Vom Gut-Sein im Dauerregen

"Der gute Mensch von Sezuan" am Schauspiel Essen Foto: Birgit Hupfeld

„Der gute Mensch von Sezuan“ am Schauspiel Essen Foto: Birgit Hupfeld

Es „brechtet“ wieder gewaltig auf Deutschlands Theaterbühnen. Nun feierte der Der gute Mensch von Sezuan in der Regie von Moritz Peters am Schauspiel Essen Premiere. Knapp drei Stunden, die gleichermaßen langatmig wie denkwürdig daherkommen, prasseln im wahrsten Sinne des Wortes auf den Zuschauer ein.

von HELGE KREISKÖTHER

Bertolt Brechts sogenanntes „Parabelstück“ wurde in finstersten Kriegszeiten, am 4. Februar 1943, im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Die Musik steuerte, wie schon bei Mutter Courage und ihre Kinder, der Hamburger Paul Dessau bei – neben Kurt Weill und Hanns Eisler sicherlich Brechts bedeutsamster musikalischer Kooperationspartner.

Hauptfigur, der titelgebende gute Mensch von Sezuan also, ist die Prostituierte Shen-Te. Sie kann sich nach dem Besuch dreier Götter die Eröffnung eines Tabakladens finanzieren und wird alsbald von zahlreichen Schmarotzern ausgebeutet. Daher erschafft sich Shen-Te einen Cousin, Shui-Ta, und übernimmt fortan dessen Rolle. Erst auf diesem Wege gelingt es ihr, die ehemaligen Schweinehunde für sich arbeiten zu lassen. Gegen Ende des Stücks wird der fingierte Vetter schließlich des Mordes an Shen-Te bezichtigt – in diesem Moment fällt die Maskerade und die Götter berufen das Gericht ein. Vermag man in unserer verdorbenen Welt nur zu überleben, wenn man selbst schlecht ist? Kann man als Kapitalist weiterhin ein guter Mensch sein? Diese Fragen lässt Brecht entstehen und endigt sein Stück Shakespeare-artig mit einem gereimten Epilog an die Zuschauer.

Um exotische Chinoiserie geht es im Guten Menschen von Sezuan ebenso wenig wie um die Renaissance des antiken „deus ex machina“; obgleich Brecht für dieses Werk noch mal regelrecht in Aristoteles’ Poetik nachgelesen zu haben scheint, von der er sich doch loszulösen suchte. Abgesehen davon jedenfalls, dass ihn die Schriften des Philosophen Mozi (5. Jh. v. Chr.) sowie die Sage von Philemon und Baucis zum Stoff inspirierten, soll indes vielmehr die Bedeutung bedingungsloser Menschlichkeit – manche nennen es Nächstenliebe – in einer rücksichtslos geldgeprägten, egozentrischen Gesellschaft hervorgekehrt und abgewogen werden, inwiefern Betrug und Unterdrückung Fluchtwege aus dem eigenen Elend darstellen können und dürfen.

"Der gute Mensch von Sezuan" am Schauspiel Essen Foto: Birgit Hupfeld

„Der gute Mensch von Sezuan“ am Schauspiel Essen Foto: Birgit Hupfeld

Alles Nächstenliebe oder was?

Das Publikum muss in Moritz Peters’ Inszenierung mit dezentem Tropenhaus-Klima zurechtkommen, denn nahezu unentwegt fällt vorhangartiger Regen auf die Spielfläche des Grillo-Theaters herab (Bühne: Lisa Marie Rohde). Atmosphärisch zweifellos ein Hingucker und durchaus passend zur hinterwäldlerischen, „halb europäisierten“ Provinz Sezuan. Das (inklusive zweier Statistenrollen) neunköpfige Ensemble tobt sich mit Freude aus, was angesichts der steifen Textvorlage umso mehr Bewunderung verdient. Vor allem Stephanie Schönfeld weiß in der Titelpartie zu glänzen: Zwischen zart und kämpferisch-entschlossen agiert sie mit glaubwürdiger Wandelbarkeit. Floriane Kleinpaß und Thomas Meczele gestalten ihre Rollen trotz deren „Geringfügigkeit“ ebenfalls abwechslungsreich und im besten Sinne unterhaltend. Der charismatische Thomas Anzenhofer, bisher eher als Fernseh-Schauspieler und auf der Bochumer Bühne in Erscheinung getreten, sollte ferner ernsthaft mit dem Gedanken spielen, in naher Zukunft einmal den Prospero zu mimen.

