Musikalische Geschichtsschreibung

"The Rest is Noise" im Rahmen der Ruhrtriennale am Theater Oberhausen Foto: Christoph Sebastian

„The Rest is Noise“ im Rahmen der Ruhrtriennale am Theater Oberhausen Foto: Christoph Sebastian

Das Theater Oberhausen lädt ein zur vierten Etappe der von Johan Simons im Rahmen der Ruhrtriennale inszenierten Lesereihe The Rest is Noise und verbindet in lockerem Ambiente das Ende der Zeit mit der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Ein Abend zwischen Vogelgezwitscher und radikaler E-Musik.

von KATJA PAPIOREK

Eine Reihe von Stehlampen verschafft heimelige Wohnzimmeratmosphäre auf der für die Vielzahl von Instrumenten fast schon zu klein wirkenden Bühne. Susanne Burkhard führt charmant als Alex Ross durch den Abend, während die übrigen Mitglieder des Oberhausener Ensembles in wechselnde Rollen schlüpfen. Die Bochumer Symphoniker übernehmen – wie in den vorangegangenen Etappen in Essen, Moers und Dortmund – die musikalische Begleitung des Abends (hier unterstützt von Sachiko Hara am Piano). Die vierte Station von The Rest is Noise, einer Kooperation der Ruhrtriennale mit den sechs großen Schauspielhäusern der Region, schlägt dabei einen Bogen von den 1940er Jahren bis hin zur musikalischen Avantgarde der 1960er und 1970er Jahre (Dramaturgie: Tilman Raabke und Cathrin Rose).

Respektvolles Schweigen

Der erste Teil des Abends stellt unter dem Titel Musik für das Ende der Zeit den französischen Komponisten Olivier Messiaen (Torsten Bauer) in den Fokus. Dieser war 60 Jahre lang als Organist an der Kirche La Trinité in Paris tätig, wo er durch seine Improvisationen immer wieder für Aufsehen und Unverständnis sorgte. 1940 geriet Messiaen in Kriegsgefangenschaft und komponierte im Stalag VIII A, das sich im Süden der Stadt Görlitz befand, das Quatuor pour la fin du Temps, das am 15. Januar 1941 im Lager uraufgeführt wurde. Die aus Alex Ross’ Buch ausgewählten Textpassagen kommentieren nicht nur Messiaens Erfahrungen im Lager und die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Stückes, sondern auch seine strengen Prinzipien als Kompositionslehrer – er unterrichtete unter anderem Pierre Boulez (Michael Witte), Karlheinz Stockhausen (Anja Schweitzer) und Iannis Xenakis (Moritz Peschke). Dass aus den Fragmenten ein einheitliches Bild des Komponisten und seiner Zeit entsteht, ist nicht zuletzt den an diesem Abend dargebotenen Auszügen aus dem Quatuor pour la fin du Temps (herausragend das Klarinettensolo Abîme des oiseaux von Andreas Weiß) zu verdanken.

"The Rest is Noise" im Rahmen der Ruhrtriennale am Theater Oberhausen Foto: Christoph Sebastian

„The Rest is Noise“ im Rahmen der Ruhrtriennale am Theater Oberhausen Foto: Christoph Sebastian

Neue Klangbereiche

Der zweite Teil des Abends widmet sich unter dem Motto Radikale Rekonstruktion der musikalischen Avantgarde um Pierre Boulez und – besonders ausführlich – John Cage (Anja Schweitzer). Tatsächlich scheint der Sprung von den strengen Harmonielehren Messiaens zur seriellen Musik, zu Experimenten mit Zufallsgeräuschen oder banalen und alltäglichen Ereignissen zunächst radikal. Allen Komponisten gemeinsam ist aber „die Sehnsucht nach unerhörten Geräuschen“. Die von den Schauspielern vorgetragenen Textauszüge werden unterhaltsam ergänzt durch eine Liveschaltung in die St.-Burchardi-Kirche in Halberstadt, wo seit dem 5. September 2001 Cages Organ²/ASLSP (as slow and soft as possible) aufgeführt wird, dessen Dauer auf 639 Jahre hochgerechnet wurde, sowie durch die Einspielung von Cages Auftritt in der Sendung I’ve got a secret aus dem Jahr 1960, wo er seinen Water Walk inszenierte. Letzterer hat – wie die Reaktionen des Oberhausener Publikums zeigen – an Radikalität und Unverständnis bis heute nicht verloren. Krönender Abschluss des Abends ist die Aufführung von Three² durch Mitglieder der Bochumer Symphoniker.

Auch bei der vierten Etappe der Lesereihe zu Alex Ross’ Bestseller The Rest is Noise gelingt es mühelos, die doch recht unterschiedlichen Komponisten und musikalischen Strömungen des 20. Jahrhunderts zueinander in Beziehung zu setzen. Die Textauszüge werden dabei so geschickt gewählt, dass kein Expertenwissen nötig ist, um die Entwicklungen nachzuvollziehen. Im Zusammenspiel mit den musikalischen Auszügen und den multimedialen Einschüben entsteht darüber hinaus ein ganz neuer Blickwinkel auf die historischen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts. Es bleibt spannend, wie es bei den folgenden Stationen weitergeht.

 

Informationen zur The Rest is Noise-Reihe
 
Weitere Lesungen:
17. März: Theater an der Ruhr
07. April: Schauspielhaus Bochum

 

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2 Gedanken zu „Musikalische Geschichtsschreibung

  1. Toller Bericht! Da bekommt man Lust, selbst zur nächsten Lesung hinzugehen. Leider wird dort wohl nur ein Avantgardepublikum sein, während viele andere über den „Lärm“ in Zukunft schimpfen werden und weiterhin nur Mozart und HÄndel hören… das ist schade.

  2. Pingback: “Die Zukunft ist heute, das Morgen ist jetzt” | literaturundfeuilleton

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