Blutsverwandte Literatur

The Honoured Dead (Totem for Breece D'J Pancake)_Foto: Mihau Pollak

The Honoured Dead (Totem for Breece D’J Pancake)

Über Mihau Pollaks faszinierende und gleichzeitig verstörende Collagen berichteten wir bereits im letzten Jahr. Nun widmet sich der junge Künstler einer Skulpturenreihe mit dem Titel The South, eine Hommage an diverse Südstaaten-Autoren.

von ESRA CANPALAT

Auf den ersten Blick erinnern die aus zusammengebundenen Hölzern, Knochen und Federn bestehenden Skulpturen an die prähistorisch wirkenden dreibeinigen Figuren aus der ersten Staffel der amerikanischen Noir-Serie True Detective, die sogenannten „Devil’s Nests“, die an den Tatorten der okkulten Morde hinterlassen werden. Bezeichnenderweise spielt die Serie im von Hurrikans und sozialen Problemen zerrütteten Louisiana. Von Pollaks Skulpturen, die ebenfalls von der eigentümlichen Umwelt des amerikanischen Südens inspiriert sind, geht eine ähnliche Aura des Mythischen und Magischen aus.

The Battlefield where the Moon Says I Love You (Totem for Frank Stanford)_Foto: Mihau Pollak

The Battlefield where the Moon Says I Love You (Totem for Frank Stanford)

So bezeichnet er sie selbst als Totems und erklärt: „Diesen Begriff habe ich weniger aus dem Grunde gewählt, weil ihm im Deutschen eine Art memento mori-Qualität innewohnt, sondern vielmehr weil der Totem-Begriff im ethnologischen Sinne für Symbole oder Gruppenabzeichen steht, denen eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zwischen Menschen beziehungsweise einer Gruppe und einer bestimmten Naturerscheinung gemeinsam ist.“ Diese vermeintlich verwandtschaftliche Beziehung konstatiert er bei diversen amerikanischen Autoren, die sich in ihren Texten mit eben jenen charakteristischen Naturerscheinungen der Südstaaten auseinandersetzten: William Faulkner, Carson McCullers und Breece D’J Pancake u. a., die deren Werke gerne leichthin unter der Bezeichnung Deep South (Southern Gothic) zusammengefasst werden.

The Heart is a Lonely Hunter (Totem for Carson McCullers)_Foto: Mihau Pollak

The Heart is a Lonely Hunter (Totem for Carson McCullers)

Die meisten Werke dieser Literaten spielen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Herkunft und befassen sich vordergründig mit ihren dunklen Seiten: Themen wie Armut, Gewalt, Entfremdung, Einsamkeit, Alkoholismus, Aberglaube und religiöser Wahn sind wiederkehrend und zeigen somit deutliche Parallelen zur Gothic Fiction  in der Tradition Mary Shelleys und Edgar Allan Poes auf. „Doch anders als bei den Erzählungen Poes, wo der Schrecken durch das Fremde, im freudschen Sinne Unheimliche erzeugt wird, ist es im Southern Gothic vielmehr das Bekannte, Heimische, das im Vordergrund steht“, so Pollak. Die meist komplexen und mental instabilen Figuren in den Erzählungen stehen resigniert oder rebellierend einer scheinbar isolierten, hermetisch in sich abgeschlossenen Welt gegenüber, manifestiert durch karge, vertrocknete Südstaatenlandschaften, staubige Straßen, einsame Hügelketten und geheimnisvolle Wälder.

In Cold Blood (Totem for Truman Capote)_Foto: Mihau Pollak

In Cold Blood (Totem for Truman Capote)

