Ehrliche Antworten aus dem Literaturbetrieb

Erwin Krottenthaler (Hg): Literaturnachen II // Quelle:  Voland & Quist

Viele Autoren vereinen die Einsamkeit am Schreibtisch und die Auseinandersetzung mit sich selbst. Das kann man zumindest aus den Beiträgen der Sammlung Literaturmachen II herauslesen. Wie zehn Schriftsteller jedoch die Fragen im Rahmen der zweiten Gesprächsreihe Literatur und ihre Vermittler beantworten, zeugt vom Abwechslungsreichtum, Humor und den Möglichkeiten, die der Literaturbetrieb zu bieten hat.

von ALINE PRIGGE

Es sind Fragen, die sich jeder Schriftsteller und viele Literaturinteressierte vermutlich selbst einmal gestellt haben und die im literarischen Diskurs bereits viel Beachtung fanden: Welchen Einfluss hat die Sexualität auf das Schreiben? Welche Ansprüche hat die Gesellschaft an Autoren? Wie weit müssen sie diesen nachkommen? Was will der Leser von heute und was überfordert? Und kann man überhaupt noch etwas Neues schreiben? Erwin Krottenthaler und José F. A. Oliver stellten diese und andere Fragen zehn renommierten und vielfach ausgezeichneten Autoren. Ihre sehr privaten Antworten und überraschenden Lösungsansätze veröffentlicht Voland & Quist unter dem Titel Literaturmachen II. Dabei geben die Schriftsteller nicht nur Einblick in ihren Schreib- und Denkprozess, sondern auch in die Zweifel an der eigenen Person und am eigenen Werk.

Die Praktiker aus den verschiedensten Gebieten der Literatur gehen die ihnen zugeteilten Themen unterschiedlich an: Zum Beispiel beschreibt Nicolas Mahler, gefeierter Zeichner von Graphic Novels, seine Auseinandersetzung mit dem Thema Literatur und Zeitgeist passend mit einem humoristischen Comic. „Wenn die Hölle voll ist, kommen die Germanisten auf die Erde zurück“, heißt es auf der ersten Seite seines Beitrags. Was folgt, ist die Karikatur des kunst- und literaturwissenschaftlichen Diskurses zur Graphic Novel anhand der eigenen Erfahrung. Sein heruntergebrochenes Fazit, Comics seien der Kunst und der Literatur überlegen, da sie eine komplexe Verbindung von Wort und Bild darstellen würden, reiht sich nahtlos in den Witz seiner Zeichnung ein, da die einzige Fehlerquelle die prinzipielle Lebensunfähigkeit der Zeichner sei.

„Wer schreibt, sucht sich auf, kehrt bei sich ein und verlässt sich wieder“

„Der Schriftsteller, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen, kann sich nicht entfliehen: Er hat seinen Steckbrief selber verfasst“, zitieren die Herausgeber Max Frisch in ihrer Einleitung. Denn der Schreibprozess fungiert für Autoren als individuelle Auseinandersetzung mit sich selbst. Dementsprechend abwechslungsreich sind ihre Ansätze: Ursula Krechel beschäftigt sich mit dem Thema Literatur und Gedächtnis und nähert sich ihm mit einem autobiografischen Essay, Katharina Hacker mischt zur Beantwortung der Frage nach der Präsenz eines Autors Anekdoten der eigenen Auftritte und des Selbstzweifels mit Textpassagen ihrer Werke und Nuran David Calis lässt zum Thema Literatur und Naivität eine Kurzgeschichte über die Flucht einer syrischen Familie nach Deutschland für sich sprechen. Die meist kurz gehaltenen Beiträge verhindern die Langatmigkeit vieler wissenschaftlicher Debatten zu literarischen Fragen. So sind die Antworten zugänglich, regen jedoch auch zur Reflexion an. Josef Winklers Auseinandersetzung mit dem Thema Literatur und Religion findet als Lesung verschiedener Passagen seines Werks statt. „Es ist alles gesagt in meinen Texten. Lassen Sie uns darüber reden“, leitet der Schriftsteller die Aufgabe des Nachsinnens an den Leser weiter.

Ohne Scheu lässt sich auch Björn Bicker auf die Auseinandersetzung mit dem ihm zugeteilten Thema Literatur und Originalität ein. Der freie Autor und Regisseur geht dabei über die Debatte, welche die Originalität in der Kultur eigentlich schon aufgegeben zu haben scheint – frei nach dem Motto „Das Neue ist immer das Alte“ –, und über eine Form der Rekontextualisierung als Lösung dieses Dilemmas hinaus, indem er von den eigenen Grenzen des Schreibprozesses berichtet. Auch Nora Gomringer, die sich mit dem Thema Literatur und Rhythmus auseinandersetzt, schöpft vor allem aus ihren musikalischen Auftritten und privaten Grenzen. Sie verwebt in ihrem Aufsatz „Beständiges Soundchecken“ persönliche Anekdoten der musikalischen Vertonung ihrer Lyrik mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. So unterschiedlich die Herangehensweisen der Autoren und die Themen der Vortragsreihe auch sind, so verstehen es doch alle Schriftsteller, den Leser mit der Beantwortung der ihnen gegebenen Fragen in den Bann zu ziehen, und schaffen eine Anthologie, die für jeden Literaturinteressierten ein lesenswerter Zeitvertreib, wenn nicht sogar ein Gewinn ist.

 

Erwin Krottenthaler, José F.A. Oliver (Hg.): Literaturmachen II. Literatur und ihre Vermittler
Voland & Quist, 160 Seiten
Preis: 15,90 Euro
ISBN: 978-386391-114-0

 

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