Bad Boy Bergerac

"Cyrano de Bergerac" am Schauspiel Köln Foto: Tommy Hetzel

„Cyrano de Bergerac“ am Schauspiel Köln Foto: Tommy Hetzel

Simon Solbergs Inszenierung von Kabale und Liebe war ein regelrechter Dauerbrenner am Schauspiel Köln. Nun präsentiert er der Domstadt seine Version von Rostands „großer romantischer Komödie“ Cyrano de Bergerac. Hohe Gesangs-, Kampf- und Akrobatikkunst, die leider dennoch nicht restlos zu begeistern vermag.

von HELGE KREISKÖTHER

Edmond Rostand (1868-1918) wäre heutzutage wohl in Vergessenheit geraten, hätte er der Nachwelt nicht eines der berühmtesten französischen Theaterstücke überhaupt hinterlassen: Cyrano de Bergerac (Uraufführung 1897). Dabei wurde der Marseiller 1901 als bisher jüngstes Mitglied in die glorreiche Académie Française aufgenommen und versetzte die Grande Nation in einen seit Victor Hugo nicht mehr dagewesenen Begeisterungszustand für das zeitgenössisch-nationale Theater. Gattungsgewohnheiten brach Rostand zugunsten leichtfüßiger Unterhaltungskunst – mit meist historischem Schauplatz – auf.
Der Plot des Cyrano mutet auf den ersten Blick ziemlich belanglos an und erinnert an einfältige Mantel-und-Degen-Dramen voller Amouren und Kampfszenen: Christian de Neuvillette ist verliebt in eine schöne Frau, die auf den Namen Roxane hört. Da er sich jedoch außer Stande sieht, diese mit seinen bescheidenen sprachlichen Mitteln zu erobern, engagiert er Cyrano de Bergerac, ebenfalls ein Mitglied der Gascogner Kadetten, als „Ghostwriter“ und Souffleur, um Roxane mittels herzerweichender Redegewandtheit für sich einzunehmen. Was Christian jedoch nicht ahnt: Cyrano hegt selbst tiefe Gefühle für seine Cousine. Außerdem sitzt ihnen der unbequeme, weil (einfluss-)reiche Nebenbuhler Guiche im Nacken. Erst nachdem Christian in der Schlacht gefallen, Roxane in ein Kloster gegangen und Cyrano tödlich verwundet worden ist, gesteht der Titelheld ihr nach langem Verbergen seine Liebe.
Was dem Stück seine Zeitlosigkeit zuträgt, sind in erster Linie die Fragen um Identität, überspielte Selbstzweifel und aufrechte Liebe. Cyrano verkörpert mit seiner außerordentlich hässlichen Nase außerdem ein prominentes, wenn nicht das prominenteste Beispiel für eine Figur mit edlem Herzen hinter abstoßender Fassade; körperlich benachteiligt, gleichwohl selbstverliebt-kraftstrotzend und letztlich aufopferungsvoll rührt sein Charakter – in Deutschland längst gleichermaßen wie in Frankreich – immer wieder die Zuschauerherzen. Dass Rostands Stück auf dem Lebenslauf des gleichnamigen, vor-aufklärerischen Schriftstellers beruht, der um 1650 Jules-Verne-hafte Romane über Sonnen- und Mondexpeditionen schrieb, gerät oftmals in den Hintergrund, soll aber an dieser Stelle immerhin Erwähnung finden.

Ein Poet mit Hang zum Raufen

Savinien Cyrano de Bergerac, so der vollständige Name des Titelhelden, wird in Köln von Stefko Hanushevsky mit schauspielerischer Hingabe zum Leben erweckt: Zwischen dem ghetto-geprägten Draufgänger und dem empfindsamen Anhimmler gestaltet er die Sehnsuchtsrolle so manches Darstellers absolut angemessen. Ähnlich professionell mimt Nikolaus Benda den Christian de Neuvillette: mit betonter Stumpfsinnigkeit und bewundernswerter Akrobatik. Sie beide überragt jedoch beinahe Annika Schilling als liebestrunken-liebenswürdige Roxane. Ein bedauerlicher Fauxpas der Inszenierung ist allerdings, dass Christian sich (vor Beginn des letzten Aktes) melodramatisch das Leben nimmt, anstatt – wie im Original – in der Schlacht draufzugehen oder zumindest offen zu lassen, ob er seinem Tod wirklich bereitwillig entgegengeht. Der seltene, schier unglaubwürdige Fall des gleichwertigen, doppelten Verliebtseins und vor allem der (zumindest seitens Cyranos) akzeptierten Zuneigung für ein und dieselbe Frau macht Rostands Stück doch so einmalig. Gleichwohl erzeugt insbesondere der zweite Teil des Abends – nach ausufernden Sprung- und Sturzszenen – durch seine eindringliche Nebelatmosphäre und die kitschig vollgekritzelten Sportmatratzen einen starken emotionalen Sog.

"Cyrano de Bergerac" am Schauspiel Köln Foto: Tommy Hetzel

„Cyrano de Bergerac“ am Schauspiel Köln Foto: Tommy Hetzel

Hiervon mehr, davon weniger

Das gesamte Setting siedelt Simon Solberg (ebenfalls für das Bühnenbild verantwortlich) in einer Art Gangsta-Ghetto der Hip-Hop-Kultur an – mutig, aber ziemlich willkürlich. Die Ersetzung der ausgiebigen Fecht- und Galanterieszenen à la Drei Musketiere durch Rap-Einlagen, beeindruckende Faustprügeleien und Duelle mit Eisenstangen (Bewegungstraining: Arzu Erdem-Gallinger) befreit den Cyrano jedoch von seinen hinreichend ausgekosteten Historienklischees. Ebenso schaffen die zahllosen Lieder von Eminem, 50 Cent, MC Hammer & Co. (teilweise mit den originalen Zeilen, teilweise mit den Versen des Stückes) einen energetischen, abwechslungsreichen Hintergrund, vor dem auch Özgür Karadeniz als „Rollstuhl-Knastbruder“ Le Bret zu glänzen weiß. Hier muss jedoch ebenso eingeräumt werden, dass ein paar Musiknummern weniger und die eine oder andere virtuose Textstelle mehr hätten verwendet werden können. Selbstredend muss Cyrano de Bergerac, wenn man keine fünf Stunden im Theater verbringen möchte, stark ausgedünnt werden. Wenn man sich aber schon der grandiosen Übersetzung Ludwig Fuldas (1898) bedient (Dramaturgie: Nina Rühmeier), sollten nicht derartig viele herausragende, weil tragikomische Passagen über menschliche Fassade, Eitelkeit und Selbstzweifel beiseitegelassen werden. So hätte die Kölner Inszenierung problemlos volle 120 statt 100 Minuten einnehmen dürfen. Weiterhin nicht vermisst hätte man einige völlig nutzlos eingeworfene Seitenhiebe auf die Flüchtlingszaun bauende „AfGuiche“ sowie Lightshows (Licht: Michael Frank), die schlichtweg die Zuschauer blenden.

Summa summarum ein Abend, der sich zu erleben allemal lohnt, stellt er doch einen wertvollen Beitrag zur zeitgemäßen Umgestaltung eines überladenen französischen Klassikers dar; uneingeschränkt empfehlen lässt sich Solbergs Cyrano angesichts der deplatzierten Timings, Schwerpunkte und Fokussierungen wohl aber nicht.

 

Informationen zur Inszenierung
Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, der 28. April (bereits ausverkauft!)
Freitag, der 29. April
Sonntag, der 8. Mai

 

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