In den Trümmern menschlicher Abgründe

Kleists "Das Erdbeben in Chili" bei den Ruhrfestspielen Foto: Anke Neugebauer

Kleists „Das Erdbeben in Chili“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Anke Neugebauer

Schon im November des letzten Jahres feierte Alice Buddebergs Inszenierung von Das Erdbeben in Chili (1807) in Weimar Premiere. Nun bringt die Regisseurin Kleists Novelle auf die kleine Bühne des Festspielhauses der Ruhrfestspiele und zeigt in gerade mal 60 Minuten, wieviel Grausamkeit, aber auch Humor in der Abhandlung über den Umgang mit der Theodizee und deren unmenschlichen Resultaten stecken kann.

von ANNIKA MEYER

Der bürgerliche Jeronimo liebt die Edeldame Donna Josephe. Ihre Liebe bringt Josephe ins Kloster, wo in einem heimlichen Stelldichein ihr Sohn Philipp gezeugt wird. Beide kommen ins Gefängnis, Josephe droht die Hinrichtung, ihr Liebster will sich erhängen. Da wendet ein Erdbeben ihr Schicksal – doch die anfängliche Möglichkeit zur Flucht und der kurzzeitige Anschein einer utopischen Idylle fern der Stadt währen nur kurz. Nach einem Dankgottesdienst werden die beiden als Verursacher des göttlichen Zorns und somit des Erdbebens beschuldigt und von einem wütenden Mob erschlagen.

Kleists Sprache ist eher nüchtern. Sachlich, aber mit drastischen Bildern beschreibt er das dramatische und blutige Geschehen. Buddeberg lässt Simone Müller und Jonas Schlagowsky nicht nur die Rollen der Liebenden, sondern auch die der anderen Figuren und des Erzählers übernehmen. Vor einer hölzernen Kommode stehen sie in identischen Anzügen (Ausstattung: Sandra Rosenstiel) vor kleinen Pulten, die als Soundmaschinen dienen. Drücken sie Knöpfe, reagieren u. a. Trommel oder Gong in der Anrichte und lassen darüber verlaufende Glühbirnen auch optisch das Akustische untermalen. Wichtige Prosapassagen werden so, immer wieder unterbrochen von den verschiedenen Geräuschen (Musik und Instrumentarium: Stefan Paul Goetsch), vorgetragen. Das Gebaren erinnert teils an Politikerstatements, teils an semi-sensationslüsterne Fernsehmoderatoren und konterkariert damit Kleists Sachlichkeit.

Puppenberge und Hieronymus Bosch

Aus an der Decke angebrachten Kisten fallen hunderte, der Barbie ähnliche Puppen, alle nackt, meist blond. Das Erdbeben hinterlässt Trümmer in Form entmenschlichten Spielzeugs, durch das sich die Darsteller wühlen, mit dem sie sich bewerfen und das sie in ihre Aktionen mit einbauen. Als Josephe und Jeronimo sich in einem idyllischen Tal wiedertreffen, offenbart die geöffnete Schublade der Kommode ein Diorama mit Puppen, Boschs Garten der Lüste nachahmend, darüber schweben Engel in den Wolken. Der Gedanke, dass alle Menschen gleich sein sollten, spielt nicht nur in Kleists Novelle eine Rolle – schließlich überwindet das Liebespaar anfangs die Grenzen ihres Standesunterschieds –, auch die sich ähnelnden Puppen und die identischen Kostüme der Darsteller verdeutlichen diese Idee. Um die Botschaft wirklich einzuhämmern, werden noch schnell einige Artikel der Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen als Folge der Französischen Revolution 1789 vorgetragen (Dramaturgie: Verena Elisabet Eitel), die mit den Aussagen um Religions- und Meinungsfreiheit das Bühnengeschehen an aktuelle Ereignisse anbindet und dem historischen Novellentext eine weitere Ebene hinzufügt.

Mithilfe zweier Babypuppen, die gekleidet sind wie ihre Puppenspieler, schlüpfen Müller und Schlagowsky in weitere Rollen – mit Leichtigkeit und Spielwitz lassen sie die Puppen das Liebespaar darstellen und mimen selbst u. a. Don Fernando, der die kleine Familie bei sich unterkommen lässt. Eine weitere Ebene wird eröffnet, als die Puppen-Josephe einer kleineren Puppe die Brust gibt. Spiel im Spiel im Spiel!

Kleists "Das Erdbeben in Chili" bei den Ruhrfestspielen Foto: Anke Neugebauer

Kleists „Das Erdbeben in Chili“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Anke Neugebauer

Eine Hymne auf das Leben

Die finale Eskalation vor der Kirche führt zurück zur anfänglichen Spielsituation: Die Puppen sind weggeschaufelt, die Darsteller stehen zum Publikum gewandt am Bühnenrand. Via Tonband haben sie die blutigen Taten des Mobs eingesprochen und verdoppeln auf der Bühne nur in nüchternem Duktus die Schlagworte. Kleists bildgewaltige Sprache spricht für sich, die großen Emotionen des Geschehens stehen im Gegensatz zur Kargheit der Rede. Zwischen den Schauspielern sind rund 60 Puppen in Reih und Glied aufgebaut – der Mob der Masse lässt den Worten eines (Hass-)Predigers Taten folgen. Auch diese Bilder sind im 21. Jahrhundert leider wieder und immer noch aktuell.

Josephe und Jeronimo sind tot – ihr Sohn wächst bei Don Fernando auf, der seinen eigenen Sohn durch den Mob hatte sterben sehen. Zuletzt blickt man auf die Darsteller, die am Ende der Bühne in ein Licht gucken – sie rufen sich verzweifelt Liebesbekundungen zu, die im Verlauf des Stückes noch mechanisch abgespult wurden. Der Tod gibt ihnen ihre Freiheit wieder, wie Kleist und seine Freundin Henriette Vogel beenden die beiden mit einem Kopfschuss auch spielerisch ihr Leben.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Macht der heuchlerischen Masse zu jeder Zeit Gefahr ausstrahlen konnte und kann. Und dass dies noch kein Grund ist, den Traum einer Utopie aufzugeben, in der Menschen einander mit Anstand und Liebe behandeln. Lassen wir also zu guter Letzt, wie auf der Recklinghäuser Bühne, Puppen-Philipp zu Wort kommen: Wir müssen wieder lernen zu leben. Wir sind keine Tiere, wir sind keine Maschinen – wir sind Menschen!

 

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellung
Donnerstag, der 16. Juni

 

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