezüge ist der Faust ebenso wenig angewiesen wie auf 22-stündige Mammutinszenierungen à la Peter Stein; in vielen Punkten wirkte aber z. B. die Essener Version von Christoph Roos (in der Thiemo Schwarz übrigens auch schon in einer Nebenrolle mitwirkte) stimmiger, zupackender.
Stark erscheint dann wiederum das Schlussbild: Gretchen, bereits dem Wahnsinn verfallen und dem Tode nahe, sitzt hier einsam auf ihren Knien, während sich hinter ihr der modellbauartige Ausschnitt einer verfallenen Stadt aufklappt und Faust mit den vier rot glänzenden Teufeln von dannen zieht. So wird ihre Opferrolle final noch einmal in den Fokus gerückt und man fühlt sich überraschend stark an Leidensgenossinnen wie Ophelia, Desdemona oder Marie (aus Woyzeck) erinnert.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Samstag, der 26. Dezember 2015
Montag, der 28. Dezember 2015
Freitag, der 29. Januar 2016 (CENTRAL)

 

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