Welcome to your dark and dirty fantasies

"Lulu" am Theater Oberhausen Foto: Birgit Hupfeld

„Lulu“ am Theater Oberhausen Foto: Birgit Hupfeld

Das Theater Oberhausen eröffnet das Jahr 2016 mit einer Menge Blut, Nacktheit und makaber-komödiantischer Musik: Lulu – Eine Mörderballade nach Wedekinds gleichnamiger Tragödie steht mit vielen Songs der Tiger Lillies auf dem Spielplan. Die 90-minütige Inszenierung des belgischen Regisseurs Stef Lernous entblößt trotz aller Bildgewalt einige Schwächen.

von HELGE KREISKÖTHER

Um das Konzept der Oberhausener Lulu zu begreifen, sollte man nicht nur mit dem Aufbau und Hintergrund von Wedekinds skandalträchtiger Tragödie vertraut sein, sondern auch mit den musikalischen Gepflogenheiten des britischen Trios The Tiger Lillies.
Lulu bestand ursprünglich aus zwei einzelnen Dramen (Erdgeist sowie Die Büchse der Pandora) und wurde erst später von Wedekind unter dem heute geläufigen Titel zusammengefasst. Die jeweiligen Uraufführungen fanden 1898 bzw. 1905 statt – man kann sich also vorstellen, welchen Skandal die männerverzehrende, vermeintlich nymphomane Protagonistin samt ihrem radikalen Lebensweg in der kaiserlich-prüden Welt ausgelöst hat. Ähnlich Schnitzlers Reigen werden Sex, Männergier und Selbstprostitution derart ungeschönt thematisiert, dass Wedekinds Duktus sogar einem Vergleich mit Elfriede Jelineks knapp 100 Jahre später veröffentlichtem Roman Lust standhält.
Die Tiger Lillies (gegründet 1989) rund um ihren Singer-Songwriter Martyn Jacques haben nun eine Vorliebe für genau solche düster-erotischen, halb komödiantischen wie Ekel provozierenden Werke. Für die Opera North in Leeds schrieben sie 2013/14 schließlich Lulu – A Murder Ballad voll der für sie charakteristischen rauen Instrumentation, den kreischenden Falsettgesängen und ihrem ganz eigenen „Kabarettpunk“, mit dem sie Wedekinds Tragödie(n) in Sentenzen wie „Show us your tits!“ auf den Punkt bringen.

Sex, blood and counter tenors

Laut eigener Aussagen hat Stef Lernous besondere Freude an den „fleischlichen Qualitäten“ des Theaters. Das heißt, er begrüßt die unmittelbare Zurschaustellung von Körpern und die Befreiung des Schauspiels von seiner rein geistigen Ebene. Außerdem betrachtet er Licht, Kostüm, Sprache, Musik und Bühne als gleichwertige Ausdrucksmittel einer mitreißenden Inszenierung.
In Lulu – Eine Mörderballade werden diese Ansätze schnell deutlich. Die Kulisse (Bühne und Lichtkunst: Sven Van Kuijk) ist eine alte, halb zerfallene Fleischerei, in die Lulus Opfer nacheinander „eingeliefert“ und mit Monty-Python-hafter Freude enthauptet werden. Laura Angelina Palacios zeigt sich als Protagonistin ununterbrochen nackt und lässt ihren ansehnlichen, für die Lulu-Figur weder zu fülligen noch zu hageren Körper wahlweise mit Goldglitzer bestäuben oder mit Blut beschmieren. Da Schwarz und Rot die dominierenden Farben des Abends darstellen, erinnert Palaciosʼ (beinah vollkommen stumme) Verkörperung der wirkungsmächtigen Femme fatale stark an Edvard Munchs Madonna, die sinnigerweise nur wenige Jahre vor Wedekinds Stück vollendet wurde. Um darüber hinaus in der Kunstgeschichte zu verweilen: Das Gemälde, welches Schwarz (Eike Weinreich) von Lulu in Oberhausen anfertigt und ans Publikum weiterreicht, ist Der Ursprung der Welt von Gustave Courbet – eine dramaturgische Meisterleistung in Sachen Intertextualität bzw. -pikturalität, die später auch noch einmal auf einer großen Fahne hin- und hergewedelt wird.
Lobenswert erstaunlich ist weiterhin, dass vom wesentlichen Handlungsverlauf des Wedekind-Stücks in der Tiger-Lillies-Version kaum etwas verloren geht: Die wichtigsten Opfer und geografischen Stationen (bis hin zu Lulus Londoner Mörder, dem berühmten Jack the Ripper) werden allesamt über die derben Songtexte eingeführt und kommentiert. Auch ohne Wedekinds (zugegebenermaßen nicht sonderlich poetische) Sprache bleibt das Faszinierende des Stoffs also offenkundig erhalten.

