Der Preis des guten Lebens

"Carol" Foto: The Weinstein Company

„Carol“ Foto: The Weinstein Company

Todd Haynes verfilmt mit Carol einen frühen Patricia Highsmith-Roman über eine unmögliche Liebe zwischen einer Warenhaus-Angestellten und einer wohlhabenden Ehefrau in den 50er Jahren als verführerisch-melancholische Romanze. Ein Meisterstück der kleinen Gesten und heimlichen Blicke.

von PHILIPP HANKE

Leidende Frauenfiguren stehen bereits seit seinem ersten Film im Zentrum von Todd Haynes’ Schaffen: So erkrankt in SAFE eine amerikanische Hausfrau der 80er Jahre an einer unerklärlichen Krankheit, einem Leiden an der Gesellschaft; und die 50er-Vorzeige-Ehefrau Cathy Whitaker in Far from Heaven wird nicht nur mit der Homosexualität ihres Mannes, sondern auch mit ihrer unmöglichen Liebe zu einem afroamerikanischen Gärtner konfrontiert. Sein neuester Film Carol erinnert zunächst an letzteres Meisterwerk von 2002, doch so ähnlich die beiden Filme dank ihres Settings und ihrer zeitlichen Verortung auch scheinen, könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Die Liebesbeziehung zwischen Carol und Therese ist nicht geprägt von der sexuellen Repression, die in Haynes’ Douglas Sirk-Hommage allgegenwärtig scheint und Farbe, Kostüme und Dekor mit Bedeutung auflädt. Und auch wenn sich beide als Melodramen einstufen lassen, fehlt in seinem neuesten Film letztlich vor allem eins: die Lust am Leiden. Das macht Carol zu seinem vielleicht kommerziellsten, kaum überraschend aber auch zu seinem zugänglichsten und optimistischsten Film.

Fehl am Platz

Der Film basiert auf der frühen Kurzgeschichte The Price of Salt der Krimi-Autorin Patricia Highsmith (Der talentierte Mr. Ripley) und erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer jungen Warenhausangestellten und einer geheimnisvollen, wohlhabenden Ehefrau. Therese Belivet (auf angenehm zurückhaltende und nuancierte Weise gespielt von Rooney Mara) bedient Carol Aird (Cate Blanchett) in der zur Weihnachtszeit überfüllten Spielzeugabteilung eines Kaufhauses. Haynes inszeniert ihre Begegnung als die typische Liebe auf den ersten Blick und weiß aus simplen Schuss-Gegenschuss-Aufnahmen ein Höchstmaß an Spannung und Konzentration herauszuholen. Mit pompösem Nerz und exaltierten Gesten nutzt Blanchett die Theatralik ihrer Figur auf ambivalent brillante Weise, um gleichzeitig hinter der Selbstsicherheit und Nonchalance von Wohlstand und Klasse und durch kleine Gesten und bedeutungsvolle Blicke ein aufkeimendes Interesse für die unscheinbar wirkende junge Frau hervortreten zu lassen. Beide Frauen scheinen in dem mit Menschen überfüllten Raum fehl am Platz, beide auf ironisch-seltsame Weise kostümiert (Therese wird buchstäblich gezwungen, eine alberne Weihnachtsmütze zu tragen). Als Carol absichtlich ihre Handschuhe liegen lässt, nutzt Therese diesen Anlass, um sie ihr per Post zu schicken und somit weitere Treffen einzuleiten. Szenen wie diese sind bei Highsmith nicht zu finden und von Haynes nicht zuletzt als filmisches Zitat unzähliger Romanzen eingebaut worden. So kommen sich die beiden Frauen näher, verlieben sich und planen Ausbruchsversuche aus ihren Leben, kulminierend in einer gemeinsamen Autoreise – wieder so ein bekanntes, filmisches Klischee, das die Liebe der beiden mit (gefühlter) Kriminalität und Schuldbewusstsein, aber auch mit Außenseiter- oder Rebellentum verbindet – gen Westen. Doch so einfach lässt sich das alte Leben nicht abschütteln ….

