Alltag statt Rollschuhe – ein fast normales Musical in Dortmund

"Next to Normal" am Opernhaus Dortmund Foto: Björn Hickmann

„Next to Normal“ am Opernhaus Dortmund Foto: Björn Hickmann

Das Dortmunder Opernhaus traut sich etwas! Mit Next to Normal – Fast normal steht nun ein mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnetes Musical auf dem Spielplan, das aufgrund seines Themas schnell am Publikum vorbei singen könnte. Wie macht man der durchschnittlichen Musicalzielgruppe schon ein Stück über eine dysfunktionale Allerweltsfamilie mit depressiver Mutter schmackhaft, das eher rockig daher kommt und nicht zum munteren Mitsingen einlädt? Next to Normal könnte von fröhlichen My fair Lady-Erwartungen kaum weiter entfernt sein, ist aber dennoch (oder gerade deswegen) unbedingt sehenswert.

von STEFAN KLEIN

Musicals sind bunt, schrill und laut. Im Idealfall fahren Leute auf Rollschuhen oder haben hautenge oder alternativ übergroße Tierkostüme an. Davon könnte man jedenfalls ausgehen, betrachtet man die in Deutschland kommerziell erfolgreichen Vertreter des gern belächelten Genres. In Bochum drehen nun seit 28 Jahren Eisenbahnen ihre Runden in gut ausgelasteten Vorstellungen, und Karten für den König der Löwen in Hamburg zu bekommen, ist schon seit 15 Jahren oft schwierig, in jedem Fall kostspielig.

Betrachtet man jedoch die Geschichte des Musicals, stellt man fest, dass es nicht immer die seichten Geschichten um Liebe oder Freundschaft sind, die das populäre Musicaltheater bearbeitet: Show Boat von 1927 behandelt ethnische Konflikte in einem selbstreflexiven Blick hinter die Theaterkulissen; Rent von 1996 dreht sich um eine Gruppe moderner Bohemiens, die mit Homosexualität, HIV und Kapitalismus zu kämpfen haben. In diese noch um zahlreiche Stücke zu ergänzende Beispielliste reiht sich nun Tom Kitts und Brian Yorkeys Next to Normal – Fast Normal nahtlos ein und sticht am Opernhaus Dortmund doch hervor.

Diana (Maya Hakvoort) lebt seit 16 Jahren mit einer bipolaren Störung. Ihre Krankheit trübt das nur auf den ersten Blick perfekte Vorstadtleben der Familie Goodman. Dianas Mann Dan (Rob Fowler) fährt sie von einem Arzt zum anderen (zwei davon gespielt von Jörg Neubauer), und die begabte Tochter Natalie (Eve Rades) scheint sich mit der Situation arrangiert zu haben. Eine besondere Beziehung hat Diana zu ihrem Sohn (Johannes Huth), der sie bedingungslos unterstützt. Doch da Diana infolge der medikamentösen Behandlung aufhört, sich selbst oder ihre Emotionen zu spüren, setzt sie den starken Pillencocktail eigenmächtig ab und die Situation gerät völlig aus den Fugen.

Facettenreiches Schauspiel

Stefan Huber versammelt unter seiner sehr personenbezogenen Regie ein Musicalensemble aus namhaften Darstellern und jungen Akteuren, die durchaus die Chance haben, ebenfalls groß Karriere zu machen. Maya Hakvoort bewies schon in ihrem jahrelangen Engagement als Titelfigur des Musicals Elisabeth ihr Talent für große Frauenfiguren. Mit der Rolle der Diana setzt die niederländische Musicaldarstellerin jedoch noch einen drauf. Der Wechsel zwischen Euphorie und Traurigkeit, zwischen Wut und Verzweiflung, Liebe und Freude gelingt ihr spielerisch im Minutentakt und bleibt durchgehend glaubwürdig.

Als transsexueller Alien-Gigolo könnte Rob Fowler dem ein oder anderen schon über den Weg gelaufen sein. Er spielte zwischen 2008 und 2015 den Frank’n Furter in erfolgreichen Europatourneen der Rocky Horror Show. Als sich sorgender Ehemann Dan, der mehr mit der Krankheit seiner Frau zu kämpfen hat, als er zuerst zugeben mag, zeigt der Brite, dass er nicht nur ein guter Sänger, sondern auch ein überzeugender Charakterdarsteller ist. Ihm gehört mit dem Lied Er ist fort einer der emotionalsten Momente des Stückes.

Die größte Überraschung ist mit Sicherheit Jörg Neubauer in seiner Doppelrolle als Dr. Fine und Dr. Madden. Während er als Dr. Fine einen der wenigen wirklich komischen Momente präsentiert, zeigt er als Dr. Madden, welch exzellente Stimme in ihm steckt.

