„Alle starben, auf einen Schlag“

Kamel Daoud: Der Fall Meursault. // Quelle: Kiepenheuer und Witsch

Mit Der Fall Meursault: Eine Gegendarstellung hat Kamel Daoud einen wichtigen Hypertext zu Albert Camus geschaffen, der durchaus eine Gegendarstellung ist, wenn auch vielleicht anders als es zunächst den Anschein hat.

von LARS BANHOLD

Es ist ein Dorn im Fleisch vieler Camusianer. Albert Camus, der große Absurdist aus ärmlichsten Verhältnissen, im kolonialen Algerien groß geworden, der Kämpfer der Résistance, der mit Der Mensch in der Revolte ein Pamphlet der Brüderlichkeit hinterlassen hat, der dem kalten Europa das mittelmeerische Denken entgegensetzte, der sich posthum als moralischer Sieger gegen Sartre behaupten konnte; dieser Albert Camus war, so scheint es, seinen arabischen Mitbürgern gegenüber erschreckend gleichgültig. Schwer lastet das auch auf seinem berühmtesten Roman Der Fremde. Über dessen Opfer erfährt man bekanntermaßen nichts, er ist „nur“ ein Araber.

Mit Der Fall Meursault gibt Kamel Daoud diesem Araber nun nicht, wie es die Werbung des Verlags behauptet, ein Gesicht, aber dafür aber einen assonierend an seinen Mörder erinnernden Namen: „Massou“. Der Roman ist aber eben nicht die Geschichte Massous, über den der Leser auch hier nur wenig erfährt. Es ist die Geschichte seines Bruders Hanoun, der im Schatten Massous, Meursaults und des berühmten Buches über einen Mord am Strand lebt. Auch ist Der Fall Meursault keine wirkliche Gegendarstellung dieses Mordes. Wie dieser nun genau vonstattenging, ob Massou tatsächlich eine Bedrohung für Meursault darstellte oder er nur zu einer ungünstigen Tageszeit am falschen Strand war, bleibt auch für seinen Bruder ungeklärt. Tatsächlich kann man sogar bezweifeln, ob es wirklich Massou war, den Meursault am Strand erschoss, und ob das überhaupt einen Unterschied macht. Das Verbrechen Meursaults, dessen mangelnder Sinn durch den folgenden Strafprozess nur gesteigert wurde, konfrontiert den jungen Hanoun so oder so mit der Absurdität des Seins und macht ihn zum dunklen Doppelgänger Camus’.

Der Anti-Camus

Dabei erscheinen die Leben der beiden als Antithesen: Camus’ erhaben schweigender Mutter, deren vermeintlichem Autismus er zeitlebens eine heroische Weisheit zuschrieb, steht Hanouns despotisch leidende, ununterbrochen redende M’ma gegenüber. Während Camus in der Résistance kämpfte, lässt Hanoun der Unabhängigkeitskrieg Algeriens völlig kalt. Der Strand, an dem Camus euphorisch die schönsten Stunden seines Lebens verbrachte, ist nach Massous Tod für Hanoun ein lebensfeindlicher, beängstigender Ort. Fußball, andere Kinder und Jugendliche, die Schule – für Camus Lichtblicke in der ansonsten armseligen Kindheit – sind für Hanoun fremd und unangenehm. Stattdessen lobt er die Stadt Oran, die für ihn ein himmlisches Refugium ist, während Camus sie in Die Pest als menschen- und lustfeindliche Händlerstadt darstellt.

Hier in Oran sitzt der alte Hanoun in den letzten noch existierenden Bars, betrinkt sich und erzählt einem namenlosen Adressaten aus seinem Leben. Auch wenn der erste Satz, „M’ma lebt – immer noch“, an den berühmten ersten Satz aus Der Fremde erinnert, ist die Erzählsituation Camus’ drittem Roman, Der Fall, nachempfunden – worauf der deutsche Titel verweist. Dessen ausschweifendem Erzähler, dem „Bußrichter“ Jean-Baptiste Clamence, ist Hanoun näher als Meursault, dem er sich trotzdem brüderlich verbunden fühlt. Wie Clamence hat auch Hanoun sich strafbar gemacht, ohne belangt worden zu sein. Er wünscht sich, wie Meursault verurteilt und für seine Tat gehasst zu werden, und muss doch allein büßen. Hanoun ist selbst ein Fremder im postkolonialen Algerien, dessen Unabhängigkeitskrieg den Mord als solchen legitimiert hat, wie Camus es in Der Mensch in der Revolte in Bezug auf korrumpierte Ideologien beklagt. Er ist ein Trinker, ein schlechter Sohn, ledig, ohne Nachkommen und ohne Glauben, was ihn im islamischen Algerien zum Ausgestoßenen macht, der seine Freiheit als Beleidigung der Gesellschaft vor sich her trägt. Die Welt des alten Hanoun gleicht auch Jahrzehnte nach dem Krieg einer Voraussage Camus’ über ein Algerien, das sich mit Gewalt von Frankreich trennt, anstatt in Einigung, „ein Land voller Ruinen und Toter“.

