Komik ist Tragik in Spiegelschrift

COVER_Meyerhoff_Lücke_KiWiJoachim Meyerhoff gelingt mit Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke erneut der Spagat zwischen hochkomischer Familiengeschichte und einfühlsamer Trauerbewältigung. Mehr noch als im Vorgänger Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, pendelt er gekonnt zwischen künstlerischer Selbstbetrachtung und der Darstellung längst verstorbener Verwandter.

von LINA BRÜNIG

Männer, die über ihr Leben schreiben, haben zur Zeit Konjunktur in der Literatur: Ob Karl Ove Knausgård, der mit seinem fortschreitenden Großwerk Min Kamp die Leser in seinen Bann zieht, oder Gerhard Henschel, dessen diesjähriger Künstlerroman bereits der sechste Teil über sein Alter Ego Martin Schlosser ist. Joachim Meyerhoff fügt sich mit seinem autobiografischen Projekt Alle Toten fliegen hoch nur scheinbar in diesen Trend ein. 2007 hatte er am Wiener Burgtheater damit begonnen, sein Leben zu erzählen – eine Idee, die sich schnell zum Publikumsrenner entwickelte. 2010 erschien der erste Teil Amerika als Buch – hatte aber nur mäßigen Erfolg. Erst 2013, als Meyerhoff beim Ingeborg-Bachmann-Preis teilnahm und der zweite Teil Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war herauskam, zündete das Projekt auch auf der Bestsellerliste. Der neuste Band ist nun in einer hohen Startauflage erschienen. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es dem Autor nur oberflächlich um sein Leben geht. In Wahrheit ist das Ganze – und das gilt für Ach, diese Lücke besonders – ein erzählerisches Denkmal für geliebte Menschen, die nicht mehr leben. Es geht darum, diese Personen in einer stark vom mündlichen Duktus geprägten Literatur wieder zum Leben zu erwecken.

Schauspielqual und Großelternidylle

In Ach, diese Lücke geht es in dieser Hinsicht vor allem um Meyerhoffs Großeltern, die Schauspielerin Inge Birkmann und den Philosophen Hermann Krings. Der Roman umfasst die Zeit von 1989 bis 1992, in der Meyerhoff an der Otto-Falckenberg-Schule in München Schauspiel studierte und bei ebenjenen Großeltern wohnte. Der Erzählaufbau entwickelt schon durch den Kontrast dieser beiden Sphären einen besonderen Reiz. Da ist auf der einen Seite das großelterliche Anwesen direkt am Nymphenburger Schloss: Hier wird schon beim Frühstück Champagner getrunken, werden die Rotkehlchen mit Pinienkernen gefüttert und dürfen die Möbel unter keinen Umständen verrückt werden. Dabei gibt der Ich-Erzähler die beiden Großeltern-Figuren in all ihrer Skurrilität nie der Lächerlichkeit preis. Er drückt vielmehr in der literarischen Konservierung der schrulligen Angewohnheiten große Zuneigung und Bewunderung gegenüber einem Paar aus, das es sich in seiner eigenen Welt bequem eingerichtet hatte.

Auf der anderen Seite werden die Leiden des jungen Joachim auf der Schauspielschule ausgebreitet. Diese erscheint als Ort der erzwungenen Selbstfindung und als Stätte zahlreicher Demütigungen. Wüsste man nicht, dass Meyerhoff es letztlich zum preisgekrönten Mimen gebracht hat, so würde man meinen, die Erinnerungen eines Gescheiterten zu lesen. Nichts bringt er zustande, dieser 1-Meter-90-Schlaks mit dem undefinierten Gesicht. Kann auf der Bühne nicht lachen, nicht weinen und nicht sprechen. Diese inneren Nöte schildert Meyerhoff auf beeindruckend sensible und selbstanalytische Weise:
„Ich kam mir dann vor wie ein Gewichtheber, der undercover eine unsichtbare, zentnerschwere Hantel stemmt, von der niemand etwas ahnen darf. Bühnentränen wurden meine größte Sehnsucht. Dass es mir nicht gelang, wunderte mich umso mehr, da ich, sobald ich an meinen mittleren Bruder dachte, ausdauernd und ergiebig weinen konnte. Doch wenn andere mir zusahen, ich es unbedingt wollte und forcierte, versiegten die Tränen, schnurrte der Tränenkanal wie ein Regenwurm in der Sonne zusammen, und ich war staubtrocken wir ein Saharasandkorn.“

Das Selbst und die Anderen

Die eigentlichen Helden des Buches sind dann auch die exzentrischen Großeltern, die hier durch das Medium der Literatur von den Toten auferstehen. Der erzählende Joachim ist zunächst ein Katalysator für all die anderen interessanten Figuren, die ihn umgeben. Die eigene – tatsächlich nur scheinbare – Durchschnittlichkeit ist für ihn Segen und Fluch zugleich: Einerseits muss er sich nie ganz involvieren, nie ein echtes Risiko eingehen – andererseits hält gerade das ihn davon ab, ein wirklich guter Schauspieler zu sein und echte Beziehungen aufzubauen. Sein Großvater, der Philosophieprofessor, bringt es in einem Gespräch auf den Punkt:
„Für dich scheint alles Phänomen zu sein. Du staunst über alles und sei es noch so unbedeutend. Die Welt anzustaunen ist eine sehr kindliche und friedliche Angelegenheit. Aber es ist auch furchtbar hilflos. Deine Teilhabe ist dadurch sehr eingeschränkt. Dadurch, dass du deinen Blick auf die Welt perfektionierst, drohst du dich selbst aus ihr auszuschließen.“

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke erweckt den Eindruck, dass Meyerhoff sich die Worte seines Großvaters schließlich zu Herzen genommen hat: Seine Erzählerfigur gewinnt immer mehr an Kontur, besonders, wenn man die beiden Vorgängerromane zum Vergleich heranzieht. Nun bleibt zu hoffen, dass er nach der ausführlichen Würdigung seines Vaters, seines Bruder und seiner Großeltern auch in Zukunft noch Erzählanlässe findet.

 

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Kiepenheuer und Witsch: 352 Seiten
Preis: 21,99 Euro
ISBN: 978-3-462-04828-5

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