Das Nibelungen-Einmaleins

"Die Nibelungen" am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sebastian Hoppe

„Die Nibelungen“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sebastian Hoppe

Nach Ferdinand von Schirachs Publikumsliebling Terror inszeniert Kurt Josef Schildknecht am Düsseldorfer Schauspielhaus nun Hebbels Nibelungen-Adaption. Eine kraftvolle, leider aber allzu gewöhnliche Darbietung vermag die Frage nach der Sinnhaftigkeit des „germanischen Heldenstoffs“ nur unzureichend zu beantworten.

von HELGE KREISKÖTHER

Sonderlich sympathisch ist wohl keine der Figuren aus dem Nibelungenlied – weder der nichtsnutzige König Gunther, die rasend eifersüchtigen Frauen Kriemhild und Brunhild noch der hinterlistige Hagen von Tronje, geschweige denn der selbstverliebte Drachentöter Siegfried himself. Am Ende des blutigen Sagengemetzels sind ohnehin fast alle Beteiligten tot und legen somit ein Exempel ab von der deutschesten aller deutschen Tugenden: dem Verrat. Uneinigkeit, Eifersucht und überschätzter Heldenmut prägen den erstmals um 1200 auf Mittelhochdeutsch festgehaltenen Stoff. Dem realistischen Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel (1813-1863) – allenfalls bekannt für seine Trauerspiele Agnes Bernauer oder Maria Magdalena – kommt das Verdienst zu, diese sperrige Textvorlage in versische Theaterform gebracht zu haben. Etwa zehn Jahre brauchte er dafür, 1861 kam es schließlich zur Uraufführung in Weimar. Zwar existieren auch andere literarische Adaptionen des mythischen Textes (z. B. von Gustav Schalk aus den Jahren 1890/91 oder von Moritz Rinke von 2007), Hebbels Version ist heutzutage aber mit Abstand die gebräuchlichste auf den deutschsprachigen Bühnen.

Während Stücke wie Kleists Hermannsschlacht (1808), die in ihrem historischen Entstehungsumfeld betrachtet werden müssen, noch immer völlig zu Unrecht als „nationalistische Machwerke“ verpönt sind, obwohl sie ungeheure Deutungs- und Diskussionsfreiheit mit sich bringen, werden die Nibelungen in Zeiten von Pegida, AfD & Co. auffällig oft inszeniert. Vielleicht ist es gerade die Suche nach einer deutschen Identität, nach dem, was dieses widersprüchliche Volk „im Innersten zusammenhält“. Die pure psychologische Tragödientiefe eines Shakespeare lässt der Stoff bzw. das Stück jedenfalls vermissen.

„Erlogen ist die Liebe, und nur der Hass ist echt“ …

… heißt es in Hagens Sterbelied von Felix Dahn, das dem Programmheft beigegeben ist. Die Zeile fasst die wütenden Kräfte und rachegetriebenen Charaktere des Stücks gut zusammen. Was an der Düsseldorfer Inszenierung deutlich zu loben ist, sind vor allem die Kulisse (Bühnenbild: Dieter Richter), die Requisiten und Kostüme (Renate Schmitzer). Die erstere zeigt sich durchweg eisern – von der großen Wand über die lange Tafel samt Bestuhlung bis hin zu den Feuerschalen. Dieses mittelalterlich „Metallene“, was uns im heutigen Plastikzeitalter zwangsläufig an heroische Rittergestalten erinnert, passt zu den reichhaltigen wie omnipräsenten Waffen der Burgunder. Im Übrigen sind alle Beteiligten tief dunkel um die Augen geschminkt, was hervorragend mit den Schatten korreliert, die bedrohlich über dem Königreich heraufziehen.

Zu schauspielerischer Höchstleistung laufen in den Nibelungen vor allem drei Ensemblemitglieder auf: Jakob Schneider als schwächlicher, von allen bedrängter König Gunther; Moritz Führmann als verabscheuungswürdig gewiefter, gegen jedermann argwöhnischer Hagen von Tronje; und zuletzt, doch nicht zuletzt Marianne Hoika als betagt-renitente Königsmutter Ute. Heisam Abbas mimt den Siegfried voller Elan und Glaubwürdigkeit, wirkt alles in allem jedoch etwas zu lässig, zu agil für den Urtypus des „muskelbepackten Drachentöters“ – vielleicht eine Gewohnheitsfrage. Als Jammer erscheint fernerhin, dass die Figur der Isenland-Königin Brunhilde (Penthesilea-artig: Hanna Werth) durch die entsprechenden Kürzungen der Düsseldorfer Textfassung (Dietrich W. Hilsdorf und Oliver Held) viel zu kurz kommt, während der eigentlich bedeutungslose Spielmann Volker (Moritz von Treuenfels) nicht bloß das notwendige komödiantische Salz zur düsteren Tragödiensuppe beisteuert, sondern mit übertriebenem Geschrei und inflationären Anekdoten den noch notwendigeren Pathos zu häufig aufbricht.

"Die Nibelungen" am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sebastian Hoppe

„Die Nibelungen“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sebastian Hoppe

Die Enttäuschung kommt, sobald das Reich vergeht

Was sich über die erste Hälfte souverän aufbaut und Steigerungspotential verspricht, enttäuscht in der zweiten jedoch stetig und gegen Ende vollends. Wenn die erwähnte Wand einen Einsamkeit verheißenden Wellenhorizont präsentiert, sich abermals moderat modernistische Geigenmusik verströmt, alle erhaben zu Tische sitzen und sich das Tor mit den Worten „Der König – die Königin“ öffnet, ist das nur ein bedauernswertes Beispiel für die konventionelle Einfallslosigkeit des Schildknecht’schen Nibelungen-Abends. Die letzten zehn bis fünfzehn Minuten steigern sich letztlich in einen derartig gewollt-heftigen Blut-, Geschrei- und Drehbühnen-Exzess, dass man sich beinah fehl am Platze vorkommt – von der Frage, was dezente Video-Einspieler (Video: Tim Deckers) aus dem Irakkrieg o. ä. mit den Nibelungen zu tun haben, einmal völlig abgesehen.

Wer also, um ein Fazit zu formulieren, eine dramaturgisch bewundernswert gestraffte Nibelungen-Version erleben oder sich an atmosphärisch hergerichteten Darstellern erfreuen möchte, dem sei ein Besuch der Düsseldorfer Inszenierung empfohlen. Zumal dieselbige mit zwei vollen Stunden weniger auskommt als Roger Vontobels Bochumer Mammut-Pendant, das am 6. März fürs Erste auslief. Wer allerdings ohnehin mit dem Stoff hadert und sich fragt „Wozu das Ganze?“, wird mit der Version Kurt Josef Schildknechts abermals enttäuscht werden.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Freitag, der 18. März
Freitag, der 25. März
Donnerstag, der 31. März

 

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