Die Gegendarstellung als Aneignung

Mit Der Fall Meursault versucht Kamel Daoud einen Schulterschluss mit Camus aus einer postkolonialen Perspektive. Es handelt sich weniger um eine Gegendarstellung, die Camus’ vermeintliche Blindheit gegenüber seinen arabischen Nachbarn oder seine Distanz zur Unabhängigkeitsbewegung anklagt – beides übrigens Aspekte, die seine journalistischen Texte und politischen Essays relativieren. Vielmehr geht es um eine Aneignung von Camus’ Ideen und Sprache, „wie man es in diesem Land seit der Unabhängigkeit macht: Stein um Stein von den ehemaligen Häusern der Kolonialherren nehmen, um ein eigenes Haus daraus zu bauen, meine eigene Sprache zu formen“. Es ist der Versuch eines Dialogs zwischen dem in Algerien – und seit seinen Äußerungen zur Kölner Silvesternacht auch in der französischen Linken – umstrittenen Daoud und dem großen französischen Vorbild. Camusianer finden dementsprechend auch das gesamte Repertoire in diesem Roman: das oben Beschriebene sowie den Sisyphos, die Ratten der Pest, natürlich den Tod als ultimatives Problem bis hin zu dem in seiner Bedeutungslosigkeit überdeterminierten Milchkaffee. Das alles ist grundsätzlich stimmig zusammengewebt, in der Masse jedoch auch etwas unelegant und teilweise, wie im Fall der Marie-Doppelgängerin „Meriem“, sogar ziemlich bemüht. Auch die Entscheidung, Der Fremde mit Meursaults fiktiver Autobiografie, Der Andere, zu tauschen, schließt zwar die innere Logik der Diegese, hinterlässt allerdings auch einen leicht faden Beigeschmack. Des Weiteren gehen die religiösen Anspielungen – so sind Massou und Hanoun die arabischen Entsprechungen für Moses und Aaron – nicht einmal ironisch wirklich auf.

Grundsätzlich ist Der Fall Meursault ein Roman, der in Verbindung zu Camus großartig funktioniert. Daoud unterzieht dabei dessen Werk teilweise einer spannenden Revision und eröffnet im Gegenzug vor allem eine interessante, absurdistische Perspektive auf die gegenwärtige arabische Welt – „dieses Land, das alle zu ihrem Bauch und ihrem Schoß erklären, aber das sich nirgends finden lässt“.

 

Kamel Daoud: Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung.
Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten
Preis: 17,99€
ISBN: 978-3-462-04798-1

 

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2 Gedanken zu „„Alle starben, auf einen Schlag“

  1. Ich habe beide Bücher gelesen, „Der Fremde“ von Camus und Der Fall Meursault von Daoud. Ich bin nicht einverstanden mit der oben stehenden Aussage (die weiter unten im Text ja auch relativiert wird), Camus sei „seinen arabischen Mitbürgern gegenüber erschreckend gleichgültig“ gewesen. Er hat ganz im Gegenteil sogar für sie politisch gekämpft. Ich sehe es eher so, dass die Gleichgültigkeit ALLEN Menschen gegenüber und in „Der Fremde“ auch sich selbst gegenüber als ein Phänomen des Absurden beschrieben wird. Kamel Daoud hat nichts gegen Camus, das hat er ausdrücklich in einem Interview gesagt. Er nutzt nur seine Erzählung, um daran anzuknüpfen und einen „postkolonialistischen“ Roman zu schreiben, in dem er auch die heutigen Zustände in Algerien kritisiert. Danke für die Vorstellung dieses aus heutiger Sicht wichtigen Werkes. Lieben Gruß, Nadia

  2. Wer den „Fremden“ unter sozialpolitischer Perspektive liest, der verfällt genau jenem schiefen Blick, den die Zuschauer, der Richter und die Anwälte im Gerichtsverfahren auf Mersault werfen: dieser da sei gleichgültig. Dieses den Fremden klinifizierende Urteil ist die reaktionäre Empörung über jemanden, der sich die Freiheit herausnimmt, nicht mitzuspielen. Der Fremde ist ihnen fremd, weil er gerade nicht gleichgütig ist, d.h. der in bezug auf sich nur gültig sein läßt, was er selbst empfindet und durchreflektiert hat. Der Fremde ist nicht gleichgültig. Man lese noch einmal das letzte Kapitel, darin Mersault seine Empfindung und Wahrnehmung steigert und allen sozialen Ver(tröstungen) und heuchlerischen Rollenangeboten widersteht und als glücklicher Mensch sterben möchte. Das alles ist das ganze Gegenteil von Gleichgültigkeit.
    Wenn Gleichgültigkeit jedoch mit fehlendem solzialen Engagement gleichgesetzt wird, dann erscheint der Fremde (oder auch sein Autor) als unsozial und gleichgültig.

    Gruß
    Phileos

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