Williams sonderbares Troja-Stück

"Troilus und Cressida" am Schauspiel Köln Foto: Tommy Hetzel

„Troilus und Cressida“ am Schauspiel Köln Foto: Tommy Hetzel

Rafael Sanchez inszeniert am Schauspiel Köln Shakespeares verkanntes Drama Troilus und Cressida. Die Chance, einen Theatercoup zu landen, wird jedoch vertan – der gut dreistündige Abend vermag nur durch Einzelheiten zu begeistern.

von HELGE KREISKÖTHER

Troilus und Cressida wurde aller Wahrscheinlichkeit nach um das Jahr 1603, also zwischen den Bühnengiganten Hamlet und Macbeth, uraufgeführt, gehört heute aber zweifelsohne zu den weniger populären Stücken Shakespeares. Vielleicht liegt dies nicht zuletzt daran, dass es – neben dem Kaufmann von Venedig, Maß für Maß, Ende gut alles gut und dem Wintermärchen – zu den „problem plays“, den sozusagen genrelosen Werken des englischen Meisterdichters, gerechnet wird. Dabei erscheinen die zentralen Konflikte des sprachlich ungewöhnlich ruppigen, wutgeladenen Dramas aktuell wie je, geht es doch um eine leidenschaftlich ausgebrochene Liebe, die vor dem Hintergrund eines brutalen wie nutzlosen Krieges zum Scheitern verurteilt ist.

Der bereits sieben (von bekanntermaßen zehn) Jahre andauernde Trojanische Krieg, mit dem Shakespeare von etwaigen Homer-Überlieferungen der Renaissance gut vertraut war, ist historischer Hintergrund von Troilus und Cressida. Der Seher Kalchas ist zu den Griechen übergelaufen und nun bemüht, auch seine Tochter Cressida ins ehemals feindliche Lager zu holen. Diese hat sich zwar unterdessen zur empfindsamen Frau entwickelt und nach anfänglicher Zierde unsterblich in den jüngsten trojanischen Prinzen Troilus verliebt, wird aber dessen ungeachtet dem griechischen Offizier Diomedes zur Frau versprochen. Troilus ist entsetzt, als er bemerkt, wie seine Geliebte ihr Schicksal bereitwillig hinzunehmen scheint, und stürzt sich, wie antike Hitzköpfe das eben so machen, aus Kummer in die Schlacht. Sein Bruder, der Held Hektor, wird von Achill getötet, und so endet die vermeintliche Romanze, wenn man noch einmal zur versuchten Gattungsdefinition zurückkehrt, in einer Rachetragödie.

Immer nur Krieg und Geilheit

Der erste aus dem 14-köpfigen Ensemble, der sich zu Wort meldet, ist Bruno Cathomas als Pandarus, der Onkel der Cressida. Den ganzen Abend über bringt er als schamloser Kuppler meisterhaft schrullige Komik ins Spiel, während die dämonisch angehauchte Kassandra (Yvon Jansen) für angsteinflößende Prophezeiungen sorgt und Thersites (noch virtuoser: ebenfalls Yvon Jansen) alles und jeden mit mannigfaltigen Beschimpfungen bewirft. Wer außerdem großes Lob verdient, ist Nicola Gründel als (nicht leicht zu durchleuchtende) Cressida, die sie – vom Premierenpublikum viel zu wenig anerkannt – fantastisch verkörpert. Selten sah man etwa das Anbahnen einer Kussszene so filmreif-hingebungsvoll ausgekostet wie hier in Zusammen„arbeit“ mit dem ebenfalls souveränen Nikolaus Benda alias Troilus. Last but not least zeigt Johannes Benecke als eunuchischer Götterliebling Paris, wer in Troja das wirkliche Ekel ist: Während seiner Angebeteten halber die ganze Heimat in den Krieg verwickelt wird, verlangt er vom Bruder Troilus, mir nichts, dir nichts in den Tauschhandel Antenor–Cressida einzuwilligen und damit seine Liebe für immer aufzugeben. Einziger schauspielerischer Wermutstropfen: Manche Darsteller übriger Nebenrollen (u. a. Niklas Kohrt als Odysseus und Paul Faßnacht als Nestor) schwächeln auffällig, insbesondere durch ihre überzogene, vers- und pathosfixierte Aussprache.