Wie aus einem Stoff gemacht

Für Pollak gab die untrennbare Verbundenheit zwischen einer als statisch und feindselig anmutenden (Um-)Welt und dem Menschen den entscheidenden Impuls für die Entstehung von The South: „Mir erschien es immer, als teilten diese Autorinnen und Autoren und ihre Werke untereinander eine geradezu mystische Form der Intimität, die nicht wie etwa bei den Schriftstellern der lost generation ihren Ursprung in einem generationsspezifischen Trauma hat, sondern vielmehr in einem alters-, klassen-, und generationsübergreifenden Umgang mit einer an die Herkunft gebundenen Sprache verwurzelt ist. Damit meine ich eine Sprache aus der eigenen Kultur, der eigenen Umgebung heraus, klar und rau, der harschen Umwelt entsprechend, durch sie und aus ihr geformt, in vollem Gegensatz zu einer Sprache über eine Kultur, kurz eine Art der Authentizität, die ich in dieser Klarheit nie wieder angetroffen habe.“ Diese Intimität zwischen der eigentümlichen Natur und den Autoren respektive den Figuren in den Erzählungen bringt das Medium des Totems zum Ausdruck: Pollak evoziert mit seinem Skulpturenprojekt eine mythisch-verwandtschaftliche Verbundenheit unter den Südstaaten-Literaten, ein Eindruck, der sich oft bei der Lektüre dieser Romane und Erzählungen einstellte. Beispielsweise sieht er eine Parallele zwischen Carson McCullers Erzählung The Ballad of the Sad Cafée (1951) und der zweiundzwanzig Jahre später erschienenen Erzählung Trilobites von Pancake.

To Kill a Mockingbird (Totem for Harper Lee)_Foto: Mihau Pollak

To Kill a Mockingbird (Totem for Harper Lee)

Beide Texte spielen in Kleinstädten in den Südstaaten, in beiden empfinden die Ich-Erzähler gleichzeitig ein Entfremdungs- und Zugehörigkeitsgefühl angesichts der trostlosen Umwelt und Landschaft, die in einer reduzierten und unaufgeregten Sprache zum Ausdruck gebracht werden. „Fast ein Vierteljahrhundert liegt zwischen diesen beiden Erzählungen und doch erscheint einem die Sprache wie aus einem Stoff gemacht“, sagt Pollak. Daher entschied er sich auch für das Medium des Totems, um diese vermeintliche intellektuelle Verwandtschaft der Autoren und das Ineinanderfließen der Texte zum Ausdruck zu bringen, „ein Verschmelzen zu einer großen, sich ergänzenden Hemisphäre aus Worten und Gedanken, in derselben Erde verwurzelt, zugleich zeitlos.“ So gesehen fungieren Pollaks Totems als vereinendes Gruppenzeichen dieser Autoren. Gleichzeitig setzt der in Leipzig ansässige Künstler seine Skulpturen mit der Etymologie des Wortes Totem in Verbindung, das in der Ojibwe-Sprache der Anishinabe-Indianer so viel wie „blutsverwandte Geschwister“ bedeutet. „Dies ließe sich zugleich auch als ein Hindeuten auf die Indianerkriege und die Unterwerfung der Indianer durch die weißen Siedler lesen, demnach auch als ein Verweis auf die Geschichte der europäischen Vorfahren besagter Autorinnen und Autoren“, sagt Pollak.

Light in August (Totem for William Faulkner)_Foto: Mihau Pollak

Light in August (Totem for William Faulkner

Pollak ist es gelungen, diese von ihm empfundene tiefe Verbundenheit zu den Südstaaten-Literaten in seinen Skulpturen zum Ausdruck zu bringen. Besonders die verwendeten natürlichen Materialien (welke Pflanzen, knorpeliges Holz) wecken Assoziationen mit den von den Autoren beschriebenen Vegetationen und Naturerscheinungen der Südstaaten und verweisen in ihrer Ähnlichkeit auf ihren gemeinsamen Sprachduktus. Mitunter wecken die Skulpturen, die an magische Gegenstände eines Voodoo-Kultes erinnern, ein beunruhigendes Gefühl, was durch den drastischen schwarzen Hintergrund der Fotografien verstärkt wird: Hölzer, die wie Galgen oder Kreuze angeordnet sind, Seile, die sich zusammenrollen und wie Stricke herunterbaumeln.

Death in The Woods (Totem for Sherwood Anderson)_Foto: Mihau Pollak

Death in The Woods (Totem for Sherwood Anderson)

Wie in seinen Collagen changiert diese Arbeit zwischen Faszination und Verstörung: Man wird in den mythisch anmutenden Bann dieser Figuren gezogen, möchte mehr über ihren Hintergrund erfahren und empfindet gleichsam ein dumpfes Gefühl der Angst. Es kann durchaus gesagt werden, dass Pollak seinem Stil treu bleibt und ihn im Medium der Skulptur auf eine neue Ebene rückt. Bisher ist die Arbeit noch nicht öffentlich präsentiert. Es bleibt zu hoffen, dass Pollak einen angemessenen Präsentationsraum für seine Skulpturen findet. Seine Collagen wurden bereits letztes Jahr in der Werkhütte in Hildesheim ausgestellt.

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