„Here’s looking at you, Kid!“ – Sex im Auge der Zukunft

"The Future of Sex" bei der Ruhrtriennale 2016 Foto: Fred Debrock

„The Future of Sex“ bei der Ruhrtriennale 2016 Foto: Fred Debrock

Wie mag unser Sex in einer zunehmend technisierten und digitalisierten Welt wohl aussehen, wenn bereits jetzt ein Rückgang der tatsächlichen sexuellen Aktivität zwischen Paaren zu konstatieren ist? Haben wir dann überhaupt noch welchen? Und was ist Sex in Zukunft und jetzt überhaupt? Im Rahmen der Ruhrtriennale 2016 haben das niederländisch-flämische Schauspielkollektiv Wunderbaum und der niederländische Autor Arnon Grünberg auf PACT Zollverein in der Inszenierung The Future of Sex versucht, unserer sexuellen Zukunft performativ beizukommen.

von SYLVIA KOKOT

Im Programmheft zu The Future of Sex heißt es: „Digitaler Sex erweist sich als praktischer, schneller und hygienischer als das wüste Treiben im Schlafzimmer. […] Es sieht danach aus, dass private Fantasie und echter physischer Kontakt sich immer weiter voneinander entfernen.“ In diesem Stück von Wunderbaum und Triennale-Intendant Johan Simons (Regie) werde nun der allgemein spürbare gesellschaftliche Wandel an den „einsamen, verlangenden Körper“ rückgebunden. Und in dem von Arnon Grünberg beigesteuerten Text Das Ende der Zukunft oder: Sex für die Einsamen dient die Technologie als Erweiterung der moralischen (sexuellen) Grenzen. Zugleich wird jedoch der „Verfall einer Kultur“ konstatiert, dessen Protagonisten sich schließlich der „Selbstaufgabe als Ambition, [dem] Aussterben als Utopie“ verschreiben.

Sehenden Auges

Auf der Bühne eine riesige begehbare Webcam (Bühne: Maarten van Otterdijk), darin sitzt Arnon Grünberg – ein bisschen wie Else Kling von der Fensterbank aus das Geschehen beobachtend –, er kommentiert aber nicht unaufgefordert, wie die hier bemühte Vergleichsfigur, vielmehr spricht er nur dann, wenn Fragen an ihn gerichtet werden. Vielleicht erscheint aus diesem Grund die Interpretation als Orakel oder moralische Konstante, wie sie in der Einführung zum Stück vorgeschlagen wird, naheliegend. Doch welche Fragen werden an ihn gestellt, den Bewohner des sehenden Auges, das sich kurz vorm Ende (beinahe schon klassisch) – Kubricks HAL gleich – glühend rot und bedrohlich färbt, bevor es den Ausblick auf ein ominöses Manifest der „Schlampen der Zukunft“ freigibt? DatingApp-Fragen sind es, die dem User aus Profilbildung oder Chats rund um Badoo, Lovoo oder auch Tinder bekannt sein könnten: Sexuelle Spielarten, persönliche Meinungen, groteske Fragen („Was wäre dir lieber: heimlich mit einer Ziege ficken oder nicht mit einer Ziege ficken, aber alle denken, dass du eine Ziege gefickt hast?“) und Gebrauchsphilosophisches reihen sich hier unsortiert aneinander und legen so spielerisch die Absurdität dieser Persönlichkeitskategorisierung frei. Aber ob diese Offenlegung über das Gelächter des Publikums auch ankommt und Denkanstöße gibt?

