Sie sind entlassen, Krause

"Top Dogs" am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

„Top Dogs“ am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

Getreu dem Spielzeitmotto „Werte zählen“ feierte im Schauspiel Essen das Stück Top Dogs Premiere. Regisseur Christoph Roos kennt das Haus, inszenierte hier bereits erfolgreich Die Buddenbrooks, Michael Kohlhaas und Faust. Die amüsierende Managersatire bringt er kurzweilig, ohne viel Wesens, auf den Punkt.

von HELGE KREISKÖTHER

Obwohl erst 1996 in Zürich uraufgeführt und 1997 in Buchform veröffentlicht, ist das Stück Top Dogs des 2014 verstorbenen Schweizers Urs Widmer längst zum Klassiker des modernen Theaters geworden. Hier geht es nicht – wie im Theater seit Büchner, Gerhart Hauptmann & Co. üblich – um die „under dogs“, die einfachen Bürgersleute, welche mit ihrem Schicksal oder bösartig pervertierten Mitmenschen ringen, sondern titelgemäß um die „Spitzenhunde“, will sagen: Manager und andere Führungskräfte mit unvorstellbaren Nettoeinkommen. Über sie hat Urs Widmer diese wortgewandt-gewitzte und tief psychologische Parabel mit unterschwelligem Herzblut fürs Menschliche, Allzumenschliche geschrieben. Genauer gesagt über das Phänomen, dass jeder hinter seiner auf Hochglanz polierten Fassade die Fassung zu verlieren droht, wenn er plötzlich (meist ohne einen ersichtlichen Grund) seinen Job verliert, dies der Familie beibringen und auf Statussymbole verzichten muss. Sind unter der Sonne der Erwerbslosigkeit etwa doch alle gleich?
Die vorher einander weitestgehend fremden Unternehmensleiter – in der Essener Inszenierung zwei Frauen und fünf Männer – begegnen sich nach ihren Entlassungen in psychotherapeutischen Sitzungen, die ihre emotionale Verfassung stabilisieren und sie irgendwann wieder „marktfähig“ machen sollen. Dabei werden (nicht nur für das Publikum) belustigende Rollenspiele probiert, während denen die „Top Dogs“ sich beispielsweise in die Position des Chefs versetzen, der sie auf die Straße gesetzt hat, oder in diejenige der Ehefrau, die den arbeitslos-selbstgerechten Gatten daheim nicht mehr erträgt.

Business, das ist Krieg!

Christoph Roos verlagert das Setting in seiner Essener Version von der Schweiz nach Deutschland – angesichts der ohnehin ziemlich offenen, aus losen Bildfolgen bestehenden Textvorlage durchaus legitim. Die prominenten Unternehmen Lufthansa und Rheinmetall werden etwa genannt anstelle von z. B. Nestlé, Lindt und Sprüngli. Auf diese Weise wird auch gleichsam die Frage mit beantwortet, warum die Top Dogs am Grillo-Theater, abgesehen vom vagen Spielzeitmotto, inszenierenswert erscheinen. Stellenstreichungen bis in die höchsten Etagen sind auch im wirtschaftsstärksten EU-Land keine Seltenheit mehr.

Ein Bühnenbild bzw. eine Ausstattung ist kaum vorhanden (Bühne: Peter Scior; Kostüme: Anne Koltermann): Die Bühne zeigt sich einfarbig hellgrau, iPad-artig eingerahmt und mit flauschigem Teppichboden unterlegt, auf dem die „Top Dogs“ zwar mit Anzug und Krawatte, jedoch stets auf Socken agieren. Diese Kargheit bei gleichzeitig übertriebenem „Samt“ erzeugt keineswegs Langeweile – vielleicht hat der eine oder andere zumindest den Einsatz einer Drehbühne erwartet –, sondern spiegelt vielmehr die seelische Nacktheit jener wider, die üblicherweise an der Spitze der ökonomischen Pyramide zu stehen gewohnt sind. Als dekoratives oder eher performatives Element fungieren lediglich einige Gymnastikbälle. Auch die Musik (Markus Maria Jansen) hält sich konsequent hinter den Szenen zurück, dient ab und an als Intermezzo. Nur zum Schluss, als der weich geklopfte Michael Neuenschwander (überzeugend wandlungsfähig: Thomas Meczele) nach vorne tritt, um sich bei seiner Frau zu entschuldigen, wird der 1998 erschienene Emilia-Hit Big Big World angestimmt und zu einem zaghaften Chorgesang ausgeweitet.

