„Die Zukunft ist heute, das Morgen ist jetzt“

"The Rest is Noise" am Schauspielhaus Bochum im Rahmen der Ruhrtriennale Foto: Christoph Sebastian

„The Rest is Noise“ am Schauspielhaus Bochum im Rahmen der Ruhrtriennale Foto: Christoph Sebastian

Die letzte Etappe der Lesereihe von Alex Rossʼ Buch The Rest is Noise im Rahmen der Ruhrtriennale führt uns ans Schauspielhaus Bochum. Das Konzept ist inzwischen bekannt: Seit November 2015 wird einmal im Monat der Verlauf des 20. Jahrhunderts anhand musikalischer Klassik-Strömungen durchleuchtet, untermalt und unterhaltsam erklärt. Auch die sechste Station gestaltet sich unter der Regie von Triennale-Intendant Johan Simons kurzweilig und führt das Publikum an Musik heran, die für ein Verdi-verwöhntes Ohr erstmal ungewohnt ist.

von ANNIKA MEYER

Wie schon bei den letzten Lesungen in Essen, Moers, DortmundOberhausen und Mülheim an der Ruhr sind die ersten Sitzreihen gemütlichen, zusammengewürfelten Sesseln und kleinen Tischen mit alten Lampen gewichen und sorgen damit für eine heimelige Atmosphäre. Auch auf der Bühne gibt es urige Stehlampen, zusätzlich zieren ein Flügel, ein Trommelset und einige Stühle den sonst kargen, schwarzen Raum. Vorne an der Rampe nimmt das Bochumer Ensemblemitglied Michael Kamp als Alex Ross auf einem Drehstuhl Platz und leitet durch den Abend. In knapp 150 Minuten lernen wir nun u. a. die Komponisten Hans Werner Henze (Bernd Rademacher), Karlheinz Stockhausen (Bettina Engelhardt), Iannis Xenakis (Daniel Stock), Helmut Lachenmann (Marco Massafra), Tōru Takemitsu (Nils Kreutinger) und Olga Neuwirth (Therese Dörr) und ihre jeweilige Musik kennen. Mal ist Alex Ross ihr Interviewpartner, mal erlebt man von ihm erzählte Begegnungen und Zusammenarbeiten, u. a. von Henze mit Ingeborg Bachmann (Therese Dörr) oder von Neuwirth mit Elfriede Jelinek (Bettina Engelhardt). Anhand der verschiedenen Lebensläufe werden nun historische Vorgänge offengelegt: So wird beispielsweise berichtet, wie Rudi Dutschke 1968 nach einem Attentatsversuch bei Henze in Marino (Italien) wieder zu Kräften kommt, und Neuwirth klagt in einer politischen Rede vor der Wiener Staatsoper im Jahr 2000 die fehlende staatliche Unterstützung durch die Abschaffung des Kunstministeriums an – „Ich will mich nicht wegjodeln lassen“ – und schildert die Probleme, als Frau in einer Männerdomäne tätig zu sein.

"The Rest is Noise" am Schauspielhaus Bochum im Rahmen der Ruhrtriennale Foto: Christoph Sebastian

„The Rest is Noise“ am Schauspielhaus Bochum im Rahmen der Ruhrtriennale Foto: Christoph Sebastian

Ungewöhnliche Hörerlebnisse

Anders als z. B. in Dortmund liegt der Fokus in Bochum stärker auf den Biografien und den musikalischen Eigenheiten der einzelnen Komponisten als auf dem Zeitgefühl und historischen Ereignissen ab 1950. Doch die detaillierten und dennoch zugänglichen musiktheoretischen Exkurse sind notwendig: Hervorragend umgesetzt, sind die musikalischen Ausschnitte von Henzes Three Auden Songs (1983, vorgetragen von Sachiko Hara am Flügel und dem Tenor Emilio Pons), Stockhausens Klavierstück IX (1961, präsentiert von Sachiko Hara) und Neuwirths Nova/Minraud (1998, wiedergegeben von der Sopranistin Angelika Lutz) trotzdem sehr ungewohnt für das an Tonalität und „schönen Gesang“ gewöhnte Gehör unserer Tage. Die Darbietung des Bochumer-Symphoniker-Percussionisten Diego Aldonza Crespo von Xenakisʼ Rebonds a und b dringt hingegen sofort ins Rhythmuszentrum des Körpers und sorgt für Begeisterungsstürme im gut besuchten Schauspielhaus.

Obwohl an diesem Abend biografische Elemente und theoretische Aussagen der Komponisten zur Bedeutung der (eigenen) Musik den Schwerpunkt bilden, gestaltet sich die Lesung sehr vielseitig, unterhaltsam und leicht zugänglich – nicht zuletzt durch die gelungene Lesefassung von Rossʼ Buch (Dramaturgie der Bochumer Etappe: Annelie Mattheis und Vasco Boenisch) mit schönen Übergängen von Text und Musik, von Musiktheorie und erzählten Anekdoten sowie durch die durchweg gewandte Performance der Bochumer Ensemblemitglieder. Sie alle haben sichtlich Freude an den knackigen Äußerungen ihrer Figuren (z. B. Lachenmanns Wunsch für seine eigene Grabstein-Inschrift: „Er komponierte umständlich, jetzt ist er stumm – endlich“) und zeigen durch ihre differenzierten Vortragsarten ein schönes Repertoire an historischen Zeitzeugen. Besonders Daniel Stock als SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach hat mit seinen souverän vorgetragenen Verrissen, u. a. von Lachenmanns Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, viele Schmunzler auf seiner Seite.

Ende und Anfang

Insgesamt bietet die letzte Etappe in Bochum einen stimmigen Abschluss einer aufschlussreichen, mitreißenden Lesereise. Das 20. Jahrhundert wurde in all seiner Vielfalt, Widersprüchlichkeit, Repression und Aufbruchsstimmung und durch eine facettenreiche Auswahl an zeitgenössischer Musik (musikalische Konzeption: Carl Oesterhelt) präsentiert. Manch ungewohnter, futuristisch anmutender Ton mag nicht jedem gemundet haben, die kluge Bochumer Darbietung wurde dennoch völlig zu Recht mit wärmstem Applaus belohnt. Wir dürfen also gespannt sein auf weitere Projekte und Kooperationen, die Johan Simons bis 2017 als Intendant der Ruhrtriennale und ab 2018 als Intendant des Bochumer Schauspielhauses für uns bereithält.

 

Informationen zur The Rest is Noise-Reihe

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