Nacheinander treten diverse Figuren(-Paare) aus unterschiedlichen möglichen Gegenwarten und Zukünften vor das Publikum und die Webcam und geben vor allem verbal ihrem Begehren Ausdruck: eine Frau, die nackt oder im Pelzmantel ihrer Großmutter vor ihrer Webcam posiert, davon berichtend, dass sie immer von allem kommen kann, Fragen nach ihrem Beruf sind ihr jedoch zu intim. Eine andere Frau, die einen Roboter liebt, dessen technisches Manko, der Dauersteife, in der neuen Version behoben, weil programmierbar ist, sie hat jedoch noch die alte Version. Ein Paar, das seit vier Jahren keinen Sex mehr hat, er redet sich zurecht, sie sei eben mehr als nur seine Frau. Ein Banker mit Windel-Fantasien, der bei einer als Therapeutin bezeichneten Dienstleisterin nach erfolgreicher Behandlung (inkl. ausgestelltem expliziten Genuss des Inhalts der Windel) schnell noch einer Kundenbefragung unterzogen wird. Ein junger Mann mit pädophilen Neigungen, der nun mit einem elfjährigen Kind-Roboter zusammenlebt. Zwei Frauen, die matchen, um in der Öffentlichkeit Sex zu haben.

"The Future of Sex" bei der Ruhrtriennale 2016 Foto: Fred Debrock

„The Future of Sex“ bei der Ruhrtriennale 2016 Foto: Fred Debrock

„rechtlich gesichert“

Eine Aufzählung, die aber eben nicht wertfrei nebeneinandersteht. Wird die Frau, die sich von ihrem Roboter fisten lässt, lediglich stumm vom sich herauslehnenden Webcam-Insassen dabei beobachtet, ist die Windel-Sexszene mit elektronischen Klangsequenzen teilweise ohrenbetäubend unter- oder vielmehr überlegt (Musik: Simon Lenski) und somit unerträglich. Und sowohl die Frauen beim Sexdate als auch der jungen Mann mit Kind-Roboter werden vom Chor (KlangK Projektchor) nicht nur stimmlich umringt.

Aber warum? Was unterscheidet denn die Bedürfnisbefriedigung, die die Frau sich mit ihrem Roboter verschafft, den sie übrigens als ihren Romeo bezeichnet und nach eigenen Aussagen liebt, von dem Verhältnis des Mannes zu seinem Kind-Roboter, das als „rechtlich gesichert“ gilt, da in den Augen der Anderen der Roboter ein Ding ist? Was ist an reiner Bedürfnisbefriedigung, wie sie der Banker sucht und die bereits dem gealterten Videothekengänger der 1990er Jahre aus der Schmuddelecke bekannt sein dürfte, so abartig, dass es hier auch akustisch herausgestellt werden muss? Geht es wirklich um die Frage, ob ein Roboter ein legaler Ausweg aus dem Dilemma der Pädophilie ist? Ist rein technische Bedürfnisbefriedigung durch Roboter in Ordnung, aber Liebe, wie sie der junge Mann seinem Roboter entgegenbringt, nicht? Und was heißt „rechtlich gesichert“? Gerade im Hinblick auf die im Vorfeld der Inszenierung vielfach betonte rechtliche Absicherung, die sich das Künstlerkollektiv eingeholt hat, um den Kind-Roboter wirklich von einem Kind spielen lassen zu dürfen und auf die Tatsache, dass der junge Schauspieler (Valentin Rose) dann doch kurzfristig erkrankte, woraufhin Walter Bart beide Roboter zu spielen hatte, ergeben sich unermessliche Doppelzüngigkeiten und Fragen. Vielleicht sollten gewisse Schärfen und Denkanstöße dem Publikum im PACT Zollverein ja doch nicht zugemutet werden.

