Neues von Gestern vom Tahrir-Platz

"Zawaya - Zeugnisse der Revolution" bei den Ruhrfestspielen Foto: Tamer Eissa

„Zawaya – Zeugnisse der Revolution“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Tamer Eissa

Was bleibt, gut vier Jahre nach dem Aufstand auf dem Tahrir-Platz? Mit dieser Frage kündigten die Ruhrfestspiele Zawaya – Zeugnisse der Revolution an. Eine Antwort gab die Aufführung nicht. Wie auch? Was hier als Nachlese lief, war 2012 eine erste künstlerische Reaktion.

von FABIAN MAY

„Mare Nostrum“, „Unser Meer“ nannten die alten Römer das Mittelmeer. Die Ruhrfestpiele nennen so ihr diesjähriges Programm und versehen diesen Titel, wie es sich für eine Anregung zur Diskussion gehört, mit einem Fragezeichen. In erster Linie denkt man bei Mare Nostrum? natürlich an die gleichnamige EU-Rettungsmission im Mittelmeer und die laufende Flüchtlingsdebatte. In zweiter Reihe kommt dabei aber auch der Arabische Frühling auf Wiedervorlage.

So feierte etwa die ägyptische Monolog-Folge Zawaya – Zeugnisse der Revolution (UA 2012 in Kairo, geschrieben von Shadi Atef frei nach mehreren Interviews) am Samstag auf der kleineren Bühne im Recklinghäuser Festspielhaus ihre Deutschlandpremiere. Was ist gewonnen nach dem Versuch einer ägyptischen Revolution, wollte die Kairoer Kompanie El Warsha des altgedienten Independent-Theatermachers Hassan El Geretly wissen. Die Antwort, die das Stück gibt: Nichts.

Zur Beantwortung warten fünf Schauspieler als ,Zeugen der Revolutionʻ auf Stühlen im Halbdunkel der Hinterbühne, zwei Frauen, drei Männer. Wenn die kämpferischen bis traurigen Oud-Lieder vom Tahrir-Platz verklingen (Musik: Yasser El Magrabi), also etwa alle 15 Minuten, steht ein Zeuge auf, setzt sich ins Scheinwerferlicht und erzählt. Mehr Inszenierung findet nicht statt.

Die Krankenschwester und der Fußball-Ultra erzählen

Der Inhalt: Ein schlaksiger Ultra des Kairoer Fußballvereins El Ahly beschreibt mit bestürzender Genauigkeit, wie es Anfang 2012 zu den Toten bei den Stadion-Ausschreitungen in Port Said kam und was er als Ultra gegen die Staatsgewalt hat. Ein großtuerischer Kioskbetreiber berichtet, warum er als Enttäuschter vom Tahrir-Platz sein Fähnchen nun nach dem Wind hält. Ein Offizier erklärt einem Richter, warum er als gepeinigter Patriot in Uniform nicht auf Ägypter schießen wollte.

Erzählt ist das stellenweise sehr wirkungsvoll. Die bewegendsten Momente bleiben den beiden Frauen vorbehalten: Eine Krankenschwester steht Hinterbliebenen derer bei, die zu Beginn der ägyptischen Revolution am Tag des Zorns (28. Januar 2012) erschossen oder totgeprügelt wurden. Sie erzählt, wie sie weinend fortfahren, die Leichen aufzudecken und zu identifizieren: „Sie waren alle viel zu jung.“ Am Ende sind die Hinterbliebenen zur „Nieder mit Mubarak“ rufenden Protestmenge geworden.

Den Schlusspunkt unter diese Geschichten von 2012 setzen die Erinnerungen einer Mutter, wie ihr 17-jähriger Ahmad umkam und anschließend von seiner Nachbarschaft als Märtyrer gefeiert wurde. Die Revolution habe viel verändert, versucht die Mutter seinen Tod nachträglich einen Sinn zu geben, „auch in mir. Gott sei Dank. Durch Ahmads Tod habe ich wohl viele Dinge erfahren und viele Menschen kennengelernt. Das hätte ich mir nie erträumt.“

Niemand hat Antworten, wie es weitergeht

Man ist beim Versuch, das Geschehen ordnend zu verstehen, ebenso hilflos wie diese Mutter. Das liegt erstens an der bewusst vielperspektivischen Anlage der Zawaya (dt. „Blickwinkel“). Aber zweitens ist, seit das Stück 2012 in Kairo uraufgeführt wurde, viel (und wenig) passiert. Seit Mubaraks erzwungenem Rücktritt hangelt sich Ägypten weiter von autokratischem Regime zu autokratischem Regime. Gewonnen ist nichts.

Auch Erkenntnisse – das Einzige, was Theater hierzu beitragen kann – sind keine neuen gewonnen. „Welche Perspektiven bleiben uns noch, jetzt, wo die Rede vom Arabischen Frühling wie eine Phrase erscheint und es kaum Hoffnung gibt auf einen demokratischen Wandel der Gesellschaft?“, fragt Regisseur El Geretly in der Ankündigung. Antworten geben die Zawaya keine.

Sicher gab es von vereinzelten Premierenbesuchern stehende Ovationen. Aber die entsprangen wohl eher dem wohlfeilen moralischen Impuls, dass man diesen ‚Zeugenʻ natürlich eine funktionierende Demokratie wünscht, in der sie weniger hätten leiden müssen.

Muss man dafür eine Theatergruppe aus Kairo einfliegen, sie (zugegeben: überzeugend) fünf rasant gealterte Monologe von 2012 sprechen und das in der Rubrik wichtige Zeitfragen laufen lassen? Nein, das ist – würde der Engländer sagen – too little, too late. Muss man damit so hart sein? Ja, weil man solche kuratorischen Fehlentscheidungen nicht ermutigen darf.

 

Informationen zur Inszenierung

 

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