Hitzige Bastardkomödie

"Don Giovanni. Letzte Party" wird bei den Ruhrfestspielen im Festspielhaus gezeigt. Foto: Torsten Janfeld

„Don Giovanni. Letzte Party“ wird bei den Ruhrfestspielen im Festspielhaus gezeigt. Foto: Torsten Janfeld

Bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen hatte eine umjubelte Produktion des Thalia Theaters Hamburg ihre „Pott“-Premiere: Don Giovanni. Letzte Party. Exzessive Spielfreude, bunte Kostüme und eine Menge (dilettantischer) Musikeinlagen rissen das – ungewöhnlich stark involvierte – Publikum wie zu Mozarts Zeiten buchstäblich von den Sitzen. Ob der Abend sonst noch irgendetwas erreichen wollte, steht in den Sternen.

von HELGE KREISKÖTHER

Das Libretto zu Mozarts Oper Don Giovanni rund um den gleichnamigen weiberverzehrenden Protagonisten schrieb der belesene Gigolo Lorenzo da Ponte, nicht unähnlich seinem älteren Landsmann Giacomo Casanova. Beiden, Komponist wie Textdichter, gelang mit dieser Neuauflage des uralten, immer wieder skandalösen Stoffes ein Coup: Ihr 1787 in Prag uraufgeführtes Bühnenwerk mit dem paradoxen Untertitel „dramma giocoso“ gehört zu den wirkungsmächtigsten der Operngeschichte – de facto sogar noch weit mehr als etwa Die Zauberflöte. Nicht nur Goethe, Wagner oder Kierkegaard haben sich über Don Giovanni und seine Figurenkonstellationen konstruktiv den Kopf zerbrochen, sondern auch das 32-jährige Regietalent Antú Romero Nunes, Sohn einer chilenischen Mutter und eines portugiesischen Vaters. Dabei heraus kam eine „Bastardkomödie, frei nach Mozart und Da Ponte“, irgendwo zwischen Schauspiel, Musical und Entertainment-Farce.

„Ich schaff’ euch nicht alle!“

Bevor es richtig losgeht, kommt Leporello (Mirco Kreibich) lustlos von der Hinterbühne bis an die vordere Rampe geschlurft. Er sieht eins zu eins aus wie Tom Hulce alias Mozart in Miloš Formans kongenialem Amadeus-Film (1984) und erteilt dem Publikum erstmal gründliche Einsingübungen. Schon hier erahnt man die Philosophie der Hamburger Produktion: Das Auditorium ist alles, bestimmt es doch an wichtigen Stellen den Ablauf des Abends. Dem gründlich ausgenutzten Diener Don Giovannis folgt eine siebenköpfige Girlband (bestehend aus Gesang, Klavier, Gitarre, Baritonsaxofon, Trompete, Bass und Schlagzeug), die den Abend immer wieder mit musikalischen Mozart-Adaptionen, aber auch mit balkanartigen Rhythmen und effektvollen Geräuschen unterfüttert (musikalische Leitung: Johannes Hofmann). Die Titelfigur selbst (Sebastian Zimmler) erscheint, wie es sich gehört, mit Glamour, ausgeprägtem Narzissmus und einer beinah homoerotischen Aura – wären da nicht die über 2.000 Frauen, die er in halb Europa schon vernascht hat. Schneller als man sich versieht, hat er den Vater einer seiner Geliebten auf dem Gewissen und redet sich gekonnt gewieft aus der Affäre.

Temporeiche Spielfreude lässt bei einer solchen Konstellation natürlich nicht lange auf sich warten. Das blendend aufgelegte, in schrille Rokokotracht gekleidete Thalia-Ensemble (Kostüme: Annabelle Witt) wird fortlaufend umstrahlt von den beeindruckenden Stimmungen der gigantischen Recklinghäuser Lichtmaschinerie (Licht: Paulus Vogt). Und schon bald wird Don Giovannis Wahn ersichtlich, wenn er dem weiblichen Publikum mehrfach entgegenschreit: „Ich schaff’ euch nicht alle!“