"Lulu" am Theater Oberhausen Foto: Birgit Hupfeld

„Lulu“ am Theater Oberhausen Foto: Birgit Hupfeld

Ein Meer aus Bezügen und (un)gewollten Anspielungen

Zweifellos entfaltet der Abend einen stark atmosphärischen Sog. Die insgesamt sechs Musiker des belgischen Ensembles Abattoir Fermé – allen voran Otto Beatus (Klavier) und Jan Klare (Saxofon und Klarinette) – beeindrucken ferner mit ihrer energiegeladenen Virtuosität. Und auch das involvierte Oberhausener Schauspielensemble weiß stimmlich (Susanne Burkhard, Moritz Peschke) wie darstellerisch (Laura Angelina Palacios) zu glänzen. Vor lauter Bezügen zur düster-sexbesessen-blutbesudelten Welt droht die Inszenierung an mancher Stelle jedoch auseinanderzubrechen. Lernous selbst nennt H. P. Lovecraft, den Struwwelpeter oder Rabelais als Verbindungspunkte mit den Tiger Lillies. Letztlich gerät man als Zuschauer allerdings zunehmend in Verwirrung, da man nicht mehr weiß, ob schlichtweg der typisch schwarze englische Humor, düstere Musikvideo-Ästhetik à la Oomph!, Rammstein & Co. oder exzessive Macbeth-Versionen maßgeblich für die Ästhetik der Inszenierung sind. Der Oberhausener Mörderballade fehlt vielleicht das ein oder andere gesprochene Wort, etwa um sich von weitaus weniger verruchten Musicals wie Sweeney Todd abzugrenzen. Die Bildgewalt allein beantwortet nicht die Frage „Wo soll das alles hinführen?“.
Eine Theatervorstellung zu verlassen, bloß weil auf der Bühne „gefickt“ und mit Blut gespritzt wird, erscheint im 21. Jahrhundert natürlich unzeitgemäß; ein Stück (wie man neudeutsch so schön sagt) zu „hypen“, bloß weil es Freude am obszönen Inhaltsmangel hat, ist aber wohl genauso fragwürdig. Empfohlen sei der Abend also jenen, die sich ungern auf Genres festlegen und/oder ihren pornografischen Neigungen, was keinesfalls abwertend aufzufassen ist, im Theater zu frönen gedenken.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, der 20. Januar
Freitag, der 22. Januar
Freitag, der 05. Februar

 

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2 Gedanken zu „Welcome to your dark and dirty fantasies

  1. Um das … zu begreifen, sollte man nicht nur mit … vertraut sein, sondern auch mit …
    Es könnte aber auch nicht schaden, zu wissen, dass Otto Beatus nichts mit Abattoir Fermé zu schaffen hat, sondern ehemals Musikalischer Leiter am Theater Oberhausen war. Dann kommt man auch nicht auf die Idee, die sechs Musiker Abattoir Fermé zuzurechnen.

  2. In der Tat, Otto Beatus hat besondere Erfahrung mit dem Oberhausener Publikum (bis 2013 hatte er das Amt des Musikalischen Leiters inne). Eine Hervorhebung dessen ist wohl aber nicht zwingend nötig, da er sich bei LULU als Teil des Ensembles begreift und es zwar dirigiert, aber nicht etwa durch umfangreiche Soli zu glänzen versucht. Ich bitte um Nachsicht 😉

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