„Hier wird es bald krachen…“

Rafik Schami: Sophia // Quelle: Hanser

Mit Sophia oder Der Anfang aller Geschichten schafft Rafik Schami nicht nur einen Roman über die alles überwindende Kraft der Hoffnung und der Liebe, sondern gibt auch einen Einblick in das Leben und das Denken der Damaszener kurz vor Beginn des Bürgerkriegs in Syrien.

von ESRA CANPALAT

Der Anfang aller Geschichten, so wie der Romantitel bereits verrät, liegt in der Christin Sophia, die sich in den 1950er Jahren in Karim verliebt. Weil eine Heirat mit dem Muslim zu einem familiären Konflikt führen würde, heiratet sie stattdessen den reichen Christen Jusuf Baladi. Karim ist zutiefst verletzt, doch er muss, nachdem er zu Unrecht unter Mordverdacht gerät, Sophias Hilfe in Anspruch nehmen. Was die beiden von nun an verbindet, ist Karims Versprechen, ihr beizustehen, wann immer sie seine Hilfe benötigt. Dieses Versprechen muss Karim viele Jahre später einlösen. Sophias Sohn Salman, der aufgrund seiner Tätigkeiten im politischen Untergrund in den 1970er Jahren nach Deutschland emigrieren musste und nun in Rom glücklich und in Wohlstand mit seiner Familie lebt, beschließt vor lauter Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Damaskus kurz vor Weihnachten 2010 nach Syrien zu reisen. Doch dort gerät Salman in einen Hinterhalt, aus dem ihm nur Karim helfen kann.

Warum gibt es keinen guten arabischen Krimi?

Die Geschichte, die abwechselnd aus der Perspektive der verschiedenen Figuren teilweise rückblickend erzählt wird – neben Sophia, Karim und Salman sind das Aida, Karims resolute und selbstbewusste Geliebte, und Salmans Ehefrau Stella in Rom –, entpuppt sich also auch als Kriminalroman. Ironischerweise wird das Genre des Krimis von den Figuren im Roman angesprochen: Bei einer Feierlichkeit anlässlich der Rückkehr des verlorenen Sohnes Salman diskutieren sie darüber, warum es keinen guten arabischen Krimi gibt, während aus nordischen Ländern ein Krimibestseller nach dem anderen kommt. Für Salman ist die Sache eindeutig: „Ich denke, kein Araber kann sich vorstellen, dass ein Kommissar, so ehrenhaft und klug und pflichtbewusst er auch sein mag, die Fragen stellen darf, die einen Mord aufklären. […] Weil die Untersuchung eines Mordes im Leben wie im Roman eine Art Freiheit verlangt, die in keinem arabischen Land existiert.“ Diese Erkenntnis muss Salman sehr bald am eigenen Leib erfahren, als auch er, genau wie Karim, zu Unrecht eines Mordes beschuldigt wird.

Salman wird während seiner Flucht vor dem Geheimdienst Zeuge dieser Unfreiheit und der Angst, die die Syrer so sehr lähmt, dass sie es nicht wagen, sich kritisch über das Assad-Regime zu äußern. Sein Freund will ihn nicht aufnehmen, weil er als Homosexueller sowieso ein Dorn im Auge des Geheimdienstes ist. Seine Ex-Geliebte schickt ihn weg, weil sie unter dem Schutz eines einflussreichen Offiziers steht. Sogar bei seinem alten Guerillero-Freund findet er keinen Unterschlupf, weil dieser aufgrund der Foltererfahrung nur noch von Hass getrieben wird: „Ja, du fliehst, aber was wird aus uns zwanzig Millionen? Wohin sollen wir flüchten?“ – eine Frage, die angesichts der Flüchtlingskrise aktueller nicht sein kann.

Die schönen und hässlichen Seiten von Damaskus

Schami erzählt von den schönen Seiten seiner Heimatstadt Damaskus, den alten Straßen, den Gewürzmärkten, der Multikulturalität und der Gastfreundschaft der Damaszener, die Salman im Exil so sehr vermisst hat. Gleichzeitig zeigt er das hässliche Gesicht eines zutiefst verängstigten und unfreien Volkes. Dazu kommt der religiöse Fanatismus, der die Menschen spaltet: So zerreißen sich die Nachbarn das Maul über Karim und Aida, die in wilder Ehe zusammenleben. Doch ist es gerade ihre Liebe und ihre Freundschaft, die Salman die nötige Kraft und Hoffnung geben, diese schwere Zeit zu überstehen. Der Botschaft von Sophia, dass nur die Liebe Leben retten kann, kann der Leser nur beipflichten. Etwas wehmütig wird man aber schon, wenn man sich die ausweglos erscheinende Krise in Syrien ins Bewusstsein ruft. All die prachtvollen Damaszener Bauten und Straßen, von denen Salman schwärmt, liegen wahrscheinlich nun in Schutt und Asche. Salmans Reise nach Syrien fällt in die Zeit kurz vor Beginn des Arabischen Frühlings 2011. „Hier wird es bald krachen, dass kein Stein auf dem anderen bleibt“, prophezeit ein Freund von Karim – er wird leider Recht behalten.

Mit Sophia ist Schami ein spannender Liebesroman gelungen, dessen märchenhafter und äußerst witziger Sprachstil den Leser in seinen Bann zieht. Zuweilen gerät Schami mit seinen Beschreibungen von Liebesakten jedoch arg ins Kitschige und auch die Verwendung von sexistischen Allgemeinplätzen wie „Männer sind so“ und die teilweise doch sehr klischeebeladene Darstellung von Frauen und ihren Handlungsmotiven wird bei genderkritischen LeserInnen für Stirnrunzeln sorgen. Trotz allem ist Schamis neuer Roman gerade in diesen Zeiten von Hass und Intoleranz empfehlenswert, weil er uns lehrt: „Hass ist giftig. […] Du solltest dich über seine Niederungen erheben und das Ganze von oben anschauen, gelassen wie ein guter Geist.“ Diesen Tipp sollten so einige Menschen dieser Tage beherzigen.

Rafik Schami: Sophia oder Der Anfang aller Geschichten
Hanser, 480 Seiten
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 978-3-446-24941-7

 

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