Viele Worte führen ins Nichts

Anomalisa // Quelle: Paramount

Was für ein unangenehmer Zeitgenosse, zerfressen von Selbstmitleid, ignorant allen anderen gegenüber und dann klebt der Film auch noch unablässig an seiner Perspektive: Michael Stone, Hauptfigur in Charlie Kaufmans Anomalisa, erfolgreicher Autor eines Sachbuch-Bestsellers, ist irgendwie normal, vielleicht sogar – menschlich? Schließlich hat er an den gleichen Fragen zu knapsen wie wir alle.

von SYLVIA KOKOT

Michael Stone fliegt nach Cincinnati, um sein neues Buch zu promoten. Er schreibt für Kundenberater, er schreibt in Worthülsen, Wendungen, die den Beratenen suggerieren, sie würden als Individuen wahrgenommen und die den Beratenden die Vorstellung erleichtern sollen, es handele sich am anderen Ende der Leitung wirklich um menschliche Wesen. Was der Film aber vor Augen führt, sind gerade die Funktionsweisen dieser Floskeln, denn dem Call-Center-Mitarbeiter, der Firma (vielleicht der kapitalistischen Gesellschaft) ist längst der Bezug zum einzigartigen Menschen verloren gegangen, wenn dieser Bezug überhaupt jemals gewünscht war. Sprache vermag es hier lediglich, die Suggestion zu reinstallieren, es gäbe da jemanden mit Körper, Schmerzen, Empfindungen, als gäbe es so etwas wie Liebe. Aber eigentlich ist da kein Individuum (mehr), die Anderen sind nur eine überformte Masse. Konsequenterweise haben dann auch alle die gleichen Gesichter, alle die gleichen Stimmen. Und gerade die floskelhafte Anwendung dieser Worthülsen verfestigt die weitere Entmenschlichung. Denn faktisch geht es doch nur darum, einer grauen Masse etwas besser verkaufen zu können, um bessere Ergebnisse im Service-Ranking zu erhalten, aber nicht darum, einem Subjekt zu begegnen.

Die eine Ausnahme

Irritierenderweise sitzt Michael Stone, versierter Autor besagter Berater-Bücher, seiner eigenen Suggestion auf: Er sucht das Individuelle im Anderen, da er es nicht mehr erkennen kann, in niemandem, nicht einmal bei seinen Nächsten. Eine Zeit lang ist er für sich das einzige Individuum, bis er „Anomali(e)sa“ trifft. Sie hat eine eigene Stimme und ein eigenes Gesicht, sie ist die Ausnahme, sie könnte ihn wieder ganz machen, ihn heilen von seinem Schmerz, seiner Unzulänglichkeit. Vielleicht auch von seiner Blindheit. Aber Anomalisa wäre kein Charlie Kaufman-Film, wenn es so einfach wäre.

Der Trailer ist im Fall von Anomalisa ein Paratext, der die Sichtweise auf den Film fulminant beeinflussen kann. Denn eigentlich ist alles genau anders: Was der Trailer zu zeigen scheint, ist ein Mann auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach dem Menschlichen zwischen Alltag, Schmerz und Liebe.

„What is it to be human? What is it to ache? What is it to be alive? … Each person you speak to has had a day, some of the days have been good, some bad … Each person you speak to has had a childhood, each has a body, each body has aches. … Look for what is special about each individual, focus on that.“

Was der Film dann bietet, sind Masken, Floskeln und hochgradig detailliert gestaltete Puppen. Floskeln und Worthülsen, die Standards der (Liebes-)Kommunikation, überdecken vermeintliche Möglichkeiten, ihr Gebrauch vereinheitlicht, nicht den Service, sondern das, was im Anderen gesehen werden kann. Vielleicht scheitert Michael Stone an der Verhaftung in seinen eigenen Büchern, dort ist kein Platz für „echte“ Individualität. Und so jagt Kaufman ihn – und die Zuschauer – durch lange Hotelflure in Cincinnati, lässt ihn sich durch abseitige Gassen schleppen, in der Hotelbar trinken und schickt ihn natürlich auch – beinahe schon ein Muss für einen heutigen Film, der sich als vielschichtig und intellektuell produziert – durch kafkaeske Keller und Türen mit labyrinthischen Strukturen.

Marionetten, Masken und japanisches Sexspielzeug

Anomalisa ist ein im Stop-Motion-Verfahren animierter Puppenfilm, dessen Figuren einem 3D-Printer entstammen. Und wie Nathanael in E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann lassen sich auch die Zuschauer in den Bann der lebendigen Puppen ziehen. Nur dass das Erwachen aus der Illusion nicht so furchtbar anmutet, schließlich wird im Film immer wieder auch ihre Materialität fast fühlbar in Szene gesetzt. Die Gesichter sind segmentiert, der untere Teil scheint abnehmbar, die Haut wirkt in Detailaufnahmen wie mit feinem Stoff bespannt. Was sich als pure Ästhetik ausnehmen kann, kann zugleich auch Schaudern und Schrecken auslösen und unterlegt den Film wiederum mit einer Doppelbödigkeit, mit der sich die Zuschauer zurechtfinden müssen. Dass die Figur Lisa in diesem Puppenfilm ihre maschinenhafte Doppelgängerin in einer antiken japanischen Sexpuppe aus Porzellan hat, ist hier vielleicht nur eine der vielen weiteren Skurrilitäten, denen Kaufman sein Publikum und auch seinen Michael Stone aussetzt.

Es gibt noch viele andere Ebenen und Strukturen im Film, die die Komplexität und wohlüberlegte Konstruiertheit von Charlie Kaufmans Anomalisa ausstellen, wie die Namen und der Soundtrack. Nach kurzen 90 Minuten bleibt dann aber doch die Frage, wieviel die Zuschauer „sehen“, wieviel ihnen „durchgeht“? Vielleicht ist Anomalisa ja wirklich „herzzerreißend“ und „[e]in Sieg der Fantasie“, wie es in den Blurbs des deutschsprachigen Trailers heißt? Und wie oft muss man diesen Film überhaupt sehen, um ihn erfassen zu können? Und reichen diese Ebenen mit ihren durchkomponierten Verschränkungen, um sich einen Film mit einer so jämmerlichen, in ihrer egozentrischen Beschränktheit auch nervtötenden Hauptfigur mehrfach anzusehen? Wenn das menschlich ist, will so manche/r vielleicht doch lieber eine Puppe sein.

Anomalisa (2015). Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson. Darsteller: David Thewlis, Jennifer Jason Leigh, Tom Noonan. Laufzeit: 90 Minuten. Seit dem 21. 01. im Kino.

 

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