Die Riege der jungen Schauspieler führt Johannes Huth an. Sein filigranes Spiel und sicherer Gesang geben dem Sohn der Familie Goodman eine gewisse mystische Ausstrahlung, die der Rolle gut tut. Mit seiner Leistung in Dortmund empfiehlt sich der junge Tenor für noch größere Rollen. Eve Rades zeigt eine Natalie, die versucht, das große Problem der kranken Mutter zu bewältigen und dabei die kleinen Probleme eines Teenagers nicht mehr lösen kann. Ihre Interpretation der Figur ist deutlich weniger klischee-pubertär als andere Inszenierungen des Stückes es hätten befürchten lassen.

Etwas heraus fällt Dustin Smailes als Natalies neuer Freund Henry. Er hat jedoch auch die undankbarste Rolle des Stückes: Seine Figur ist die einzige ohne wirkliche emotionale Entwicklung und in seinen Gesangsparts ist es schwer zu glänzen.

"Next to Normal" am Opernhaus Dortmund Foto: Björn Hickmann

„Next to Normal“ am Opernhaus Dortmund Foto: Björn Hickmann

Vergleiche sollte man vermeiden

Die Band unter der Leitung von Kai Tietje spielt motiviert und durchgehend auf der Bühne sichtbar Tom Kitts modernen Musical-Score, der jedoch nicht jedem Premierenbesucher gefallen zu haben scheint. Nach der Pause kommen nicht alle Zuschauer zurück auf ihre Plätze. Woran mag das liegen? Sicherlich weder an den Darstellern noch an der feinen Regiearbeit Stefan Hubers. Auch das Bühnenbild (Timo Dentler und Okarina Peter) mit seinem einfachen Aufriss eines Wohnhauses, das mehr Komplexität und Wandelbarkeit zeigt als zuerst angenommen, wird nicht schuld sein. Eventuell liegt es an der schon angesprochenen Erwartungshaltung. Next to Normal – Fast normal thematisiert Liebe, jedoch nicht so tragisch-romantisch wie in der West Side Story, und verfügt über eingängige Musik, die jedoch nicht so schnell ins Ohr kriecht wie die eines Andrew Lloyd Webbers. Es wird sogar getanzt! Choreograf Danny Costello lässt zwar keine 42nd-Street-Stepptanz-Truppe über die Bühne hüpfen, setzt jedoch kleine, aber sehr effektive Akzente. Susanne Hubrichs Kostüme sind auch nicht so opulent wie die Tier-Kostüme im König der Löwen oder ausladend wie im Phantom der Oper. Sie kleidet ihre Figuren jedoch allesamt schlüssig, niemand wirkt all zu verkleidet.

Um Verkleidung geht es nämlich nicht in Next to Normal. Das Musical zeigt uns eine ganz normale Familie mit fast ganz normalen Problemen. Die Goodmans haben es schon wirklich schwer getroffen mit der stark ausgeprägten Krankheit der Mutter und den damit einhergehenden Problemen für die gesamte Familie. Aber ist das wirklich so ungewöhnlich? Laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) leiden mindestens 1 bis 2 Millionen Menschen in Deutschland unter manischen Depressionen. Es ist eine Krankheit, die jeden treffen kann und deren Präsenz in der Öffentlichkeit gerade erst beginnt, wahrgenommen zu werden. Genau deshalb ist Next to Normal – Fast normal ein so wichtiges Musical. Es zeigt uns eine Geschichte, die, so oder so ähnlich, überall in Deutschland und der Welt passieren könnte. In Dortmund hat man nun die Chance, mithilfe eines talentierten Schauspielstabs, unter ehrlicher Regie und mit hochwertiger Musik einen Einblick in diese Welt zu bekommen. Man sollte nur vorher versuchen zu vergessen, dass man sich ein Musical ansehen wird.

 

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
 
Freitag, der 11. März
Donnerstag, der 17. März
Samstag, der 02. April

 

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4 Gedanken zu „Alltag statt Rollschuhe – ein fast normales Musical in Dortmund

  1. Vergleiche sollte man vermeiden?
    Vergleiche sollte man sehr wohl anstellen, beispielsweise mit der Inszenierung in Fürth und einigen der Darsteller, die dort auf der Bühne standen.
    Erst dann wird einem bewusst, wie viel Luft nach oben die Dortmunder Aufführung noch hat

  2. Ich habe das Broadway-Stück gesehen und war von Anfang an schwer begeistert. Sich auf die deutsche Fassung umzustellen, fällt mir nicht leicht und deshalb habe ich auch mit der Fürther Version meine Schwierigkeiten. Das ist aber normal, wenn man bereits einen geliebten Favouriten hat und deshalb werde ich auch Dortmund eine faire Chance geben. Ich finde es unglaublich toll, dass N2N jetzt auch in NRW gespielt wird und ich die Möglichkeit habe, diese Geschichte einmal live zu erleben. Denn dieses Musical lebt von seinem hervorragenden Buch und die Dortmunder Darsteller wirken zumindst sympathisch. Ich freue mich zumindest schon sehr darauf!

  3. Pingback: Boulevard der Dämmerung in teilweise unvorteilhaftem Licht | literaturundfeuilleton

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