Theorie-Bio-Graphie

EA_Thomä_Kauffmann_Schmid_24914_MR1.inddBeinahe müsste man für das Genre der in Der Einfall des Lebens. Theorie als geheime Autobiographie versammelten Texte einen neuen Namen erfinden, z.B. „theorie-bio-graphisch“. Die darin versammelten Autorenporträts spüren der Verschränkung von Theorie und Autobiographie bei 25 namhaften Denkern des 20. Jahrhunderts nach und bieten so nicht nur pointierte kleine Einführungen in deren Werk, sondern werfen auch ein neues Licht auf das Verhältnis von Leben und theoretischem Schreiben.

von BERNHARD STRICKER

„De nobis ipsis silemus“. „Von uns selbst wollen wir schweigen“: Kein Wunder, dass diese Devise zu einem der Leitsätze von Theorie und Philosophie avanciert ist, nachdem Immanuel Kant sie seiner einflussreichen Kritik der reinen Vernunft (1781) als Motto vorangestellt hat. Das Leben des Denkers, seine persönliche Geschichte und Befindlichkeit, gelten seither nicht nur als theorieirrelevant, sondern geradezu als Hindernis für einen unverstellten Blick, die reine Schau (griech. theoria = Schau, Betrachtung) auf objektive Gegebenheiten. Aber ist es um das Verhältnis von Theorie und Leben wirklich so einfach bestellt, dass das eine nur um den Preis des anderen zu haben ist? Schließlich war auch Kant begeistert von den Schriften Jean-Jacques Rousseaus, dessen Confessions beredtes Zeugnis einer Eingenommenheit vom eigenen Ich ablegen.

„Das Ich“ oder „ich“?

Ob man „ich“ primär als Pronomen oder als Substantiv („das Ich“) verwendet, daran entzündet sich die „Beziehungskrise zwischen akademischen Denkern und Außenseitern“, welche die Autoren von Der Einfall des Lebens für die Philosophie im 20. Jahrhundert konstatieren. Sagt man schlicht „ich“, dann ist es der Einzelne, der sich im Sprechen seiner partikularen Position als Individuum bewusst bleibt; substantiviert man hingegen „das Ich“, wie dies für Kant, Fichte und viele andere gilt, dann erhält das so bezeichnete Subjekt eine Allgemeinheit auf Kosten seiner besonderen Eigenschaften wie Sprache, Herkunft und Geschichte. Im Zentrum von Der Einfall des Lebens stehen die Außenseiter, also diejenigen Denker, bei deren Werk eine Verschränkung von Theorie und Leben auszumachen ist und die damit auf Distanz zum professionalisierten, unpersönlichen, akademischen Diskurs rücken. Die Liste der im Band vertretenen Namen umfasst hauptsächlich wohlbekannte, kanonisierte Autoren aus dem deutschen, französischen, US-amerikanischen und russischen Sprachraum, darunter etwa Paul Valéry, Ludwig Wittgenstein, Michail Bachtin, Maurice Blanchot, Michel Foucault, Susan Sontag und Julia Kristeva. Eine Ausnahme sticht allerdings durch ihre völlige Unbekanntheit hervor: Nadja Petöfskyi (1942–2013).

Autobiographie – ein unpopuläres Genre?

Macht man den Versuch und googelt „Nadja Petöfskyi“, so erhält man als einzigen Eintrag eine Leseprobe des hier besprochenen Buches. Die ungarische Philosophin nahm 1966 als Doktorandin durch Vermittlung von Georg Lukács und Lucien Goldmann an der legendären Konferenz „The Languages of Criticism and the Sciences of Man“ in Yale teil, wo sie zum ersten Mal mit der poststrukturalistischen Kritik am Subjektbegriff konfrontiert und in eine Kontroverse mit Derrida verwickelt wurde, weil sie nicht bereit war, die dekonstruktivistische Absage an Sprache als Zugang zur Wirklichkeit leichthin zu übernehmen. Nach der Konferenz brauchte sie mehrere Jahre, um ihre Dissertation mit dem Titel Das Ich ist nicht nur ein Anderer abzuschließen. Mit ihren Thesen zum Verhältnis von Sprache und Selbst blieb ihr der Zugang zu den Diskussionen im Umfeld des Poststrukturalismus jedoch zeitlebens verwehrt. Stattdessen verfiel Petöfskyi einer zunehmenden Besessenheit vom Mitschreiben ihres eigenen Lebens, die sie zuletzt unfähig machte, irgendetwas zu tun ohne es schriftlich festzuhalten. Damit markiert Petöfskyi die wohl extremste Form von Autobiographismus und steht somit zu Recht am Ende der 25 Porträts des Buches. Ihr Werk dem Vergessen zu entreißen ist das erklärte Ziel der Autoren Dieter Thomä, Ulrich Schmid und Vincent Kaufmann, die alle an der Universität St. Gallen lehren und jeweils etwa ein Drittel der Texte in Der Einfall des Lebens verantworten.

Zwischen Attacke und Impromptu

Die Rede vom „Einfall“ des Lebens birgt einen Doppelsinn: Sie ist einerseits im musikalischen Sinne als Hinweis auf das Improvisatorische zu verstehen, das der Verbindung von Theorie und Autobiographie anhaftet, andererseits weist sie darauf hin, dass die „Kontingenz des Lebens“ in die „Stringenz des Gedankens“ manchmal geradezu überfallartig einbricht. Den Autoren gelingt die Darstellung dieses fragilen und je besonderen Verhältnisses von Leben und Schreiben in einer brillanten Weise, die weder der Verführung des Biographisch-Anekdotischen verfällt noch jemals trockenen Lehrbuchcharakter annimmt. Den Gefahren, das Ich als bloße Projektion zu verstehen oder die Theorie auf verkappte Selbstdarstellung zu reduzieren, widerstehen sie gleichermaßen. Sie tischen auch nicht bloß in aufgewärmter Form auf, was einmal als „Lebensphilosophie“ firmierte; von der allgemeinen und vorschnellen Behauptung einer wesentlichen Harmonie oder Opposition von Lebens- und Weltwissen distanzieren sie sich vielmehr ausdrücklich. Vielleicht ist es der ebenfalls im Band vertretene amerikanische Philosoph Stanley Cavell, der am explizitesten die Verdrängung des Lebens aus der Theorie kritisiert und reflektiert hat. Das Sprechen für die Allgemeinheit, das er als die „Arroganz der Philosophie“ bezeichnet, ist für Cavell nicht auf dem Wege der Elimination der Stimme des Einzelnen zu erreichen, sondern durch ihre Ausbildung und Integration in einen Chor von Stimmen. Das bedeutet, die Möglichkeit von Spannungen zwischen Leben und Theorie oder zwischen Einzelnem und Allgemeinem auszuhalten ohne je endgültig und ein für alle Mal mit ihnen fertig zu werden. Frei heraus „ich“ zu sagen verdient dann nicht länger als Selbstverliebtheit gescholten zu werden. Vielmehr gilt: „Wahrhaft arrogant ist der Philosoph, der von sich schweigt.“

 

Dieter Thomä, Vincent Kaufmann, Ulrich Schmid: Der Einfall des Lebens. Theorie als geheime Autobiographie
Hanser, 416 Seiten
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 978-3446249141

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