Denken wir uns an entlegene Orte. „Denken wir die Stadt leer“

"Truck Tracks Ruhr" von Rimini Protokoll und Urbane Künste Ruhr bei den Ruhrfestspielen Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr

„Truck Tracks Ruhr“ von Rimini Protokoll und Urbane Künste Ruhr bei den Ruhrfestspielen Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr

Truck Tracks Ruhr heißt das neue Konzept des Kollektivs Rimini Protokoll, produziert von Urbane Künste Ruhr. Eine Fahrt, die diverse Blicke eröffnet: von außen, von innen, durch die Linse. Das Projekt liefert zugleich den rein virtuellen wie auch den realen Roadmovie und den dazugehörigen Soundtrack. Zufällige Darsteller-Innen auf dem Asphalt und mit den Zuschauer-Innen gleichzeitig auf dem Rücksitz. Das alles in Fragmenten, die die Imagination beflügeln und dabei die jeweiligen Städte neu entdecken, weiter- und umdenken. Die zweite Station des Projektes Album #2 Recklinghausen feierte Premiere bei den Ruhrfestspielen.

von SILVANA MAMMONE

Nichts ist mehr, wie es scheint, wenn die Straßen und Gebäude vorbeziehen und sich urbane Panoramen neu vor Dir auftun: Eine Speditionshalle auf dem Mond, ein Freibad im Kriegsgebiet – alles ist möglich. Aber denken wir von Anfang an. Wer kennt denn noch die Simulationsmaschinen aus den Vergnügungsparks? Man erinnert sich an Michael Jackson und das Weltall. Marsmännchen und gefährliche Meteoriten. Aber damit hat Truck Tracks Ruhr nicht wirklich was zu tun. Auch wenn es im ersten Moment stark daran erinnert. Bloß, dass Coldplay zum Einlass läuft. Doch dann springt der Motor an, die drei Leinwände innerhalb des Trucks leuchten auf und eine ruhige, atmosphärische Elektromusik setzt ein. Die Fahrt beginnt und vor den Zuschauer-Innen liegt ein Roadtrip an entlegene und teils vergessene Orte des Ruhrgebiets, hinein in fremde Blickwinkel verschiedenster Künstler-Innen. Die unterschiedlichen Orte, vorab ausgesucht durch den Kurator Aljoscha Begrich, werden mit ihrem oftmals zufälligen Geschehen zu einem „Theaterstück ohne Darsteller, zu einem live vertonten Film oder zu einem Ready-Made-Bild für ein Hörspiel“.

Worauf fällt der Blick?

Das Werk zieht die meiste Anregung und Erfahrung für die Zuschauer-Innen aus der Spannung zwischen Außenwelt und Abstraktion bzw. Erweiterung derselben. Allein durch die Situation der Theaterrezeption sind die Zuschauer-Innen in einer in ihrer Intensität gesteigerten Beobachterposition. Das herkömmliche „Draußen“ wird Kontext für jegliche Form von Blick, außer dem alltäglichen. Dabei sind den individuellen Interpretationen während der Fahrt keine Grenzen gesetzt. Mal setzt man die lineare Strecke zu einem Bild zusammen oder entdeckt kleine Auffälligkeiten, dann wieder sucht man nach den Merkmalen einer von Geschichte gezeichneten Stadt oder malt impressionistische Naturbilder im Kopf. Das alles manifestiert sich ebenso in der Wechselwirkung zwischen Film und Realität und den anfangs verschwimmenden Grenzen zwischen beidem. Es herrscht ein stetiger Wechsel zwischen den vorbeiziehenden Straßen auf der Leinwand und den gleichsam bewegten Straßenbildern hinter der Glasscheibe/Leinwand, erzeugt durch das Hoch- und Runterfahren ebendieser, welche die Sicht nach draußen verdeckt und wieder eröffnet. Als Mitfahrer-In und Zuschauer-In ist man so gesehen ausgeliefert, da insbesondere zu Anfang nicht ganz ersichtlich wird, ob diese beiden Elemente übereinstimmen. Wenn deutlich wird, dass sie es nicht tun, bleibt eine Sehnsucht nach dieser Ungewissheit und es stellt sich die Frage, inwieweit man explizit dieses Spannungsverhältnis noch weiter hätte ausreizen können. Über allem schwebt außerdem eine subtile Ironie, entspringend aus der Hop on-Hop off-Parallele zum metropolitanen Tourismus. Als gaffende(r) Tourist-In/Zuschauer-In in eine Speditionshalle zu fahren, ist ein Moment, den man nicht so schnell wieder vergisst. Dort treffen sich Blicke, die sonst nie aufeinander getroffen wären.

