Ästhetik und Gewalt im Hasenkostüm

"Oresteia" bei den Ruhrfestspiele Foto: Guido Mencari

„Oresteia“ bei den Ruhrfestspiele Foto: Guido Mencari

Wer Aischylos’ Orestie im Theater sehen will, macht sich schon zuvor auf keinen leicht verdaulichen Abend gefasst. Rache, Mord und Familienfluch sind Ingredienzen, die an die Nieren gehen. Der Regisseur Romeo Castellucci hat mit seinem Theaterkollektiv Socìetas Raffaello Sanzio bereits 1995 eine italienischsprachige Oresteia auf die Bühne gebracht – nun führt er sie, dezent aktualisiert, im Rahmen einer Europatournee bei den Ruhrfestspielen wieder auf. Eine drastische Inszenierung, die Bilder statt Worte sprechen lässt.

von ANNIKA MEYER

„If we don’t consider the poetry of ORESTEIA in the first place, if we eliminate the bright building exposed to the sunlight, what remains visible and extremely fundamental is violence.“ Das schreibt Romeo Castellucci zu seiner Inszenierung. Gewalt erleben wir zuhauf in seiner Adaption von Aischylos’ wohl bedeutendster Tragödie: Klytaimnestra tötet mit ihrem Geliebten Aigisthos den aus Troja heimgekehrten Gemahl Agamemnon, aus Rache, dass dieser einst die gemeinsame Tochter Iphigenie opferte, und seine aus Troja verschleppte Sklavin Kassandra. Daraufhin tötet der heimgekehrte Orest seine Mutter und Aigisthos. Doch mit Athenes Urteilsspruch zugunsten Orests wird der Fluch seiner Familie endlich gebrochen. Viel ist von Aischylos’ Wortgewalt in Recklinghausen nicht übriggeblieben – wenig wird mit Worten kommuniziert, große Reflexionen der Figuren sind beiseitegelassen. Es überwiegen langatmige, doch intensive surreale Bilder, die den Abend nicht nur in Handlungssegmente, sondern auch in verschiedene Stimmungen unterteilen.

Schwarz und weiß, laut und leise

Der erste Akt – Klytaimnestras Racheplan und der Mord an Agamemnon – ist ganz in Schwarz gehalten. Immer wieder malträtieren laute und unangenehme Geräusche die Ohren, während wir den Wächter – als Stellvertreter des Chors – im Kaninchenkostüm dabei zusehen, wie er in der Dunkelheit an Kabeln angeschlossen u. a. von Agamemnons Heimkehr erzählt. Das Kaninchen wird noch vieles erdulden müssen. Erst werden seine Ebenbilder aus Porzellan, stellvertretend für den Rest des Chores und das Volk, zerschossen, später wird es verprügelt, an den Ohren aufgehängt und mit Blut beschmiert. Warum diese Inszenierung erst ab 16 Jahren freigegeben wurde, ist bereits vor der Pause ersichtlich. Viele Bilder erschließen sich nicht, überfordern gar intellektuell, doch sie wirken gleichwohl direkt im Gefühlszentrum, das an diesem Abend bis an die Grenzen strapaziert wird. Wer sich mit der Geschichte nicht auskennt, bleibt jedoch ratlos auf der Strecke, und so verlassen schon in der ersten halbe Stunde einige Leute den Saal.

Klytaimnestra ist eine dicke, nackte Frau mit elektronisch verdunkelter Stimme – fast monströs wirkt es, wie sie sich durch Aigisthos in Lack und Leder mithilfe verschiedener Windräder Lust verschafft. Kassandra scheint nicht weniger dick und nackt – unseren Blicken ausgesetzt, ist sie in einen engen Glaskasten gezwängt und klagt mitreißend über ihr Schicksal. Und Agamemnon wird von einem Schauspieler mit Down-Syndrom gespielt, der zu Klängen einer Sound Machine tanzt und nichts von seiner baldigen Ermordung zu ahnen scheint. Dementsprechend naiv folgt er Aigisthos auch hinter die Bühne.

Nach der Pause wird Orests Wiedersehen mit seiner Schwester Elektra ruhig gestaltet. Orest und sein Freund Pylades sind nackt und weiß bemalt, manchmal tragen sie weiße Masken. In dem nun ebenfalls weißen Raum – das Negativ zur Bühne des ersten Aktes – planen sie den Muttermord. Agamemnon, nun in Gestalt eines gehäuteten Ziegenbocks, wird von Elektra mit frischer Eselsmilch als Trankopfer begossen, bevor ihm sein Sohn mithilfe eines Schlauchs sichtlich frischen Atem einhaucht. Ein schauerliches und doch packendes Bild. Wie in einer Choreografie bewegen sich Orest und Pylades auf der Bühne und führen ihren Mordplan durch: Mittels einer mechanischen Armschiene gelingt der Dolchstoß wie von allein, die Mechanik verbildlicht den unaufhaltsamen Drang zur Rache. Auch nach den Morden, die mit viel Blut, aber – für die Fantasie reizvoller – hinter einem großen Banner ausgeführt werden, bewegt sich die Schiene getrennt von Orest weiter. Das Geräusch ihrer Bewegung ersetzt die Laute des gehäuteten Ziegenbocks, dessen Brustkorb nun nicht mehr mit Atem auf- und abgepumpt wird: Die Rache ist beendet, Agamemnon darf wieder ruhen.

"Oresteia" bei den Ruhrfestspiele Foto: Guido Mencari

„Oresteia“ bei den Ruhrfestspiele Foto: Guido Mencari

Kunst über Kunst

Der Prozess über Orests Schicksal findet vor und hinter einem riesigen Bullauge statt. Athene gibt ihre Stimme Orest und fällt damit das bisher unentschiedene Urteil zu seinen Gunsten. Schon während der Verhandlung verweilt Orest bei den Erinnyen bzw. den Eumeniden, die in Form von echten Affen im Bullauge herumklettern. Die gemeinsamen Schatten ergeben ein harmonisches Bild und verweisen bereits hier auf den späteren Freispruch. Insgesamt fällt die zweite Hälfte des Abends ruhiger aus, ist etwas zugänglicher und überzeugt mit ästhetischeren Bildern und klügeren Ideen.

Castellucci und sein Kollektiv bringen die Orestie nicht in die Gegenwart, sondern präsentieren ein atmosphärisches Porträt von Gewalt. Dabei zeigen sie dem Zuschauer auch Vertrautes: Immer wieder gibt es Anspielungen auf Werke der bildenden Kunst – Orest posiert z. B. im Pelzmantel des Königs wie der Jesus-artige Albrecht Dürer im Selbstportrait im Pelzrock, Pylades hängt ein Mobile mit Teilen von Picassos Guernica nach dem Mord an Aigisthos über die Leiche und Apollo tritt ohne Unterarme und Hände, also als sein eigenes Marmorabbild, den Apollo Omphalos auf –, die auf die eine oder andere Weise Parallelen zur Handlung aufweisen. Damit wird geschickt nicht die Aktualität, sondern die Zeitlosigkeit der griechischen Tragödie, aber auch der zitierten Kunstwerke vor Augen geführt. Diese drastische Oresteia ist wahrlich kein Vergnügen. Man ekelt sich, leidet mit, rätselt und hält sich gelegentlich die Ohren zu. Gesehen haben sollte man Castelluccis Werk trotzdem – obgleich ein vorheriger Auffrischungskurs in griechischer Mythologie empfohlen sei.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellung
Samstag, der 21. Mai

 

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