Der Rest kann in die Pause gehen

Wunderbar unterhaltsam ist diese aggressive Flirterei mit den Damen (und notgedrungen mit den begleitenden Herren) des Festspielpublikums. Leporellos Ausraster, in dem seine tiefenpsychologische Sinnkrise zum Ausbruch kommt, versucht Don Giovanni da ebenso flapsig mit einem intensiven Kuss auszubügeln wie die Anschuldigungen seiner Verflossenen. Sebastian Zimmler gelingt insgesamt eine meisterhafte Figurenzeichnung zwischen skrupellosem Macho und Zuneigung erflehendem Würstchen. Seine Opfer Donna Anna (schrill: Lisa Hagmeister), Donna Elvira (zielstrebig: Cathérine Seifert) und Zerlina (warmherzig: Gabriela Maria Schmeide) sind zwar schon anderen prächtigen Mannsbildern versprochen und kommen Don Giovanni auch allesamt auf die Schliche – widerstehen können sie ihm dennoch nicht. Ganz in diesem Sinne steht Don Giovanni am Ende der ersten Hälfte aufs Neue am vorderen Bühnenrand und bittet 100 Frauen aus dem Publikum zu ihm herauf, um eine Wahnsinnsparty zu Ehren des „petite mort“ feiern. Und tatsächlich: Die Zuschauerinnen sind angefixt, solidarisieren sich reihenweise mit den Schauspielern und bereuen ihren Mut keinesfalls, denn nach der Pause – die Männer sind verhältnismäßig allein – hört man hinter geschlossenem Vorhang noch immer weibliches Freudengeschrei, unterlegt von Purple Rain.

Zwischen Farce und Geniestreich

Nur die wenigsten Inszenierungen vermögen das Publikum dermaßen authentisch als Handlungsmotor zu nutzen. Falls dies also die Absicht von Nunes war, wurde sie bestens erfüllt. Gleichwohl fragt man sich, was der Abend neben all der virtuosen, den Opernhorizont zweifellos erweiternden Bespaßung noch erreichen möchte. Nunes erzählt den Plot der Oper sehr geradlinig nach, karikiert die Figuren aber so ungekünstelt, reißerisch und eindimensional, wie es nur in den derben Singspielen des 18. Jahrhunderts oder heutzutage in sinnentleerten Musicals der Fall war respektive ist. Dramaturgisch jedenfalls wird der Originalstoff, abgesehen von der charakterlichen Ausgestaltung Leporellos, kaum verändert – nur der Tod erscheint innovativ als schwarz gekleidete, genüsslich rauchende Dame von Welt (Karin Neuhäuser), die mit Don Giovanni liebäugelt und ihm kein höllenhaftes, sondern auffallend einvernehmliches Ende bereitet. Vielleicht kommt es aber auch nicht auf eine theatrale Umstrukturierung der „Oper aller Opern“ an, sondern auf die Freude an der Spielfreude. Eine Farce, die sich an sich selbst hochzieht, dürfte sogar ganz im Sinne des „schmutzigen Kindes“ Mozart gewesen sein. Ob hierfür wiederum derartig viele Musicalklischees bedient werden müssen (z. B. ausufernd platte Dialoge), bleibt womöglich eine Geschmacksfrage.

Melodien wie Là ci darem la mano wurden sofort nach der Uraufführung des Don Giovanni zum Gassenhauer. Höheres Bürgertum und Adel taten sich dagegen anfänglich schwer mit dem anzüglichen Stoff, der auch schon den Komödianten Molière zu einem Stück inspiriert hatte. Nunes macht sich indes einen Spaß aus der enormen Popularität von Mozarts Oper. So wünscht sich Don Ottavio (André Szymanski) nach über 200 Jahren mal eine schnellere Entscheidung von seiner zaghaften Angebeteten und die Girlband schmettert die berühmte Champagner-Arie auf den zu Boden liegenden Protagonisten nieder. Der Rest ist Klamotte und nimmt, fern von Mozart und Da Ponte, so ziemlich gar nichts ernst. Wohl unbeabsichtigt spaltet Don Giovanni. Letzte Party die Theaterzuschauer daher in begeisterte Ohnehin-Opernmuffel und etwas enttäuschte Mozart-Fans. Ein optischer Rausch ist dieser Nunes-Abend allemal.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Dienstag, der 14. Juni
Mittwoch, der 15. Juni

 

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