"Truck Tracks Ruhr" von Rimini Protokoll und Urbane Künste Ruhr bei den Ruhrfestspielen Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr

„Truck Tracks Ruhr“ von Rimini Protokoll und Urbane Künste Ruhr bei den Ruhrfestspielen Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr

Auftauchen. Abtauchen.

Ebenso speisen die Single Tracks, also die einzelnen von verschiedenen Künstler-Innen gestalteten Stationen während der Fahrt, von diesem eigentümlichen Spannungsverhältnis zwischen deutlich konstruiertem Kunstwerk und realem Raum, wobei der Künstler/die Künstlerin entscheidet, wie das jeweilige Bild bzw. die Situation durch Sound, Musik, Texte transformiert und erweitert wird. Besonders beeindruckt hier der Single Track von Katia Reshetnikova, die ein impressionistisch anmutendes Werk aus einer Kiesgrube bzw. einer ehemaligen Stahlfabrik geschaffen hat. Durch ihre Soundinstallation hat man das Gefühl, in dieser Grube zu liegen und den Geschichten der Erde zu lauschen. Gleichsam überzeugt die kleine Utopie (oder apokalyptische Fantasie?) von Tobias Rausch zu einem Recklinghäuser Vorgarten-Panorama, in dem er die Rückkehr und ungezähmte Entfaltung der Pflanzen erzählt. Endlich befreit von Heckenschere und Rasenmäher, werden sie die Stadt zurückerobern: „Wach auf, Wildnis!“ Ersan Mondtag konfrontiert die Zuschauer-Innen mit der erschreckenden Ähnlichkeit zwischen Freibadgetümmel und den panischen Schreien während eines Bombeneinschlags. Das alles vor der klaffenden Idylle eines leeren Freibads. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – alles eine Frage der Imagination und der göttlichen Hand des Künstlers/der Künstlerin sowie des Blicks der Zuschauer-Innen… und des Zufalls. War es ein Zufall, dass zwei Möpse über die Trabrennbahn liefen? Man weiß es nicht.

Re-Konstruktion

Obwohl der Truck durchaus einen dem Theatersaal ähnlichen, geschützten Raum darstellt und beizeiten danach schreit, durchdrungen zu werden, wirft es die Zuschauer-Innen auf eindrückliche Weise in die Welt, die ihrer Natur nach zumeist nicht durch Menschenhand und wie ein Kunstwerk ästhetisch durchkonstruiert ist. Dabei bilden die Fahrten zwischen den Stationen einen in die Unendlichkeit ausgedehnten Interpretationsraum, die Single Tracks eine direkte, wenn auch nicht weniger fantasievolle Auseinandersetzung mit dem realen urbanen Raum. Ob der/die einzelne Zuschauer-In dabei eine Hypersensibilität für die Außenwelt entwickelt, die sich traumhaft oder intellektuell entfaltet, bleibt ihm/ihr selbst überlassen. In dieser Freiheit transformiert sich die Stadt. Gleichzeitig stellt das Projekt dadurch Fragen nach künstlerischer Produktion und Deutungsmacht. Wie entwickelt sich ein Kunstwerk, wenn der ursprüngliche Blick nicht auf eine leere Bühne oder Leinwand gerichtet ist? Wie setzen wir die Fragmente eines Werkes zusammen, das so offensichtlich die realen, virtuellen, konstruierten und zufälligen Teile seines Selbst im wahrsten Sinne des Wortes zur Schau stellt?

Insgesamt fährt der Truck im Zuge von Truck Tracks Ruhr 49 Orte an, die vorab als Stationen bzw. Single Tracks von 49 Künstlern gestaltet wurden. Das Projekt startete im April 2016 mit Album #1 Oberhausen und wird bis März 2017 noch fünf weitere Städte mit einbeziehen, kooperierend u. a. mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und der Ruhrtriennale.

 

Informationen zu Truck Tracks Ruhr und den einzelnen Spielorten 

 

Weitere Termine bei der Recklinghäuser Tour:
Dienstag, der 14. Juni
Mittwoch, der 15. Juni
Donnerstag, der 16. Juni
Freitag, der 17. Juni
Samstag, der 18. Juni

 

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