Ein durchaus raffinierter Regieeinfall ist das „Auseinanderbröseln“ der dramatischen Textvorlage: Alle Ensemblemitglieder treiben gewissermaßen die Inszenierung durch ihre eigene Inszenierung voran. So bekommt das Stück eine interessante Metaebene und schafft ein wenig nötige Distanz zum Brecht’schen Original. Dass dann im Laufe des Abends jedoch jede einzelne Regieanweisung mit vorgetragen wird, strengt auf die Dauer an, weil es das Statische am Epischen Theater nur umso mehr betont. Glücklicherweise wird der pure Handlungsverlauf aber durch Musikeinlagen unterbrochen (Arrangement und Posaune: Tobias Schütte, Hammondorgel und Klavier: Hajo Wiesemann, E-Gitarre: Bastian Ruppert). Zwar sind Brechts Lieder, die zwischen Gesellschaftsverachtung und Solidaritätsaufruf changieren, nicht jedermanns Sache, doch die Tonkunst verhilft der Redekunst oftmals über „Durststrecken“ hinweg.

Brecht und seine Tücken

Etwa fünfzehn Prozent der Zuschauer verließen die Premiere nach der Pause. Zu harter Tobak? Wohl eher die schlichtweg zu langatmige Präsentation einer hilflos gutherzigen Neuzeit-Iphigenie in einer durchweg kaltherzigen, weil kapitalismusverdorbenen Welt. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, heißt es bekanntlich in der Dreigroschenoper. Dieser Erfahrungsgrundsatz lässt sich auch aus dem Guten Menschen von Sezuan mitnehmen. Man kommt innerhalb der drei Stunden jedoch nicht umhin, sich mehr als einmal zu fragen, welche weiteren Erkenntnisse einem das Schicksal Shen-Tes bzw. Shui-Tas mitgeben soll. Der Essener Fassung hätte sicherlich die eine oder andere Kürzung gut getan, denn alles in allem wird Brechts Vorlage zu ernst, zu wörtlich genommen und erscheint daher gewohnt lehrbuchhaft. Das Problem des Parabelstücks liegt vielleicht in der über-offensichtlichen Zeitlosigkeit seines Plots. Warum haben Regisseure neuerdings Probleme mit Lessings Nathan, mit Brechts Zeigefinger-Stücken jedoch nicht? Natürlich, das Ende bleibt offen. Wäre da aber nicht das hübsch leuchtende (imaginierte) Fazit, dass die Zehn Gebote oder andere (Gesetzes-)Utopien gerade durch die an einer Hand abzählbaren, gut gebliebenen Menschen ihre Berechtigung finden – man wüsste nicht, wohin mit dem schwerlich Verdaubaren.

Der Essener Abend markiert keinen Höhepunkt in der Spielzeit, lebt aber durch das unterhaltsame Ensemble und die einfach konzipierten, gleichwohl eindringlichen Container- und Regen-Bilder, mit denen Moritz Peters die Willkommenskultur-Debatte unterschwellig mit anreißt (Dramaturgie: Florian Heller). Moral und was aus ihr werden kann, werden hier ohne Fassade entblößt. Auf dass es weiterhin brechte…

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, der 4. Mai
Donnerstag, der 12. Mai
Samstag, der 28. Mai

 

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