Fotografierte Einsamkeit

Der ganze Film ist – wie bei Haynes üblich – ein artifizielles, meta-reflexives und selbstreferentielles Puzzle aus versteckten Bedeutungen, umgedeuteten filmischen Wahrheiten und verführerischer Optik. Stellenweise ist er derart schön, dass man nicht weiß, ob man diese Schönheit bewundern oder daran ersticken soll. Gleich zu Beginn fällt vor allem die Körnigkeit des filmischen Bildes auf, wurde er doch auf 16mm gedreht. Der amerikanische Filmkritiker Richard Brody hat im New Yorker auf besonders anregende Weise über die Auswirkungen dieser ausgestellten Materialität geschrieben. So lade das verwendete Filmmaterial das Spiel der beiden Protagonistinnen mit einer inneren Spannung auf und lasse somit unterdrückte Gefühle spürbar an die Oberfläche dringen. Natürlich ist die Verwendung dieses Materials aber auch Referenz auf eine längst vergangene Kino-Ära. Bis ins kleinste Detail versucht der brillante Kameramann Edward Lachman (mit der Unterstützung der langjährigen Haynes-Kostümbildnerin Sandy Powell) nicht nur die 50er Jahre authentisch darzustellen, sondern die Vorstellung, die von dieser Zeit existiert und zwischen klaustrophobisch-normierender Nachkriegs-Paranoia und konsumorientierter Neuerfindung oszilliert, in ein Bild zu bannen. Als Quelle wird unter anderem das Werk der lange unbekannten Straßenfotografin Vivian Maier genannt. Maier, eine 2009 verstorbene Kinderfrau, der 2013 ein Dokumentarfilm gewidmet wurde, hinterließ eine Sammlung tausender Fotografien. Darunter befinden sich Aufnahmen der Kinder, die sie hütete, von Verwandten und von sich selbst. Vor allem aber sind es Bilder von Fremden, von vorbeihastenden Passanten im New York der 50er Jahre. Keine Frage, diese Fotos sind faszinierende Dokumente einer Zeit, die es so nicht mehr geben wird; in ihrem melancholischen Gehalt und der fast unsichtbaren Aufnahmeperspektive sind sie aber auch Dokumente des Sehens- und des Nicht-gesehen-werdens. Kein Wunder, dass Haynes sie für seinen Film über eine unmögliche und nicht geduldete Liebe verwendet. Die Aufnahmen von Therese (und später von Carol), isoliert hinter verregneten Autoscheiben – in schäbigen Taxis unsichtbar durch die Nacht gleitend – und wie sie glückliche Pärchen beim selbstvergessenen Händchenhalten und Küssen beobachten, sind von einer ähnlich melancholischen Intensität und Traurigkeit.

We’re no ugly people

Diese Melancholie mag aber – und hier wird Haynesʼ Film im politischen Sinne progressiv – nicht am Konzept von Hetero- und Homosexualität liegen oder etwa dem subjektiven Leiden am eigenen Begehren geschuldet sein, sondern wird in Carol als Frage von Klasse verstanden. Denn was sich in dem wohlhabenden Lebensstil, dem pompösen Haus und den teuren Kleidern der Oberschicht von New Jersey widerspiegelt, sind vor allem erkaufte (und verwehrte) Möglichkeiten und damit – in der Verbindung von Sexualität, Identität und Klasse – ein bekannter Topos des typisch amerikanischen Melodramas. Während die gleichgeschlechtliche Liebe in Thereses Umfeld etwa noch gar keine Begrifflichkeit finden konnte, hat Carols offen lesbisch lebende Freundin Abby (Sarah Paulson) zumindest keine Probleme mit ihrer ‚Neigung‘, und die gemeinsame Vergangenheit mit Carol ist selbst für deren Ehemann Harge kein Geheimnis, sondern lediglich ein omnipräsentes Warnsignal für einen stets zu befürchtenden Verlust. Und spätestens hier gewinnt die Schönheit des Films eine böse Doppeldeutigkeit, die Carol in einer ihrer wichtigsten Szenen und als Verteidigung sowohl ihrer Ehe als auch ihrer erzieherischen Fähigkeiten feststellen lässt: „We’re no ugly people.“ Dieses ‚gute Leben‘ ist äußerst fragil und mag Sicherheit und Wohlstand versprechen, aber zu welchem Preis? Auch Therese, die sich eine Karriere als Fotografin und einen Posten bei der New York Times erträumt, kehrt trotz ihrer Affäre mit Carol zeitweise wieder in die verlogene und gesellschaftlich akzeptierte Beziehung zu ihrem Jugendfreund zurück. Unterdrücktes Begehren als Kapitalanlage für ein ‚gutes‘ Leben?

Heimlich geteilt

Zum Glück endet Haynes’ Film nicht an dieser Stelle – so viel darf verraten sein –, sondern untergräbt die teilweise regressive Betonung des melodramatischen Leidens und setzt dieser etwas entgegen. Nicht nur werden gängige Rollenklischees (wie etwa die der zu verteidigenden Mutterrolle) vermieden oder sogar umgedeutet, sondern der Film endet auf wunderbar poetische Weise mit einem (geteilten) Lächeln, das Hoffnung gibt auf eine Zukunft, auf alternative Weltvorstellungen, und das nicht nur auf die Magie und das Potential filmischer Kunstwelten hinweist, sondern vielleicht auch erklärt, warum wir als Zuschauer_innen beim Schauen dieses wunderschönen Liebesdramas wie auch beim Betrachten etwa der heimlichen Porträts einer Vivian Maier eben nicht nur Traurigkeit verspüren, sondern auch Freude und Lust. Ein heimliches Lächeln ist immer noch ein geteiltes Lächeln.

 

Carol (2015). Regie: Todd Haynes. Darsteller: Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Kyle Chandler. Laufzeit: 118 Minuten. Seit dem 17.12. im Kino.

 

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Ein Gedanke zu „Der Preis des guten Lebens

  1. Dieser Film ist in vielen Aspekten beeindruckend. Zunächst versteht Todd Haynes es, eine frappierend realistische Szenerie der USA in den 1950er Jahren entstehen zu lassen. Manche Szenen „fühlen“ sich so täuschend echt an als sähe man einen Dokumentarfilm. Wie Emotionen auf den Gesichtern von Cate Blanchett und Rooney Mara kurz aufzuflackern scheinen, jenseits der gesprochenen Worte, ist schlicht atemberaubend. In den Dialogen behält der Film außerdem den Ton bei, der so typisch für Patricia Highsmith ist: klug, bissig, elegant, entlarvend. Ein Film, an dem es viel bewundern gibt!

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