"Top Dogs" am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

„Top Dogs“ am Schauspiel Essen Foto: Martin Kaufhold

Einmal das Fell eines Gorillas kraulen …

Insgesamt agiert das Essener Ensemble über eineinhalb Stunden mehr als souverän und hat sichtlich Spaß an den kaputten Charakteren, die zwischen Anerkennungssucht, Beratungsresistenz und mitunter heftigen Emotionsausbrüchen pendeln. Besonders die Figur des völlig selbstwertlosen Heinrich Krause gestaltet Axel Holst zu einem räuspernden Hypochonder mit feinsten Entertainment-Qualitäten. Auch Thomas Büchel läuft als Dodo Deer zu Hochformen auf, fantasiert sich etwa in eine leidenschaftliche Gorilla-Idylle. Nicht über den Wolken, sondern als Tierpfleger, denkt sich der ehemalige Airport-Cateringservice-Vorstand, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Sven Seeburg mimt Hanspeter Müller mit gestischen Anspielungen zwischen Napoleon und Angela Merkel. So wurde der relativ simple Plot sogar um etwaige dramaturgische Raffinessen (Dramaturgie: Jana Zipse) bereichert. Warum Krause aber den Rotes-Kreuz-Gründer Henry Dunant in die napoleonischen Kriege einsortiert, sei dahingestellt – vielleicht eine absichtliche Entscheidung, um das historische Halbwissen der Figur(en) zu illustrieren.

Die Essener TopDogs-Inszenierung endet mit einer grüngeträumten Utopie, in der jeder seine Stärken frei entfalten und getrost auf Diskriminierungen verzichten kann. Frau Jenkins (Silvia Weiskopf) hat es als Erste geschafft, in die Berufswelt zurückzukehren – obgleich sie ihre neue Vorstandsposition nun an der süd-nordkoreanischen Grenze antritt. Wäre insgesamt nicht dieser humoristische Beigeschmack, käme das Stück an eine Glaubwürdigkeitsgrenze. Wenn sich die Beteiligten aber – ohne moralischen Zeigefinger – von Ekelpaketen über elendige Leidensgenossen zu teilnahmsvollen Wesen aus Fleisch und Blut entwickeln und sogar die Respektlosigkeiten gegenüber den Ehepartnern zu bereuen scheinen, gelingt die Essener Fassung rundum zu einem urkomischen und zeitgleich glaubwürdigen Abend mit Yasmina-Reza-Potenzial. In Zeiten, in denen Neben-, Mini- oder Midi-Jobs anstelle von fair bezahlten Vollzeitstellen aus dem Boden sprießen, der Burnout zur inoffiziellen Volkskrankheit erklärt wird und die Korruption der FIFA-Funktionäre zum Himmel stinkt, wirken die Top Dogs selbsterklärend aktuell.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, der 02. März
Samstag, der 05. März
Freitag, der 18. März

 

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2 Gedanken zu „Sie sind entlassen, Krause

  1. Hatte „Top Dogs“ vor Jahren am Staatstheater Nürnberg gesehen. Allerdings habe ich in dem Stück keine Komik bemerkt, sondern nur den bitteren Ernst der ARbeitslosigkeit – und natürlich, wie richtig erwähnt wird, die gleichzeitige Selbstüberschätzung der TopManager die gar nicht glauben können, dass man so tolle Leute wie sie entlassen kann. Wäre spannend, die hier genannte Inszenierung zu sehen.

    • Vielen Dank für die Rückmeldung 🙂
      Die zugrundeliegende Thematik ist selbstredend bitter ernst. Dennoch versteht es Urs Widmer, durch aberwitzige Berichte oder Gleichnisse, eine gehörige Portion Komik mit hereinzubringen (als Beispiel sei nur die Bergsteige-Tour mit dem Chef genannt, der dann stürzt und sich im Flug von seiner Nase trennt). Auch die von mir so bezeichnete „Gorilla-Idylle“ oder Krauses „Geh-Unterricht“ strapazieren die Lachmuskeln.
      Ein Besuch der Essener Inszenierung lohnt sich allemal!

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