„Das ist (keine) Reklame für mein Haus“

Goldonis "Diener zweier Herren" bei den Ruhrfestspielen Foto: Reinhard Werner

Goldonis „Diener zweier Herren“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Reinhard Werner

Mit Goldonis Diener zweier Herren startet die 70. Spielzeit der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Das Motto dieser Theatersaison rund um Migration und Flüchtlingskrise, Mittelmeer – Mare Nostrum?, bleibt zwar weitestgehend unberücksichtigt, das Ensemble des Wiener Burgtheaters in der Regie von Christian Stückl glänzt aber mit derber Spielfreude und gelegentlichen Seitenhieben auf das politische Zeitgeschehen.

von ANNIKA MEYER

Als Carlo Goldoni 1745 den Diener zweier Herren (Il servitore di due padroni) schrieb, schuf er mit seiner Komödie sowohl einen Höhepunkt als auch einen Abgesang auf die Commedia dell’arte mit ihren markanten, maskierten Figurentypen. Zwar sind bei Goldonis Verwechslungsklamauk noch die Klischees des wohl bekanntesten italienischen Theatergenres zu erkennen – u. a. ist Truffaldino, der zweifache Diener, ein gewiefter, charmanter Arlecchino; der Pantalone und der Dottore treten als die Väter zweier unglücklich Liebender gar namentlich auf –, doch die Figuren wirken, auch bei aller Überzeichnung auf der Bühne des Recklinghausener Festspielhauses, vielschichtiger und dadurch menschlicher als ihre Vorgänger. Auch die Sprache ist weniger gekünstelt und spiegelt bei Goldoni die breite Gesellschaftsstruktur Venedigs wider.

Stefan Hageneiers Drehbühne präsentiert zwei fast identische Kulissen: Vor je einer schmutzigen, düsteren Tür- und Fensterfront befinden sich jeweils unterschiedlich angeordnete Tische, die das venezianische Gasthaus von Brighella (Hans Dieter Knebel) darstellen. Im engen, doch bespielbaren Durchgang zwischen diesen beiden Sets sehen wir nun Truffaldino (Markus Meyer) einem scheinbar unmöglichen Unterfangen nachkommen: Mit der Aussicht auf doppelten Lohn und vor allem doppelte Mahlzeiten dient er nicht nur Beatrice Rasponi (Andrea Wenzl), die sich erfolgreich als ihr toter Bruder Federigo ausgibt, um ihren des Mordes an Federigo beschuldigten Liebsten Florindo zu finden, sondern auch eben jenem Florindo (Sebastian Wendelin), der nicht ahnt, dass Beatrice ganz nah ist. Unterdessen soll Clarice (Irina Sulaver) Silvio (Christoph Radakovits) heiraten, da der ihr aus Geschäftsgründen versprochene Federigo tot ist. Mit der angeblichen Wiederauferstehung des reichen Turiners gerät nicht nur ihr Glück mit Silvio in Gefahr, sondern auch das Abkommen zwischen ihrem zwielichtigen Vater Pantalone (Peter Simonischek) und dem Dottore Lombardi (Johann Adam Oest), der seinen Sohn Silvio ebenfalls nicht ganz uneigennützig mit Clarice verheiratet sehen will. Zudem hat Truffaldino ein Auge auf Smeraldina (Mavie Hörbiger), Clarices Zofe, geworfen. Und so gibt es mancherlei Verstrickungen, Pistolenschüsse und Alkoholeskapaden, bis Truffaldinos Appetit gestillt und der Kreis der Liebenden vereint ist.

Goldonis "Diener zweier Herren" bei den Ruhrfestspielen Foto: Reinhard Werner

Goldonis „Diener zweier Herren“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Reinhard Werner

Figuren mit Biss, Hunger und Trunksucht

Es ist nicht viel nötig, um den Saal des Festspielhauses zum Beben zu bringen: Goldonis Vorlage bietet genug Pointen und Wortwitze als Fundament. Doch schon die optische Ebene lädt zum Schmunzeln ein: Simonischek mimt den schmierigen Pantalone mit Überbiss und stets brennender Zigarre und Hörbiger spielt ihre herrlich uncharmante Smeraldina als resoluter Morticia Addams-Verschnitt mit Reibeisenstimme und steifen, zwischen Unsicherheit und Rebellion changierenden Attitüden. Man sucht vergeblich nach kleinen, zarten Gesten zwischen den Figuren; doch das stets Überzeichnete und Slapstickhafte ist meist so geschickt umgesetzt, dass man sich, einmal auf die Grundstimmung des Abends eingelassen, dem derben Charme der Inszenierung wie des Wiener Ensembles nicht entziehen kann. Besonders Meyer als flapsiger, mal verzweifelter, dann aufgeblasener Truffaldino und Wendelin als weinerlicher Florindo stehen einander in körperlicher Verausgabung in nichts nach und zeigen eine wahnwitzig gute Chemie auf der Bühne. Ob nun Truffaldino einen Brief mit unter dem Tisch klebendem Kaugummi neu versiegeln muss, Florindo sowohl an seinem zu großen Koffer als auch am aus Verzweiflung getrunkenen Alkohol scheitert oder der zweifache Diener beim Servieren zwischen seinen Herren und den rotierenden Bühnenhälften wortwörtlich einen Spagat vollbringen muss – Gestik, Mimik und Timing sitzen stets. Und auch die fast schon filmisch anmutende, oft passend klischeehafte Musik (Tom Wörndl) untermalt die großen Gebärden und pointierten Worte.

Gelungener Festspielauftakt

Doch es gibt nicht nur Klamauk auf der Bühne zu sehen. Die ernsten Töne und Anspielungen z. B. um die Panama Papers, Erdoğan und Gewerkschaftsprobleme sind zu erwähnen, geraten aber teilweise zu knapp und beiläufig umrissen; Smeraldinas kämpferischer Monolog um Frauenrechte erhält wiederum großen Szenenapplaus und entspringt zu großen Teilen sogar Goldonis Original, auch wenn die Metapher eines Waldes untreuer Männer nun einem bitterbösen Bild eines durch weibliche Kastrationswünschen blutgetränkten Venedigs (Dramaturgie: Florian Hirsch) gewichen ist.

Mit viel Liebe zum Detail, vielen schönen Einfällen seitens der Regie – nie wurde Pudding à la 9 ½ Wochen so genossen! – und letztendlich sogar Konfetti zum Happy End muss sich der Wirt Brighella keine Sorge um schlechte Reklame für sein Haus machen. Die Vorstellungen in Recklinghausen sind bereits ausverkauft; wer Truffaldino also beim Hungern, Schuften und liebevollen Intrigieren zusehen möchte, muss wohl nach Wien fahren – dort feiert der Diener zweier Herren am 22. Mai Premiere am Burgtheater.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen
Freitag, der 06. Mai (ausverkauft)
Samstag, der 07. Mai (ausverkauft)

 

 

 

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