Übergänge

Wunderbaum verfolgen seit 2013 das Großprojekt The New Forest, das sich mit dem Übergang in eine neue Gesellschaft unter Einbeziehung verschiedener Denker, Künstler, Institutionen und Plattformen auseinandersetzt. The Future of Sex bildet einen Endpunkt in dieser vierjährigen Beschäftigung. Arnon Grünberg, vielfach ausgezeichnet für seine Form des literarischen Journalismus, hat ein Auge für die Absurditäten des Lebens und, so stellt Agnes Andeweg heraus, „he makes his reader question what reality is. Not in the sense that he would deny reality exists (as the misguided representation of post-modernism goes), but in the sense of how to make sense of different versions of reality.“ Eine vielversprechende Zusammenarbeit kündigt sich hier an, und doch bleibt The Future of Sex dahinter zurück. Denn obwohl sie miteinander agieren, die Darsteller von Wunderbaum und Arnon Grünberg, bleiben die jeweiligen Handlungsstränge voneinander unberührt, man bräuchte die Figuration des Webcam-Insassen nicht, statt seiner hätte es auch eine spiegelnde konvexe Linse getan, wie üblich bei Webcams. Vielleicht hätte die Selbstbespiegelung sogar mehr Potential gehabt. Die Frage nach der Zukunft des Sex stellt doch mehr zur Disposition als SM und SexDatingApps, oder, wie es in der Ankündigung heißt, mehr als „zügellose Wollust eines Marquis des Sade und klinischen Avatar-Sex“.

Was gezeigt wird, ist eben nicht nur Sex, nicht die kulturpessimistisch verschriene und angekündigte Entkopplung von Sex und Liebe, die Ersetzung von Sex durch Kapitalismus und Globalisierung. Denn hier unterwandert das Stück Einführung und Programmheft: Gezeigt wird eine utopische oder dystopische Szenerie (je nach Standpunkt), in der man sich, zwar weniger komplex als in Spike Jonzes Film HER (2013), in Roboter oder digitale Avatare verlieben könnte. Denn infrage gestellt wird der bedeutungsschwangere Begriff „Liebe“ hier nicht, auch nicht, wenn Arnon Grünbergs Text mit der Bemerkung abschließt: „mit dem Mut der Verzweiflung interpretieren die Menschen, die die Letzten ihrer Art zu sein glauben, ihre letzten Zuckungen als Liebe“ und somit suggeriert, dass es sich hier nicht um Liebe handele, vielmehr um eine Fehldeutung. Vielleicht entsprechen die zukünftigen Entwürfe nur nicht dem, was wir heute gängigerweise darunter zu verstehen meinen, und vielleicht verharrt die hier angelegte Sichtweise auf Liebe und Sex doch in einem verhältnismäßig altbackenen Wertekanon, der den von The New Forest beschriebenen Übergang noch nicht ins Auge fassen will.

Insgesamt gelingt es Wunderbaum und Arnon Grünberg in der Inszenierung The Future of Sex zwar, Fragen aufzuwerfen. Wie jedoch die in expliziten Szenen dargestellten Sexpraktiken versatzstückhaft sind, so bleibt eine eigene Positionierung innerhalb des Stückes erstaunlich fleischlos oder wird komplett vermieden. Aber vielleicht ist das ja auch Fazit der Inszenierung: Das Reden über Sex und Liebe ist noch weitaus fleischloser als es digital praktizierter Sex je sein könnte.

 

 

Informationen zur Inszenierung

 

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Ein Gedanke zu „„Here’s looking at you, Kid!“ – Sex im Auge der Zukunft

  1. Nachdem ich diese Kritik gelesen habe, werde ich mir dieses Stück nicht ansehen. Schon allein die Beschreibung der Szenen widert an. Ganz richtig erkannt: was soll die Zukunft von Sex sein?? Viel besser wäre es, wenn die Menschen im gegenseitigem Einvernehmen frei wären, ihre eigenen Phantasien auszuleben, anstatt sich von irgendwelchen Plattformen/“Ratgebern“ oder Prominenten vorschreiben zu lassen , wie ihr eigenes Liebesleben auszusehen hat.Nicht nur wegen des allerersten Bildes entsteht auch der Eindruck, es gehe in diesem Stück auch hauptsächlich um die männliche Lust. Auch das ein Grund, sich dieses Stück nicht anzusehen.

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