Die Bühne (Simeon Meier) besteht im Vordergrund, abgesehen von einigen Bänken, aus einem weiten, schwarzen Nichts. Mittig dahinter agiert jedoch eine quadratische Drehbühne mit gewollt naturalistischem Waldrand auf der einen und schamanenartig ausgeschmücktem Zeltinneren auf der anderen Seite. Ein großes Kompliment muss fernerhin der virtuosen Beleuchtung (Licht: Hartmut Litzinger) in blau-grün-roten Farbtönen gemacht werden. Die Musik- und Toneinsätze (Knut Jensen und Jonas Martin Schmid) treten dagegen ziemlich zurück, wirken mitunter platt; so etwa das leitmotivische Dampfschifftuten als akustische Illustration heranziehender Gefahr.

"Troilus und Cressida" am Schauspiel Köln Foto: Tommy Hetzel

„Troilus und Cressida“ am Schauspiel Köln Foto: Tommy Hetzel

Verrennt sich Sanchez – oder gar Shakespeare selbst?

Sanchez präferiert eine Atmosphäre zwischen kühler Dichte und eindeutigen, vor allem durch die ansehnlichen Kostüme (Birgit Bungum) hervorgerufenen Historismen. Letztere lassen unterschwelligen Einfluss von Wolfgang Petersens Hollywood-Verfilmung Troja aus dem Jahr 2004 erkennen. Zumal die Ausgestaltung von Charakteren wie Achilles (mit großartiger Stimmfarbe: Robert Dölle) an die Arroganz von Brad Pitts Version des antiken Helden erinnert. Wo der vergleichsweise junge Regisseur aber konkret hinstrebt, ist unklar. Seine Inszenierung bleibt bedauerlicherweise im Sumpf des konventionell Bezirzenden stecken, verzichtet auf (mehr als mögliche) Aktualitätsbezüge und gibt keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, warum Troilus und Cressida – wie eingangs bemerkt – ein so selten dargebotenes Shakespeare-Stück ist. Die verwendete Übersetzung von Simon Werle kommt mitnichten eleganter oder aktueller daher als die „klassische“ des Tieck-Freundes Wolf Heinrich von Baudissin. So mancher Schlagabtausch hätte ohnehin gekürzt werden können, denn als Zuschauer droht man stellenweise überlastet zu werden. Nicht nur von den zahlreichen mythologischen Namen, sondern eben auch von bedeutungsschwangeren Wortspielen in möglichst originalgetreu gestelztem Deutsch (Dramaturgie: Nina Rühmeier).

Vielleicht fehlt es dem trojanischen „problem play“ insbesondere an jener Sog erzeugenden Wirkung, welche etwa ein Hamlet, ein Othello oder Richard III. wie von selbst auslösen. Die Figuren geraten durcheinander, was wiederum an Komödien wie den Sommernachtstraum erinnert, und das titelgebende Paar wird zum bloßen Spielball im antiken Machtgefüge. Zweifellos ermöglicht Shakespeare – und so auch Rafael Sanchez – einen unkonventionellen Blick auf die altbacken-mythischen Charaktere der Illias, indem er sie aus ihrem Marmorturm herausholt und satirisch verzerrt. Wie z. B. die Griechen in Köln zwischen demonstrativ schwulen Tächteleien und brustbehaartem Kampfesgebrüll changieren, versetzt die Lachmuskeln ordentlich in Bewegung. Ohne eine mutigere, innovativere Regie wird Troilus und Cressida indes erstmal ein verkanntes Stück bleiben. Inhaltlich lässt sich Sanchez’ Inszenierung jedenfalls mit einer Sentenz aus Lessings Nathan auf den Punkt bringen: „Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres.“
 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Sonntag, der 14. Februar (ausverkauft)
Mittwoch, der 17. Februar
Samstag, der 20. Februar

 

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